Künstler Boller
EINGERAHMT von seinen Werken zur Herrschaft der Baustellen in Karlsruhe während der gesamten 2010er Jahre freut sich Tom Boller über die Resonanz seiner Kombi-Malerei. | Foto: jodo

U-Strab-Malerei

Boller macht Kunst aus der Kombi

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Graue Gestalten gehen im Tunnel. Auch die Röhre ist grau, in allen Schattierungen. Die Menschen streben zum Licht am Ende des Tunnels. „Zur Endstation Marktplatz“, sagt Tom Boller. Sehnsüchtig warten die Karlsruher nach zehn Jahren des Buddelns und des Lärmes mit Behinderungen auf Plätzen und Staus auf Straßen auf ein Ende des Stadtumbaus per Kombilösung für Straßenbahnröhre und Autotunnel.

Der 57-jährige Künstler Tom Boller aber verewigt mit seinen Bildern das Kombi-Bauzeitalter als Wandschmuck oder auf Postkarten, die als Gruß aus der Baustellenstadt in die Welt gehen.

Sein Name ist eine patentierte Uhrenmarke

Dabei ist der gebürtige Hesse, der seit 23 Jahren in der Südstadt lebt, alles andere als ein Fan der U-Strab. Eigentlich ist „Tom Boller“ eine patentierte Marke für Kunstuhren. Eines seiner „Uhrnikate“ mit einem Spruch aus zwölf Lettern zeigt die Zeit mit „Jetzt oder nie“ an.

Für Boller, den Kommunikationsdesigner mit dem schnellen Grafikstift, war es 2015 soweit, im Jahr des 300. Stadtgeburtstags. Mehr zufällig hatte der Südstädter die Baustellen-Kombiwelt am Rondellplatz mit kräftigen Markerstrichen festgehalten – und seine Bauzeichnerei gefiel. Die Nachfrage nach mehr Baustellen-Bollers war da, und Südstadt-Tom verlieh den Kombi-Baustellen eine schöpferische Note auf Leinen oder Pappe.

Die Pyramide glüht

Ohne kritischen Anspruch konzentriert sich der Maler auf das Wesentliche im Stadtbild: Rot-weiße-Absperrbänder, Baugruben und Erdhügel – dazu die markanten Bauwerke. Da überschreit das Gelb des Kombi-Baggers das rote Rathaus. Und die Pyramide erglüht bei Boller gold-gelb als ewiges Wahrzeichen der Weinbrennerstadt für bessere Zeiten ohne Baustellenstaub.

Seit drei Jahren betreibt Tom Boller eine Ladengalerie am Werderplatz. Im Ausstellungsraum kann man ihm über die Schulter in den U-Strab-Tunnel schauen. Dort hängen seine großen Baustellenbilder. Auch im Postkartenformat ist Boller zu haben. Immerhin 10 000 Exemplare insgesamt hat er von 20 Baustellenmotiven aufgelegt, noch sind nicht alle vergriffen. Die Kombi-Bauherrin Kasig habe einige Originale gekauft, berichtet er.

Entschleunigung am Werderplatz

In seinem Laden wirkt Karlsruhes Kombi-Künstlers ganz entschleunigt. Wer bei ihm die U-Strab-Malerei betrachtet oder auf eine Uhr schaut, der kommt mit Boller leicht ins plaudern.

Bei einem Kaffee auf der Schaufensterbank kringeln sich die Gedanken unter dem Dach der Kastanien am Werderplatz. In einem Hauch von Bohème schweift der Blick über den Werderplatz zum Kulturzentrum Kohi, das Boller mitgegründet hat, und trifft beim großen Südstadtindianer erneut auf Bauzäune um den Brunnen. Vorerst malt der Künstler weiter an seiner Kombi-Welt. Das große Tunnelbild hat er erst jüngst vollendet. Noch hat er einen Stapel Fotografien, die er am Werderplatz mit schnellem Strich oder mit ruhiger Hand in Ausdruckskunst vom großen Umbruch Karlsruhes verwandelt.