IM GELB-FIEBER: Thomas Schneider möchte als Bereichsvorstand der Deutschen Post die Brief-und Paketzustellung auch in den Städten miteinander verzahnen. Doppelte Wege sollen vermieden werden. | Foto: Fabry

Wirtschaft

Brief-Chef der Deutschen Post in Karlsruhe: „Wir bezahlen deutlich besser als andere Paketdienstleister“

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Im Briefzentrum Karlsruhe fühlt sich Thomas Schneider sichtlich wohl – inmitten der tausenden gelben Kisten und vielen Förderbänder. Bis zu 2,2 Millionen Briefe werden dort pro Tag bearbeitet. Allerdings werden immer weniger Briefe versandt, Pakete hingegen mehr denn je. Für den Bonner Konzern ist dies eine Herausforderung. Mit BNN-Redakteur Dirk Neubauer unterhielt sich der Bereichsvorstand der Deutschen Post AG auch über Portoerhöhungen und über die Diskussion, dass künftig montags keine Post mehr zugestellt werden könnte.

Herr Schneider, wann haben Sie eigentlich zuletzt einen Brief oder eine Postkarte verschickt?

Thomas Schneider: Vor zwei Wochen – Postkarten aus dem Skiurlaub in Österreich. Postkarten und Briefe haben eben eine andere Wertigkeit als eine WhatsApp-Nachricht. Die können Sie nicht wie eine Postkarte an den Kühlschrank pinnen. Und den Brief gibt es bereits seit 500 Jahren. Er bleibt!

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Klassische Briefe werden aber seltener geschrieben. Ihre Schätzung: Wie viele wird die Deutsche Post in zehn Jahren noch bearbeiten und zustellen?

Natürlich ist die Zahl der Briefe rückläufig. Derzeit sind es rund 57 Millionen Stück am Tag. Wir haben einen Rückgang von zwei bis drei Prozent pro Jahr. Und in zehn Jahren? (Schneider ruft die Rechner-Funktion seines Smartphones auf und tippt). Da könnten wir bei dieser Entwicklung immer noch rund 40 Millionen Briefe haben. Genau prognostizieren lässt sich das aber nicht. Im Gegenzug nimmt allerdings die Zahl der Pakete zu.

Mit einer Schließung von Briefzentren würde eine schlechtere Qualität einhergehen.

Thomas Schneider, Bereichsvorstand der Deutschen Post AG

Was für Konsequenzen hat der Rückgang für die Briefzentren in der Region?

Gar keine. Wir brauchen die dortige Feinverteilung, sortieren mit hochautomatisierten Anlagen für den Briefträger die Post für jedes Haus vor. Mit einer Schließung von Briefzentren würde eine schlechtere Qualität einhergehen. Das wollen wir nicht. Die bundesweiten Rückgänge sind in der prosperierenden Technologieregion Karlsruhe übrigens kein allzu großes Thema. Dennoch müssen wir reagieren.

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Wie?

Wir werden die Brief- und die Paketzustellung mehr verzahnen. Auf dem Land wird bereits heute jedes Paket von einem Mitarbeiter zusammen mit Briefen zugestellt. In den Städten dominiert jedoch noch die getrennte Zustellung. Das wollen wir ändern, um Synergien zu erzielen.

Ich sage immer flapsig, wenn wir die gesamte Wegstrecke, die unsere Zusteller jeden Tag in ganz Deutschland zurücklegen, zusammenzählen würden, wären wir mit weitem Abstand Deutschlands größter Lauf- und Wandersportverein, denn unsere Mitarbeiter sind an sechs Tagen in der Woche unterwegs. Doppelte Wege sollten wir aber vermeiden.

Kleinere Pakete bis zehn Zentimeter Dicke werden daher künftig in Städten auch vom Postboten zugestellt. Wir rüsten in diesem Jahr zunächst drei Briefzentren technisch auf, um perspektivisch auch kleine Pakete in den Briefzentren bearbeiten zu können.

Ein deutscher Haushalt gibt übrigens im Durchschnitt lediglich 2,40 Euro pro Monat für Porto aus.

Thomas Schneider, Bereichsvorstand der Deutschen Post AG

Den Kunden interessiert vor allem, ob das Briefporto über das Jahr 2021 hinaus stabil bleibt.

Das hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von Kostensteigerungen bei Löhnen, Transport und Immobilien, aber eben auch von der Entwicklung der Briefmenge. Ein deutscher Haushalt gibt übrigens im Durchschnitt lediglich 2,40 Euro pro Monat für Porto aus. Portokosten sind dennoch ein emotionales Thema. Das finde ich aber positiv, zeigt es doch, dass wir als flächendeckender Versorger für die Menschen Relevanz haben.

Wäre das ein Deal? Das Porto bleibt länger so, wie es ist. Dafür müsste die Deutsche Post künftig nicht mehr montags Briefe zustellen.

Ich bin da offen für eine sachliche Diskussion, die im Übrigen gerade stattfindet. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet an einer Modernisierung der mehr als 20 Jahre alten Postgesetzgebung. Letztlich ist alles eine Kostenfrage und die Politik muss entscheiden.

Am Ende ist entscheidend, was der Kunde will.

Thomas Schneider, Bereichsvorstand der Deutschen Post AG

In Dänemark und Italien werden Briefe teilweise nur noch an ein bis drei Tagen pro Woche zugestellt – ist das eine Horrorvorstellung für Deutschland?

Horrorvorstellung ist der falsche Begriff. In Dänemark gingen der Post 80 Prozent der Menge verloren, auch, weil der Staat bei seinen Sendungen komplett auf digitalen Briefverkehr umgestellt hat. Am Ende ist entscheidend, was der Kunde will: Der Bedarf, dass einem an jedem Werktag Briefe zugestellt werden, ist sicherlich nicht so groß wie bei Paketen.

Nur einmal die Woche Post zu bringen, ist aus deutscher Sicht aber in der Tat nur schwer vorstellbar. Eine gute postalische Versorgung ist ein hohes Gut und gehört zur Infrastruktur dazu.

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Ganz ehrlich: Haben Sie Probleme mit den Laufzeiten? Laut Gesetz müssen 80 Prozent der regulären Post am nächsten Tag und 95 Prozent am übernächsten Werktag zugestellt sein. Der Kunden-Lobbyverband DVPT hat da seine Zweifel …

Schneider: … der DVPT hat seine Messungen noch nicht abgeschlossen. Wir haben TÜV-zertifizierte Messungen, die zeigen, dass 92 Prozent der Briefe am nächsten Werktag beim Empfänger ankommen. Dass Briefe vermeintlich länger unterwegs sind, kann auch daran liegen, dass diese mit dem aktuellen Datum versehen werden, aber erst Tage später bei uns aufgegeben oder in den Briefkasten geworfen werden. Oder ein Kunde wirft seinen Brief in einen Briefkasten ein, obwohl der an diesem Tag bereits geleert wurde. In diesem Fall ist klar, dass die Sendung nicht am nächsten Tag beim Empfänger ankommen kann.

Schwere Kartons, zugeparkte Straßen, häufig nicht anzutreffende Kunden – viele Paket-Zusteller können einem schon Leid tun.

Jedes 50. Paket wiegt über 20 Kilogramm, wir probieren da technische Hilfen zur Entlastung aus. Ich denke aber, der Beruf des Paketboten ist insgesamt ein schöner Beruf, weil er Freude bringt. Natürlich will ich nicht verhehlen, dass der Job auch oft anstrengend ist. Wir bezahlen aber deutlich besser als andere Paketdienstleister: Zu Beginn bekommen Postboten rund 14 Euro pro Stunde, im Durchschnitt sind es 18 Euro. Und alle Beschäftigten sind sozialversichert.

Haben Sie als zuständiger Manager mal einen Tag lang testweise Pakete zugestellt?

Schneider (lacht): Ja, sicher. Das war schon eine Herausforderung. Die Paketboten laden sich ja im Durchschnitt 200 Pakete pro Tag ins Auto, und zwar in der Reihenfolge, wie sie ihre Bezirke abfahren. Die haben die Route mit den Empfängern im Kopf. Ich habe da höchsten Respekt. Wir wollen aber – wie bei den Briefen – künftig die Fahrtfolge in den Paketzentren vorsortieren. In diesem Jahr möchten wir das für 80 Prozent der Bezirke erreichen.

Amazon ist in Teilen ein Wettbewerber von uns, aber in erster Linie ein sehr großer Kunde.

Thomas Schneider, Bereichsvorstand der Deutschen Post AG

Amazon baut eigene Verteilzentren und ein Zustellernetz auf. In einigen Regionen ist Amazon bereits ihr Konkurrent. Bieten Sie dem Online-Händler so günstige Konditionen, damit er nicht noch mehr Gas gibt?

Zu Konditionen äußern wir uns natürlich nicht. Und ja: Amazon ist in Teilen ein Wettbewerber von uns, aber in erster Linie ein sehr großer Kunde. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch so bleiben wird. Amazon wäre ohne uns in Deutschland übrigens nicht so groß geworden. Unsere Qualität und flächendeckende Abdeckung Deutschlands sind ein Pfund, mit dem wir wuchern können.

Die Bundesnetzagentur hält die neuen Preise, die Privatkunden für Pakete zahlen müssen, für zu hoch. Sie will in einem offiziellen Verfahren prüfen, ob die Deutsche Post ihre Preise missbräuchlich erhöht hat. Was sagen Sie denn dazu?

Von dieser Überprüfung hat uns die Behörde gerade erst informiert. Wir schauen uns das an, aber ich kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts dazu sagen. Fakt ist, dass die derzeitigen Preise erst einmal weiter gelten.

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Wohin wird der Paket-Boom noch führen?

Wir gehen von einem weiteren Wachstum aus …

Wir wollen bis 2050 keine CO2-Emissionen mehr haben.

Thomas Schneider, Bereichsvorstand der Deutschen Post AG

… trotz der verstopften Innenstädte und der Klima-Debatte? Die Deutsche Post DHL fliegt Post und Pakete rund um die Welt, fährt in die Stadtzentren. Haben Ihre elektrischen StreetScooter da nicht eine bloße Alibifunktion?

Nein. Wir waren der erste Dax-Konzern, der gesagt hat: „Wir wollen bis 2050 keine CO-Emissionen mehr haben.“ Deshalb investieren wir auch in StreetScooter. 11.000 davon gibt es schon in unserer Flotte, mit denen wir rund 40.000 Tonnen COjährlich einsparen. Damit ist jedes fünfte unserer Autos bereits CO-neutral unterwegs.

Unsere Zusteller sind zudem täglich mit 17.000 Fahrrädern und E-Bikes auf der Straße. Wir schaffen außerdem pro Jahr 3.000 E-Trikes an, weil sich auf Fahrrädern mit drei Rädern auch Pakete transportieren lassen. Das ist ja unsere Strategie, doppelte Wege zu vermeiden.

Übrigens haben alle Logistik-Dienstleister beim Verkehrsaufkommen in Deutschlands Innenstädten nur einen Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Und bei einem Paketversand durch die Deutsche Post DHL kommen wir bereits jetzt auf einen relativ geringen COAusstoß. Dieser hat im Durchschnitt eine ähnliche Größenordnung, als wenn Sie drei Kilometer mit dem Auto fahren.

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