MRS. HANDWERK: Brigitte Dorwarth-Walter steht seit Jahrzehnten bei der Handwerkskammer Karlsruhe ihren Mann. Sie ist stellvertretende Hauptgeschäftsführerin und dort unter anderem für Wirtschaftsförderung zuständig. | Foto: Fabry

Frau in der Männer-Domäne

Brigitte Dorwarth-Walter war die erste Frau in der Führungsebene der Handwerkskammer Karlsruhe

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Eine Zeitreise zurück ins Jahr 1983: Unverheiratete Frauen werden noch mit „Fräulein“ angesprochen. In der Führungsebene der Handwerkskammer Karlsruhe hat es bis dato noch nie eine Frau gegeben. Dann kommt sie: Brigitte Dorwarth-Walter. Den Diplom-Betriebswirt in der Tasche und den Industriekaufmann-Gesellenbrief des E.G.O.-Konzerns – dort war sie die erste Abiturientin unter den Azubis. Aber was heißt schon Azubis: Nicht nur im Handwerk nannte man den Nachwuchs seinerzeit noch Lehrling oder gerne auch „Stift“.

Nun könnte man meinen, dass es Brigitte Dorwarth-Walter damals verdammt schwer hatte. So als Frau in der vermeintlichen Männer-Domäne Handwerk. Sie, die neue Assistentin des damaligen Hauptgeschäftsführers Heribert Scherer. „Hatte ich aber nicht“, sagt Dorwarth-Walter. Schnell wurde sie Referats- und Hauptabteilungsleiterin, dann 1994 stellvertretende Hauptgeschäftsführerin.

Handwerk – das ist genau ihr Ding, das merkt jeder, der mit der 62-Jährigen spricht. Dabei, nebenbei bemerkt, hat sie zu Hause gar kein handwerkliches Geschick. „Eine Birne auswechseln, das ist das höchste der Gefühle.“

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Sie setzt sich für Familienfreundlichkeit im Handwerk ein

Die Handwerkskammer Karlsruhe, mit 19.000 Betrieben zwischen Bruchsal, Bühl, Karlsruhe, Pforzheim und Nagold, ist schon eine Nummer. Diese wird aber nicht von einem Duo geführt, das Joachim Wohlfeil und Gerd Lutz heißt, sondern von einem Trio. Brigitte Dorwarth-Walter steht ebenfalls seit Jahrzehnten ihren Mann, pardon ihre Frau.

Jetzt aber Schluss mit dem Thema Frau, Beruf etc. pp. Das passt nicht zu Dorwarth-Walter. Machen, nicht politisieren – getreu dieser Maxime setzt sie sich seit jeher für Familienfreundlichkeit im Handwerk ein. Ihr Netzwerk reicht bis nach Berlin und Brüssel. Als Verantwortliche für Wirtschaftsförderung in der Kammer nützt ihr das. Sie könnte stundenlang von Gremien, Projekten, vom Menschen-Zusammenbringen erzählen. Für ihren Job investiert sie viel Energie. Zeitweise hatte sie schon an die 70 Abendtermine pro Jahr.

Ich bin nie ein Nein-Sager gewesen

Wenn jemand Rummel um ihre Person machen würde, dann läge ihr das nicht. Sie schafft lieber. „Ich bin auch nie ein Nein-Sager gewesen“, betont die Macherin. Dabei heißt es doch in jedem Büchlein von Personalern und Psychologen, es sei wichtig, auch mal eine Aufgabe abzulehnen. „Ja, ich weiß“, sagt Dorwarth-Walter leise. Zuckt gleich danach mit den Schultern und rührt ihren Cappuccino  weiter um.
Sie fände neue Aufgaben spannend. Man müsse halt strukturiert vorgehen, um mit dem Arbeitspensum klarzukommen, meint sie. „Ich habe ja 1.000 Themen“.

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Als Brigitte Dorwarth-Walter bei der Kammer anfing, gab es dort noch keinen PC. Sie hat dann Handwerksbetrieben Computerkurse angeboten. Aus- und Weiterbildung war ihr schon immer wichtig; noch heute ist sie Schulleiterin der Landesakademie des Handwerks Baden-Württemberg in Karlsruhe. Oder die Serviceoffensive: Mitglieder könnten ohne Termin in die Kammer am Karlsruher Friedrichsplatz kommen, wenn sie ein Problem haben. Bei einem Kaffee werde gleich versucht, dieses im Besprechungsraum zu lösen. Es ist auch Dorwarth-Walter zu verdanken, dass die Handwerkskammer Karlsruhe zu den modernsten in Deutschland zählt.

Ihr Herz schlägt auch für Bretten

Eine menschliche Komponente kommt hinzu: „Die Frau ist immer gut gelaunt“, sagt ein Mitarbeiter über seine Chefin. Sie gilt als detailverliebt, kommunikativ. Eine ihrer Schwächen nennt Dorwarth-Walter selbst: „Ich bin schon sehr sensibel, nehme mir die Dinge zu Herzen.“ Andere würden das definitiv als Stärke sehen.
Ihr Herz schlägt auch für Bretten, ihre Heimatstadt. Täglich fährt sie von dort aus eine Stunde an ihren Arbeitsplatz. Familiär bedingt hätte sie wohl nie in Köln, Hamburg, München oder sonst wo einen Job angenommen – weil Bretten zu weit weg gewesen wäre.

Dort wächst sie in den 1960ern und 1970ern behütet auf. Der Vater ist in Bretten Stadtkämmerer, die Mutter Hausfrau. Anders als ihr Bruder muss sie immer draußen, immer in Bewegung sein. „Ich hatte immer einen großen Freundeskreis. Vielleicht war ich damals schon Netzwerker“, sagt sie. Ein Bezug zum Handwerk gibt es: Ihr Großvater war Maler- und Lackierermeister.

Fan von Rea Garvey und Mark Forster

Ihren Mann lernt Brigitte Dorwarth-Walter während des BWL-Studiums in Pforzheim kennen; er ist heute Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Gemeinsam wandern, walken, Fahrrad fahren, das sind Hobbys. Und Musik. Wobei: Dorwarth-Walter hört gerne einen Mark Forster, Rea Garvey oder Adel Tawil. „Das ist in meinem Auto an – und im Auto meines Mannes nur Klassik.“

Seit dem Studium fahren sie fast jedes Jahr nach Dorf Tirol – damals war Südtirol noch nicht hip. Für größere Reisen fehle die Zeit, gebe es zu viele Verpflichtungen. Darauf angesprochen, winkt Dorwarth-Walter ab. „Wir haben schon so viele Urlaube storniert.“ Dann also doch lieber der heimische Garten in Bretten. „Ich habe keine großen Ziele“, sagt Brigitte Dorwarth-Walter. „Man freut sich an kleinen Dingen. Auch ein freies Wochenende ist schön.“

Vielleicht liegt diese Einstellung auch daran, dass diese Power-Frau längst angekommen ist, schon vieles erreicht hat. Einfach durchs Machen.