DIE CHEFIN IM HAUS: Britta Wirtz leitet eine der größten deutschen Messegesellschaften – und das seit über zehn Jahren. Zuvor war diese Position der Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH ein Schleudersitz. | Foto: Fabry

Das Porträt

Britta Wirtz: Die rastlose Mrs. Messe

Anzeige

Es ist schon die Frage, ob sie diese Titulierung arg gern hört. Aber man darf Britta Wirtz dennoch mit Fug und Recht als „Mrs. Messe“ bezeichnen. Denn die 46-Jährige leitet Deutschlands 15-größte Messegesellschaft. Als Chefin an der Spitze – da gibt es in der Branche unter den großen Messen nur noch Wirtz’ Dortmunder Kollegin Sabine Loos.

Rückblende, Ende der 1990er-Jahre, Anfang der 2000er: Auf dem Chefposten der Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH herrscht ein Kommen und Gehen. Ein Manager nach dem anderen muss weichen oder nutzt das kurze Engagement bei den Badenern als Karriere-Sprungbrett. Dann wird Wirtz angeheuert. Unter einigen Männern im KMK-Umfeld rumort es; sie komme schließlich nicht aus der ersten Reihe, heißt es. Was nicht fair ist: Denn immerhin war ihr vorheriger Arbeitgeber Reed Exhibitions schon damals der größte private Messeveranstalter der Welt – und Wirtz bei der Deutschland-Tochter Prokuristin.

Mit Britta Wirtz endete die Fluktuation an der Spitze

Mittlerweile behauptet sich die Power-Frau seit zehn Jahren in Karlsruhe. Wer nicht mit ihr konnte oder wollte, hat das Unternehmen verlassen. Insider der hiesigen Messe-Szene wissen, dass auch mit den Verantwortlichen von Hess-Messe (Resale) oder Hinte-Messe nicht ständig alles Friede-Freude-Eierkuchen war. Mittlerweile ist die Resale, einst internationales Vorzeigeveranstaltung in Karlsruhe, Geschichte – eine der wenigen Messen, die es vor allem wegen des Internet nicht mehr gibt. Und Hinte hat sein Verbrauchermessen-Portfolio mit der offerta und inventa an die KMK veräußert. Auch weitere Messen kaufte Wirtz zu. Sie geht ihren Weg und genießt dabei das Vertrauen ihrer Aufsichtsratsvorsitzenden.

Auf der zweiten Führungsebene begleiten sie drei Männer und fünf Frauen. Die guten Zahlen sprechen für sich, auch wenn die KMK wohl immer rote Zahlen schreiben wird, weil sie – anders als andere kommunale Messen – Fixkosten für die Hallen schultern muss. Unter Wirtz’ Leitung hat sich der Umsatz der städtischen Tochtergesellschaft nahezu verdoppelt. Rekorde auch beim operativen Ergebnis und bei der Besucherzahl.

Bei ihr muss es schnell gehen

Bei der Frau muss es schnell gehen. Das war schon als Kind so. „Mit fünf Jahren habe ich mich selbst für schulfähig erklärt“, erinnert sie sich schmunzelnd. Bloß nicht weiter in den Kindergarten. Stattdessen stöbert sie im Schulranzen des 16 Monate älteren Bruders, bringt sich selbst das Rechnen und Lesen bei. Nach dem Abitur studiert sie unter anderem Kommunikationswissenschaften an der Uni Essen, schaut sich die CeBIT an – und ist fasziniert vom Marktplatz Messe.

CeBIT als erste Messe

Wer Britta Wirtz offene Fragen stellt, bekommt häufig lange Antworten. Reden, überzeugen, werben für ihre Interessen, das liegt ihr. Fünf Sprachen spricht die in Kronberg im Taunus aufgewachsene Messe-Chefin. Da ist dann auch schon mal BWL-Sprech dabei, wenn sie etwa sagt, sie wolle „den Markt weiter explorieren“.

Ungeduld nennt sie als eine ihrer Schwächen. Ihre Pressesprecherin Maren Mehlis lächelt verschmitzt bei dem Stichwort. Ihre Chefin höre man schon von weitem. Klack-klack-klack, ganz schnell gehe das. Einmal sei sie auch mit Wirtz zum Sport gegangen, plaudert Mehlis. „Für mich war das Joggen.“ Britta Wirtz redet da lieber von Walking. Jeden Samstag und Sonntag um 8 Uhr, wenn die zwölf und 16 Jahre alten Kindern noch schlafen, saust sie durch die Karlsruher Höhenstadtteile. Montagabends geht’s zum Workout in die Turnhalle des TSV Palmbach.

Aufgabenteilung ist das A und O

Aufgabenteilung mit ihrem Mann – er ist Geschäftsführer eines Verbandes und lehrt an der Hochschule – sei das A und O, damit sich Job und Familie vereinbaren ließen. „Sie arbeitet elf, zwölf Stunden am Tag“, verrät Mehlis.

Eben noch ein Geschenk für einen Geburtstag einkaufen und verpacken, das jetzt im Wagen liegt, und nun das Gespräch mit dem Redakteur führen. Da bleibt das Handy auf stumm geschaltet. „Die Erfahrungswerte meiner Kinder sind, dass der Papa eher dran geht, wenn sie anrufen“, sagt Wirtz schmunzelnd. „Bei mir können sie aber genauso anrufen.“

„Oma Karlsruhe“ hat sie geprägt

In ihrem Frauenbild hat die Managerin ihre Uroma geprägt. „Oma Karlsruhe“ nannten die Kinder sie. Wirtz hat Wurzeln in der Fächerstadt. Und „Oma Karlsruhe“ war eine, heute würde man sagen, toughe Frau, mit Führerschein und eigenem Auto. Familiäre Bande hat Wirtz auch nach Norwegen. Jeden Sommer zieht es sie für drei Wochen mit ihrer Familie dort hin, 1 500 Kilometer mit dem Auto auf die Inselgruppe Hvaler. „Dort ist es, wie man es vom Sonntagabendprogramm kennt.“ Inga Lindström und so. Norwegen sei für sie der Ruhepol. Wäre aber bei all ihrer Neugierde nicht mal ein anderes Ziel etwas für sie, Mallorca zum Beispiel? „Aber doch nicht im August!“, entrüstet sich Wirtz. „Schon da am Strand zu liegen und nebenan liegt ein anderer. Nicht mit mir.“ Dann lieber irgendwann mit dem Auto am Mittelmeer entlang fahren, die sich ändernden Landschaften genießen. „Das geht aber nur, wenn man viel Zeit hat.“ Hat Britta Wirtz nicht. Also wandert sie an Wochenenden oder besichtigt Burgen in der Pfalz und in Baden. „Wir haben immer einen Stapel an Ausrissen von BNN-Wandertipps.“ Freizeit, das sei für sie vor allem: Zeit für die Familie.
Befragt zu ihren Hobbys, legt Wirtz ihren Kopf in den Nacken. Dann ist, ungewöhnlich für sie, mal eine Weile Sendepause. „Messen?“, antwortet sie schließlich kleinlaut. Klar, sie gärtnert gerne, mag Kunst. Aber eben auch Messen, nicht nur berufsbedingt. Da dürfe man sich nie ausruhen, weil sich der Markt ständig verändere. Siehe CeBIT, Wirtz’ erste Messe, die bekanntlich nicht mehr existiert.

„Mit angezogener Handbremse“

Wer sie kennt, der weiß, wie es sie wurmen muss, dass die Sanierung des Kongresszentrums stockt. „Wir fahren da mit angezogener Handbremse.“ Also tüftelt sie mit ihrem Team an kreativen (Not-)Lösungen. „Es muss ja weitergehen.“ Da ist sie wieder, Mrs. Messe, die Rastlose. Die Power-Frau verabschiedet sich mit kräftigem Händedruck. Klack-klack-klack, schon eilt sie zum nächsten Termin.