Bürgermeister Obert
START UND ZIEL seines Lebenswegs ist für Baubürgermeister Michael Obert das Eckhaus der Tullastraße zur Gerwigstraße (rechts). Dort lag er vor 65 Jahren in der Wiege, und eisern wird der künftige Pensionär an seinem Wohnsitz in der Oststadt festhalten. | Foto: Sandbiller

Mit Obert auf dem Weg ins Amt

Bub der Oststadt verlässt Rathausspitze

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Dort war der Metzger und da der Bäcker. Dort drüben die Kohlehandlung und da hinten der Strumpfladen. Aber das Schuhgeschäft gleich hinter dem „Gold“, wo der Oststadt-Bub einst die Fische im Aquarium des Delikatessenhändlers bestaunte, das gibt es tatsächlich noch.

Der Mann aus der Oststadt ist immer zu Hause geblieben. Nie hat er Karlsruhe gegen irgendeine andere Stadt tauschen wollen. Und so soll es bleiben, wenn Michael Obert in einem Monat das Rathaus verlässt.

Karnevalist auf der Bühne

In seiner Stadt ist der Spross „eines mittleren Beamten“ die Karriereleiter hoch geklettert bis in die Verwaltungsspitze. Der Jurist dirigierte zuvor die Karlsruher Zentrale der Rentenversicherung am Weinbrennerplatz, im höchsten Haus der Stadt.

Als Stadtrat der FDP wird Obert zum Debattenführer im Gemeinderat, der bekennende Karnevalist und talentierte Schauspieler macht den Bürgersaal im Rathaus zur Bühne seiner Einlassungen in allen Karlsruher Zusammenhängen, im Großen wie im Kleinen. Auf der Karte der Liberalen wird der Jurist Obert 2008 zu Karlsruhes Baubürgermeister befördert.

Zehn Jahre hat der Oststädter mit dem großen Faible für Karlsruhes Geschichte nun das Bauen in der Stadt versucht streng dienstlich nach allen Paragrafen des Vorschriftendschungels und politisch nach seinen städtebaulichen Vorstellungen zu lenken. Überhaupt liegt dem Vertrauten der Stadtgeschichte, mit all den historischen Anekdoten, die sich um Häuser, Straßen und Ereignisse ranken, die Entwicklung „seiner“ Fächerstadt am Herzen.

Allein ihr Grundriss und „dieser einzigartige Schlossplatz für eine Stadt dieser Größe“ – „das gibt es nur ein Mal auf der Welt“. Nach einem Jahrzehnt in der Stadtführung verlässt Michael Obert Ende September das Eckzimmer des Roten Rathauses am Marktplatz – und geht nach Hause, in seinen „Heimatstadtteil“, die Oststadt.

Wandelndes Geschichtsbuch

Wer mit Michael Obert an einem Sonnenmorgen von seiner Haustür in der Oststadt bis zum Bürgermeister-Schreibtisch im Rathaus geht, dem offenbart er sich als das wandelnde Geschichtsbuch der Fächerstadt. Kein Haus in der Gerwigstraße bleibt ohne Oberts Kommentar, die Erinnerungen zwingen zum Anhalten: Obert geht in Erzählpose, die Arme weisen in alle Ecken seiner Oststadt, der Zeigefinger deutet in die nächste städtebauliche Wunde.

Auch als das Durlacher Tor passiert wird, versiegt das überquellende Wissen nicht. Dort endete für den Siebenjährigen 1960 die Oststadtwelt. Er erinnert sich genau.

Aber jetzt spricht der Baudezernent. An dem Verkehrsknoten „müssen wir aufpassen“, meint er nachdenklich. Eine anspruchsvolle Gestaltung mit mehr Bodengrün und mehr Bäumen müsse rasch kommen, immerhin seien die Mittel für 2022 beantragt. Überhaupt müssen wir den Karlsruhern nach den vielen Jahren U-Strab-Baustelle „schnell die Stadt zurückgeben“, fordert Obert auch am Berliner Platz.

Lokalmatador

Auch auf der Kaiserstraße geht es nur im Obertschen Erzählrhythmus voran. Schließlich hat doch dieser Lokalmatador auf dem Bürgermeisterstuhl auch dort zu jedem Haus etwas zu sagen. Folgt man auf dem Kronenplatz Oberts ausgestrecktem Arm, dann steht dort schon die neue Stadtbibliothek, zumindest vor dem geistigen Auge.

Michael Obert
EINEN LANGEN SCHATTEN kann Bürgermeister Obert auf dem Marktplatz werfen, wenn er demnächst das Rathaus verlässt und damit keine Führungsrolle mehr auf der Bühne der Stadtpolitik spielt. | Foto: Sandbiller

Und wer eine Frageflanke auf das weite Gesprächsfeld Karlsruher Fußball schlägt, der kommt bei Obert an den Richtigen. Mit Herz und Wissen landet er spielerisch weitere Treffer. Schließlich sitzt der Fußballnarr auch dem so kleinen wie ruhmreichen Karlsruher Fußball Verein vor. Der traditionsreiche KFV hatte es 1910 sogar zur Deutschen Meisterschaft gebracht.

Ich war nie weg

In Karlsruhe ist er geboren. Schon Baby-Obert lebt in der Oststadtwohnung, wo der 65-Jährige auch heute noch daheim ist. „Ich war eigentlich nie weg“, sagt der bekennende Oststädter. Auch im Ruhestand werde er dort bleiben. Da ist er sicher. Mögen auch die Bäcker und Metzger verschwinden, mehr Autos und mehr Bäume kommen, das Industriebähnchen zu Kaloderma und der Schlot am Straßenbahndepot verschwunden sein – in seinen Geschichten ist alles präsent.

Seife und Schlachtbank

Obert bleibt, wer er ist: Das Kind der Oststadt, der die elterliche Wohnung in der Tullastraße als jüngster unter vier Brüdern übernommen hat. Natürlich reist der gebildete Mann auch durch Europa, besonders schätzt er deutsche Städte wie Regensburg oder Bamberg. Doch weiter wollte er nie in die Welt hinaus.

Noch immer hat er den Geruch der Kindheit in der Nase – „die Düfte der Oststadt“. An der Veilchenstraße gerät der angehende Pensionär endgültig ins Schwärmen. Ach, dieses Duftgemisch der Oststadtluft – von den Seifensiedern der Kaloderma, den Schlachtbänken jenseits der Durlacher Allee, dem Kohlestaub aus dem Kraftwerk gegenüber dem Elternhaus in der Tullastraße und dazu noch der Zuckerhauch aus der Bonbonfabrik Ragolds, gegenüber ging der kleine Michael in die Tullaschule, später fuhr er mit der Straßenbahn ins Kantgymnasium, schon in der östlichen Innenstadt.

Heimat an der Pyramide

Als der Baubürgermeister bei diesem Sommerspaziergang auf dem Marktplatz ankommt und die erst seit wenigen Tagen von ihrer Bauverpackung befreite Pyramide im warmen Sonnenlicht sieht, da bekennt der eingefleischte Badener: „Das ist meine Heimat.“

Sofort erzählt er die passende Geschichte. Sie belegt, woran man sich in Karlsruhe halten kann: an Obert und an die Pyramide. Nach dem Abitur am Kant schworen sich Obert und seine Oberprimaner 1973, dass sie sich in der Silvesternacht 1999 zur Jahrtausendwende wiedertreffen. „Natürlich an der Pyramide, sie hat die Weltkriegsbomben überstanden, sie steht immer, da waren wir uns sicher“, sagt der Stadthistoriker und Oberbauverantwortliche der Fächerstadt. Mehr als die Hälfte der alten Freunde seien dann an der Pyramide erschienen. Sie hätten sich auch bei Michael Obert in der Oststadt treffen können, der lebt seit 65 Jahren zur Miete in der Tullastraße und so wird es, wenn es nach ihm geht, noch viele Jahre bleiben.