In der ehemaligen Wurstküche der Metzgerei Bässler in einem Hinterhof in der Oststadt befindet sich der Lagerraum des Leihladens. Derzeit können gut 170 verschiedene Gegenstände ausgeliehen werden, das Sortiment wird aber noch deutlich wachsen. | Foto: jodo

Teilen statt besitzen

Bürgerstiftung Karlsruhe hat einen Leihladen eröffnet

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Der rote Schriftzug „Metzgerei Bässler“ über dem Eingang in der Gerwigstraße 41 ist verschwunden. Auch drinnen erinnert kaum noch etwas an den Traditionsbetrieb. Übrig geblieben sind die Fleischerhaken. Blitzblank poliert ragen sie aus der geweißelten Wand. Nur hängen keine geräucherten Würste mehr dran – dafür ein Snowboard, ein Bügeleisen, ein Fahrradhelm, ein Ventilator und ein knallrotes Bobbycar.

Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was den Besucher in der alten Wurstküche im Hinterhof erwartet. Dort reiht sich ein Holzregal an das nächste. Bohrmaschine, Stichsäge und anderes Werkzeug liegen neben Fritteuse, Tischgrill, Laminiergerät und Dörrautomat. Ein Kindertragesitz ist ebenso zu haben wie ein Rollator und eine Teleskop-Aluleiter. Alles ist penibel durchnummeriert und wartet auf die Ausleiher. Willkommen in Karlsruhes erstem Leihladen.

Es geht darum Dinge zu teilen, statt sie zu kaufen.

Hinter Cornelia Holsten, der Vorsitzenden der Bürgerstiftung Karlsruhe, und ihrem Team liegen arbeitsreiche zwölf Monate, bis „aus der Idee etwas Sichtbares wurde“. Bei der Eröffnung am Samstagnachmittag erzählt Holsten davon. Das Konzept hinter dem Leihladen in der Oststadt, der offiziell den Namen „leih.lokal“ trägt, ist simpel: „Es geht darum, Dinge zu teilen, statt sie zu kaufen, um die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern – das spart Geld und Platz“, sagt die Projektinitiatorin.

Bessere ökologische Bilanz

Im Internet existieren bereits viele Leihplattformen. Für Holsten haben sie aber einen Makel: „Man bekommt die Sachen zeitverzögert und muss den Transport einrechnen – aus ökologischer Sicht ist das nur halbnützlich. Wir wollten bewusst einen stationären Laden. Die Leute können die Sachen, die sie benötigen, hier vor Ort anschauen und gleich mitnehmen“, so Holsten.

Gut 170 Artikel stehen zum Ausleihen bereit – es sollen noch mehr werden

Während die Metzgerei in den vergangenen Monaten umgebaut wurde, sammelte die Bürgerstiftung die Ware. Gut 170 Gegenstände sind bisher zusammengekommen, teilweise sind sogar neue Sachen dabei. Es ist ein Grundstock, aber noch nicht genug: „Unser Wunsch wären etwa 800 Artikel“, sagt Holsten. Angeboten werden ausschließlich Gegenstände aus den Bereichen Heimwerker, Haushalt, Kinderbedarf und Freizeit. Kleidung, Spielzeug, Textilien und digitale Medien werden nicht angenommen. Auch Bücher nicht. Dafür gibt es einen anderen passenden Ort: Holsten verweist auf die öffentlichen Bücherschränke, ebenfalls ein Projekt, das die Bürgerstiftung in Karlsruhe vor einigen Jahren angestoßen hat.

Verleih gegen Pfand

Verliehen werden die Gegenstände im Leihladen übrigens gegen Pfand. Je nach Artikel beträgt dieses fünf, zehn oder 20 Euro. Nur bei einigen wenigen wertvollen Gegenständen fällt das Pfand höher aus. „Wir haben viel diskutiert, ob wir eine Gebühr erheben sollen – uns aber erst mal dagegen entschieden, auch um die Administration so gering wie möglich zu halten“, berichtet Holsten. Stattdessen soll eine Spendenbox aufgestellt werden.

Nach intensiver Vorarbeit geht es jetzt in der Oststadt los: Die Macher des Leihladens Klaus Ackermann (links) und Cornelia Holsten sowie Heinrich Deubner vom Kuratorium der Bürgerstiftung Karlsruhe. | Foto: jodo

Die Leihfrist beträgt eine Woche und kann zwei mal verlängert werden um eine Woche.
Klaus Ackermann hat alle ausleihbaren Artikel fotografiert, beschrieben und auf die Homepage des Leihladens gestellt, unterteilt nach Kategorien. „Die Leute können dort auch gleich sehen, ob ein Gegenstand verfügbar oder ausgeliehen ist“, sagt Ackermann, der einen Bundesfreiwilligendienst absolviert und zusammen mit Cornelia Holsten und acht Ehrenamtlichen das „leih.lokal“-Team bildet. Ackermann kümmert sich nicht nur um die digitale Sortimentpflege, er hält den Leihladen an den vier Öffnungstagen am Laufen.

Räume des Leihladens können auch für Kurse und andere Aktivitäten gemietet werden

Auch außerhalb der Leih-Öffnungszeiten soll das Ladenlokal mit Leben gefüllt werden. So wird es noch in diesem Monat ein Reparatur-Café und ein öffentliches Picknick geben „Die Räume stehen allen offen, die für die Bürger oder mit ihnen gemeinsame Aktivitäten planen und umsetzen möchten“, betont Holsten. Es könnten Yoga-, Kochkurse oder andere kreative Aktionen angeboten werden. Ehrenamtliche können die Räume kostenlos nutzen, bei kommerziellen Anbietern wird eine Raummiete fällig.

Lesungen und Konzerte geplant

Um Geld zu erwirtschaften, um die Fixkosten zu decken, plant die Bürgerstiftung auch kulturelle Veranstaltungen am Abend wie Lesungen oder Konzerte. Eine Kooperation mit der Hochschule für Musik gibt es bereits. „Von ihnen bekommen wir auch einen Leihflügel“, freut sich Holsten, die mit ihrer Bürgerstiftung im Gegenzug einen Bücherschrank auf dem Campus One finanzierte.

Anerkennung vom Kuratorium

Große Anerkennung für das „was die Bürgerstiftung hier auf die Beine gestellt hat“, sprach Heinrich Deubner bei der Eröffnung dem Team aus. „Ich hätte mir damals als Student gewünscht, fast für umme auf Geräte zurückgreifen zu können, um meine Studentenbude zu renovieren“, so der Vorsitzende des Kuratoriums der Bürgerstiftung, das als unabhängiges Kontrollorgan die Einhaltung der Stiftungszwecke überwacht. Der Leihladen werde sein volle Potenzial zeigen, wenn viele den Raum nutzen und mit eigenen Projekten füllen, betonte Daubner und warb zugleich um Unterstützung der Bürgerstiftung – in Form von Arbeitskraft, Leihgegenständen und Geldspenden.

Bläserquintett der Musikhochschule spielt bei der Eröffnung

Unter den Besuchern bei der Eröffnung am Samstag, die dem Bläserquintett der Hochschule für Musik lauschen, das ein altes ungarisches Tanzlied schwungvoll spielt und später noch ein Stück von Ravel und eine musikalische Liaison von Beethovens Fünfter und Bossa nova erklingen lässt, sind auch Heinz und Ingrid Bässler. Die beiden sitzen auf Stühlen, direkt unter einer großen Fotografie, das die beide in ihrer Metzgerei zeigt, und die Holsten bewusst als Widmung und Erinnerung an die Wand gehängt hat.

Es tut gut zu sehen, dass etwas Schönes und Sinnvolles daraus geworden ist.“

Die Wehmut ist bei Metzgermeister Heinz Bässler nicht zu übersehen. Für ihn sei es ein Kraftakt gewesen, sich von der Metzgerei zu trennen. „Wir waren 54 Jahre selbstständig, zunächst in der Sophienstraße, ab 1973 dann hier in der Gerwigstraße.“ Doch gesundheitliche Gründe und fehlende Nachfolger zwangen Bässler, seinen Laden aufzugeben und zu verkaufen. „Aber es tut gut zu sehen, dass etwas Schönes und Sinnvolles daraus geworden ist“, so die Bässlers.

Der Leihladen in der Gerwigstraße 41 in der Oststadt ist montags, donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr sowie samstags von 11 bis 16 Uhr geöffnet.