Deutlich mehr Kundenfrequenz wünschen sich die Karlsruher Einzelhändler nicht nur in der Kaiserstraße. Der U-Strab-Bau und der Online-Handel haben deutliche Spuren hinterlassen. | Foto: jodo

Einzelhandel in Karlsruhe

Bunte Pop-up-Läden füllen triste Lücken

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Wer mit wachen Augen durch die Innenstadt läuft, entdeckt sie sogar in der Haupteinkaufsmeile Kaiserstraße: leere Geschäfte, zugeklebte Schaufenster. Graue, triste Lücken im bunten, glitzernden Konsumkosmos.

Der frühere Esprit-Laden in der Kaiserstraße steht nach wie vor leer

Eine dieser Lücken ist das mehrstöckige Gebäude in der Kaiserstraße 195–197, in dem früher der Mode-Filialist Esprit logierte. Abgesehen von einem temporären Sonderverkauf, den nicht alle in der Nachbarschaft goutierten – steht das Geschäft nach wie vor leer. Auf verriegelte Schaufenster blickt man auch in der Kaiserstraße 173, direkt an der Haltestelle Herrenstraße. Der schwedische Moderiese H&M schloss dort vor wenigen Monaten seine Filiale.

Die Tourist-Information zieht ins „Kaiser-Karree“

Dafür bahnen sich im Gebäude „Kaiser-Karree“ am Marktplatz Veränderungen an: Nach dem Aus für die Filiale der spanischen Kette Zara Home rührte sich lange nichts. Es fand sich kein Mieter für die große Fläche an diesem exponierten Platz. Manche machten die Baustellen dafür verantwortlich, andere unkten von sehr hoher Miete. Doch nun verkündet ein Schriftzug am Schaufenster: Die Tourist-Information und die KTG Karlsruhe Tourismus ziehen in das Gebäude ein, das der Investor Freeport anstelle des ehemaligen Schelling-Baus („Volksbankgebäude“) errichtet hat.

Feines italienisches Tuch folgte auf Koffer und Taschen

Rascher vollzieht sich der Wechsel in den Seitenstraßen der Kaiserstraße – so scheint es: Im südlichen Bereich der Herrenstraße etwa, stand nach dem Wegzug von Leder Rude das zweistöckige Ladengeschäft nicht lange leer. Mitte August eröffnete dort der italienische Herrenausstatter Boggi Milano, der seinen Angaben nach den Großteil seiner Bekleidung in Italien produzieren lässt.

Belebung im Center „Ettlinger Tor“

Sehr lange dominierte die U-Strab-Baustelle den Rondellplatz und die Karl-Friedrich-Straße in diesem Bereich. Seit die Bauzäune weg sind, atmet auch die Centermanagerin des „Ettlinger Tor“ auf. „Das hat sofort zu einer spürbaren Belebung geführt“, bestätigt Anne Klausmann. Besonders bemerkbar macht sich das im Eingangsbereich am Ettlinger-Tor-Platz.

Das Einkaufscenter „Ettlinger Tor“ setzt auf Branchenmix und immer wieder neue Geschäfte. Anfang des Jahres eröffnet die Modemarke Hollister eine Filiale. | Foto: jodo

Veränderungen stehen auch im Center an: Anfang Februar eröffnet das zu Abercrombie & Fitch gehörende Modeunternehmen Hollister sein ersten Geschäft in Karlsruhe. Im Eingangsbereich am Rondellplatz zieht im ersten Quartal neue Gastronomie ein. Gegenüber „bratar“ wird dann „Yemen Kahvesi“ eine Vielzahl an türkischen Spezialitäten servieren. „Wir setzen weiter auf einen vielseitigen Branchenmix und verändern uns stetig“, versichert Klausmann. Nur so bleibe man ein attraktives Ziel für Kunden.

Modegeschäft „Unikat“ zieht vom Passagehof in die Kaiserstraße um

Wie in anderen Städten dominieren auch in Karlsruhe Filialisten die Haupteinkaufsmeile. „Aber jetzt wagen wir uns als Einzelhändler in die Kaiserstraße“, sagt Andreas Preißler selbstbewusst. Er und sein Bruder Michael bereichern seit fast 20 Jahren die Stadt mit verschiedenen Konzepten. Seit fünf Jahren betreiben sie den Laden „Unikat“ im Passagehof, wo sie ausschließlich europäische Marken vertreiben. Ab dem 1. Dezember wechseln sie in der Kaiserstraße 145, zwischen Marktplatz und Lammstraße.

Lange Suche nach einer passenden und bezahlbaren Ladenfläche

„Der Laden ist ein Glücksfall. Wir haben lange gesucht“, berichtet Preißler. „Wir wollten endlich sichtbarer sein!“ Immer wieder warb der Händler mit anderen Akteuren aus dem Passagehof bei der Stadt für eine entsprechende Beschilderung. Vergeblich. „Innenstadtbesucher, vor allem die von außerhalb, fanden uns oft nicht“, so Preißler. Langfristig, so glaubt Preißler, wird der Passagehof ohnehin mehr zu „einer Gastro-Ecke“ werden.

Menschen suchen wieder verstärkt inhabergeführte Geschäfte

Der U-Strab-Bau und der Online-Handel haben deutliche Spuren in der City hinterlassen. Die Kundenfrequenz ist zurückgegangen. „Viele Händler sind deshalb gefrustet“, weiß Preißler. Doch der Kaufmann sieht langsam wieder kleine, positive Impulse beim stationären Handel. „Schon seit einiger Zeit suchen Menschen wieder verstärkt inhabergeführte Geschäfte.“ Allerdings seien diese Kunden nicht nur anspruchsvoll beim Sortiment. „Sie wollen auch ein Einkaufserlebnis!“ Einzelhändler müssten darauf mit modernen Konzepten reagieren. Ideen seien gefragt.

Plötzlich ist der Mieter weg und der Laden leer

Als ihr Mieter, ein Telekommunikationsanbieter, von einem auf den anderen Tag aufgab, stand Annette Wahls Laden plötzlich leer. Einen neuen Mieter fand sie nicht sofort. Ausgeräumte Geschäftsräume hinter leeren, zugeklebten Schaufenstern waren für die Inhaberin des Karlsruher Traditionsgeschäfts „Hut Nagel“ und Immobilienbesitzerin keine Option.

Pop-up-Stores als Lösung gegen tristen Leerstand?

Eine Idee musste her. „Auf diese kamen Gabriele Calmbach-Hatz von Papier Fischer und ich, als wir uns beim Pferderennen in Iffezheim unter einem Regenschirm drängten“, erzählt Wahl. Die rührigen Geschäftsfrauen von „Hut Nagel“ und „Papier Fischer“ beschlossen, die Räume in der Kaiserstraße 84 in einen Pop-up-Store zu verwandeln. Sie holten weitere Akteure ins Boot: Die Preißler Brüder mit ihrem „Unikat“ und das Möbelgeschäft „Wohnfabrik“, das vor Kurzem einen Laden in der Erbprinzenstraße bezogen hat.

Wir möchten ein Zeichen gegen den Leerstand in der City setzen!

Aufploppen wird das temporäre Geschäft am 29. November und in den Wochen bis Weihnachten immer donnerstags, freitags und samstags geöffnet sein. „Wir möchten mit unserer gemeinsamen Aktion auch ein Zeichen gegen den Leerstand in der Karlsruher City setzen“, betont Wahl.
Calmbach-Hatz setzt noch zusätzlich auf einen eigenen Pop-up-Store: In direkter Nachbarschaft zu „Papier Fischer“ gibt es bis Ende des Jahres das „Vitra. Pop-up Atelier“, das sich schwerpunktmäßig dem Eames Plastic Chair widmet.

Noch mehr temporäre Geschäfts-Konzepte

Noch mehr Läden mit Vergänglichkeit: Bis 24. Dezember gibt es den Pop-up-Laden „Bücherbuffet“ in der Kaiserstraße 60 (die BNN berichteten). Zum wiederholten Mal zu Gast in Karlsruhe ist Anna Spiegel aus Bruchsal mit ihrem „Damenzimmer“. „Den mobilen Laden sehe ich als zweites Standbein“, sagt die Einzelhändlerin, die ihr Stammgeschäft in Bruchsal hat. Nach Durlach und der Kaiserstraße bereichert sie nun die südliche Waldstraße.

Händler in der südlichen Waldstraße atmen auf

Die Einzelhändler und Gastronomen in der südlichen Waldstraße atmen auf. Rechtzeitig zum Advent kommt der Baukran weg. „Wir haben die Baustelle seit drei Jahren vor der Haustür – inklusive Lärm und Dreck“, sagen Petra und Bernd Sentner von „Sentner’s Schmuck Galerie“. Ob ein Geschäft ins Erdgeschoss des Neubaus zieht, wissen die beiden nicht. „Wir wissen nur, dass unser Nachbar, wo zuvor die Boutique Skog 42 war, Optiker Bassmann wird“, so Petra Sentner.

Mehr Fußgängerzonen nach skandinavischem Vorbild

Zwei Jahre suchte Tanja Wolf nach passenden Ladenräumen und fand sie schließlich in der südlichen Waldstraße, wo sie Ende Juli ihre Boutique „maribelle“ eröffnete. Einen Wermutstropfen gibt es aber: „Obwohl es eine Spielstraße ist halten sich weder Autofahrer noch Radfahrer an die Schrittgeschwindigkeit. Wolf und wünscht sich für die Stadt mehr Fußgängerzonen nach dem Vorbild skandinavischer Städte. „Dort werden die Straßen von den Händlern und Gastronomen viel mehr bespielt – das ist viel attraktiver für die Kunden.