Als Beauftragte für Chancengleichheit rät Patricia Montbrun Frauen, sich frühzeitig selbst um ihre finanzielle Absicherung zu kümmern.
Als Beauftragte für Chancengleichheit rät Patricia Montbrun Frauen, sich frühzeitig selbst um ihre finanzielle Absicherung zu kümmern. | Foto: Peter Sandbiller

Equal Pay Day

Von Rollenbildern zum Renten-Gap

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„Über Geld spricht man nicht“? Solche überholten Glaubenssätze und das Festhalten an traditionellen Geschlechterrollen führen Frauen allzu oft in Abhängigkeit, Burnout und letztlich in die Altersarmut, erklärt Patricia Montbrun.

Als Beauftragte für Chancengleichheit vertritt sie die Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt in allen Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt, der Frauenförderung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Sie berät Fach- und Führungskräfte und wirkt bei der Erstellung von Konzepten zur Chancengleichheit mit. Und sie ist aktive Netzwerkerin: Sie steht in Kontakt mit Kommunen, Gewerkschaften, Unternehmen, Familienberatungsstellen, Organisationen und Ministerien.

Re-Traditionalisierung kann in Altersarmut führen

Obwohl Frauen in den vergangenen Jahrzehnten viele Rechte für die nachfolgenden Generationen erstritten haben, beobachtet Montbrun eine Re-Traditionalisierung unter jüngeren Frauen, einen Rückzug in Haushalt und Familienarbeit. Da aber das traditionelle Versorgermodell auch rechtlich heute nicht mehr greife, sei diese Tendenz fatal: Das sei der Weg, der so viele Frauen ab etwa 60 Jahren jetzt in die Altersarmut führe.

„Meine Generation hatte damals keine Wahl“, sagt Montbrun, die selbst bald ihren 60. Geburtstag feiert. Junge Frauen heute können dagegen frei entscheiden, ob sie arbeiten wollen – und entscheiden sich trotzdem häufig dagegen.

Frauen sollten sich über ihre Finanzen im Klaren sein und die Versorgung im Alter absichern. Das Modell „reicher Ehemann“ funktioniere aber längst nicht mehr. Denn die Realität der Patchworkfamilien und auch die Rechtslage sei eine andere: Unterhalt und Erbe etwa müssten sich Ehefrauen dann häufig mit Frauen und Kindern aus erster Ehe teilen. Zudem könne es immer passieren, dass der Mann plötzlich nicht mehr da ist – sei es durch Trennung oder durch Tod: „Dann sind auf einen Schlag alle Lebenspläne hinüber.“

Frauen bekommen nur halb so viel Rente wie Männer

In dieser emotionalen Extremsituation sei es fatal, wenn die Finanzen nicht geklärt seien. Schlimmer als der viel diskutierte Gender Pay Gap, also die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen, sei der Renten-Gap, also die Rentenlücke: Durch geringere Bezahlung, vor allem aber durch den mehrjährigen Ausfall am Arbeitsmarkt durch Familienzeit bekommen Frauen in Deutschland durchschnittlich nur etwa halb so viel Rente wie Männer – und das bedeutet für viele: Armut im Alter.

Die heute 40-Jährigen könnten aber „das Ruder noch herumreißen“, sagt Montbrun: „Auch wenn man nicht verheiratet ist, sollte man zumindest einen Versorgungsvertrag mit seinem Partner abschließen.“ Dieser regelt die finanzielle Versorgung der Familienmitglieder, wenn der Hauptverdiener wegfällt. „Viele sprechen nicht einmal über Geld mit ihrem Partner. Es gehört aber zum Erwachsensein dazu, mit Geld umzugehen!“, sagt Montbrun mit Nachdruck.

Nach wie vor werde Frauen die Entscheidung zu arbeiten nicht leicht gemacht. Arbeitende Mütter gälten immer noch zu oft als „Rabenmütter“, stünden im Konkurrenzkampf mit anderen Müttern und müssten schiefe Blicke ertragen, wenn der Kuchen für den Elternabend mal nicht selbst gebacken sei.

Zwischen „Rabenmutter“ und beruflicher Neuorientierung

Doch manchmal geht es einfach nicht anders. Wenn der Mann und Versorger wegfällt, müssen Frauen wieder arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und die Kinder zu verdienen. Montbrun erzählt von einem besonderen Schlüsselerlebnis in der Wiedereinstiegsberatung: Eine Frau habe sich 20 Jahre lang um die drei Kinder gekümmert und ihrem Mann „den Rücken frei gehalten“.

Die traurige Erkenntnis: Die in dieser Zeit erworbenen Familienkompetenzen werden von Arbeitgebern nicht nachgefragt, und von ihrem alten Job hatte sie alles verlernt. „Sie musste sich mit Ende 40 noch einmal ganz neu überlegen, welchen Beruf sie ergreifen will.“

MINT-Berufe als Chance

Derzeit sei der Weg in einen so genannten MINT-Beruf am erfolgreichsten – gerade im Raum Karlsruhe würden Fachkräfte gesucht, und die Digitalisierung erleichtere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Frauen sollten sich nicht scheuen, sich etwa zur Fachinformatikerin ausbilden zu lassen. „Wer einen Thermomix bedienen kann, kann auch das.“

Sie appelliert auch an Mädchen im Teeniealter, sich bei der Berufswahl stärker an der Frage zu orientieren, ob sie damit finanziell eine Familie versorgen können – im Notfall alleine. Selbstständigkeit und das Handwerk seien da auch ein guter Weg. „Viele Mädchen denken, das Handwerk sei nichts für sie. Aber wer hindert sie denn daran, den Meister zu machen und andere für den eigenen Betrieb arbeiten zu lassen?“

Doch auch die Arbeitgeberseite müsse noch mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun – auch für Männer. Ein positives Beispiel hat sie auch parat: Ein Akademikerpaar, das zu jeweils 60 Prozent im gleichen Betrieb arbeitet. „So profitiert der Arbeitgeber von 120 Prozent Arbeitskraft, statt einen überarbeiteten Arbeitnehmer zu 100 Prozent zu haben.“

Wiedereinstiegsberatung
Die Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt bietet vielfältige Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Die Wiedereinstiegsberatung ist kostenfrei und unverbindlich. Termine sind möglich in Bruchsal, Karlsruhe, Rastatt und Baden-Baden. Terminvereinbarung unter Telefon (08 00) 4 55 55 00 oder per E-Mail an karlsruhe-rastatt.wiedereinstieg@arbeitsagentur.de
Patricia Montbrun ist persönlich erreichbar per E-Mail an karlsruhe.rastatt.bca@arbeitsagentur.de
Informationen auch auf der Website der Arbeitsagentur.