Von wegen „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird“: Unverständnis und Ärger über den Ausschluss von Traditionsständen kochen nach wie vor sowohl unter den Schaustellern als auch unter den Besuchern des Christkindlesmarktes hoch. | Foto: jodo

Schausteller kritisieren Stadt

Christkindlesmarkt: Große Sorgen um die Tradition

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So festlich sich Christbaumkugeln auch im Licht spiegeln, so angenehm der Duft von Bienenwachskerzen und Glühwein die Nase kitzelt, das Idyll auf dem Friedrichsplatz trügt: In den teilweise hübsch weihnachtlich geschmückten Giebelhäuschen geht es ums knallharte Geschäft.

Christkindlesmarkt als wichtigste Einnahmequelle

Für viele Karlsruher Schaustellerfamilien ist der Christkindlesmarkt die wichtigste Veranstaltung des Jahres. Während der vier Vorweihnachtswochen wird gut ein Viertel des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Umso härter deshalb traf langjährige Beschicker in diesem Jahr die für sie völlig unerwartete Absage der Stadt. Auf mehrfache Anfragen der BNN beim Marktamt, hat die Stadt jetzt ihre Position präzisiert.

Wir sehen die Entwicklung mit großer Sorge“

„Wir sehen die Entwicklung mit großer Sorge und haben ein mulmiges Gefühl“, sagt Susanne Filder, die Vorsitzende des Schaustellerverbandes Karlsruhe. Die Stadt habe das neue Punktesystem eingeführt, um sich gegen die Klagen und Widersprüche abgelehnter Bewerber zu schützen. „Das können wir verstehen, aber dass Karlsruher Stammbeschicker, die immer eine Zusage erhalten haben, plötzlich nicht mehr kommen dürfen, können wir nicht nachvollziehen.“

Nachteil für Familienbetriebe?

Grundsätzlich gilt, so Susanne Filder: „Mit dem Geschäft wird nicht auch der Standplatz gekauft.“ Doch sowohl bei der Familie Eichel als auch bei der Pizzabäckerei Gebert treffe das nicht zu, beide Geschäfte wurden nicht verkauft. „Im ersten Fall ist der Vater gestorben, und der Sohn führt das Geschäft weiter, im anderen Fall ist ein Karlsruher Schaustellerbub als Gesellschafter miteingestiegen“, so die Vorsitzende des Schaustellerverbandes. Im Umkehrschluss hieße das, dass ein Generationenwechsel einem Familienbetrieb zum Nachteil ausgelegt werden könnte. „Wir müssen ab sofort jedes Jahr aufs Neue Angst haben, nicht zugelassen zu werden – das ist ganz und gar kein gutes Gefühl“, resümiert Filder, deren Familie seit 116 Jahren im Schaustellergewerbe ist und den Christkindlesmarkt, der 1972 zum ersten Mal stattfand, mitbegründete.

Wirtschaftsfaktor Christkindlesmarkt

Der Christkindlesmarkt ist ein Wirtschaftsfaktor. Das haben längst auch andere erkannt. Gastronomen und Eventfirmen drängen in dieses Marktsegment und wollen ein Stück vom lukrativen Kuchen abhaben. „Es gibt immer mehr Mitbewerber, die überhaupt nicht aus dem Schaustellergewerbe kommen“, stellt Filder fest.

Bewährt und bekannt zählt nicht mehr so viel

Wie die Stadt auf BNN-Anfrage mitteilte, beschränkte sich das bisherige Bewertungssystem im Wesentlichen auf die Kriterien „Attraktiv“, „Bewährt“ und „Bekannt“. Im neuen System, das auf „mehr Transparenz bei der Vergabe der Standplätze abzielt“ und „die Attraktivität und Vielfalt auf dem Christkindlesmarkt unterstützt“, werden dagegen folgende Kriterien bewertet und mit den in Klammern genannten Faktoren gewichtet: „Frontlänge“ (Faktor 4), „Bauliche Gestaltung“ (Faktor 3), „Dekoration und Beleuchtung“ (Faktor 4), „Warenangebot“(Faktor 5), „Prägendes Traditionsgeschäft“ (Faktor 2) und „Sonstiges“ (Faktor 2, zum Beispiel Preis-Leistungs-Verhältnis, Neuheit).

Werden die „Großen“ bevorzugt?

Etliche Standbetreiber fürchten jedoch, dass das neue Bewertungssystem gerade „die Großen bevorzugen könnte“. Viele, die Kritik äußern, wollen ihre Namen nicht nennen, aus Angst vor möglichen Konsequenzen durch das Marktamt. Kleine Familienschaustellerbetriebe könnten nicht einfach so mal für eine halbe Million Euro einen neuen Stand bauen lassen, kritisieren sie beispielsweise. Hier gehe es um Existenzen, aber darauf nehme die Stadt keine Rücksicht. Auch die Kritik, dass manche Mitbewerber bei ihren Wünschen – zum Beispiel nach mehr Platz – bevorzugt werden, wird ausgesprochen.

Neue Bewertungsrichtlinien gelten seit 1. Juli 2016

Laut der Stadt erhielten alle Beschicker, die sich fristgerecht bis zum 30. Juni beworben haben, am 1. Juli ein Schreiben, das ihnen bis zum 31. Juli Gelegenheit gab, ihre Bewerbung – entsprechend des neuen Bewertungssystems – zu ergänzen und gegebenenfalls zu handeln. Bereits im November 2015 habe die Stadt Karlsruhe bei der jährlichen Beschickerversammlung, über die beabsichtigten Änderungen der Zulassungsrichtlinien informiert, sagt die Sprecherin der Stadt, Helga Riedel. Das sehen die Schausteller etwas anders. Die Zeit auf die Änderungen zu reagieren sei sehr knapp gewesen, kritisieren sie. Der Zeitpunkt fiel mitten in die Urlaubszeit, zum anderen wären einige Schausteller auch gerade mit ihren Geschäften woanders gestanden und hätten den Brief erst später lesen können.

Abwechslungsreich oder uniformiert?

Die Stadt sollte sich überlegen, was sie möchte, heißt es unter den Karlsruher Schaustellern: Einen Christkindlesmarkt, der sich durch „Flair sowie besondere und einzigartige Stände auszeichnet, die noch persönlich geführt werden von Leuten, die für die Besucher jederzeit ansprechbar sind“. Oder einen „uniformierten“ Christkindlesmarkt, auf dem sich die gleichen Stände wiederfinden wie in anderen Städten – vergleichbar mit den Fußgängerzonen und ihren ewig gleichen Läden großer Filialisten“.

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