Clemens Becker und Willie Smits
Clemens Becker (rechts) managt seit fast 40 Jahren die Orang-Utans der Europäischen Zoos. 2002 war er bei Willie Smits auf Borneo, der sich dem Schutz der hochbedrohten Art verschrieben hat. Die Artenschutzstiftung Zoo Karlsruhe unterstützt die Bemühungen. | Foto: Becker

Zuchtbuchführer seit 38 Jahren

Clemens Becker ist der Manager der Orang-Utans

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Der Tod der Krefelder Orang-Utan-Gruppe durch den Brand im Affenhaus macht nicht nur viele Menschen sehr betroffen, sondern ist auch ein Rückschlag für das Europäische Zuchtprogramm. Dieses trägt dazu bei, die Art zu erhalten, die es im Freiland immer schwerer hat: Insbesondere die Sumatra-Orang-Utans sind  hoch bedroht. Der Manager der Orang-Utan-Popuation in den Zoos zwischen Moskau und Lissabon ist Clemens Becker vom Karlsruher Zoo  – obwohl dieser die seltenen Menschenaffen noch nie gehalten hat. Was sich aber ändern soll.

Ein kleiner Orang-Utan namens Horst

Horst gab den Anstoß: Das Orang-Utan-Baby aus dem Frankfurter Zoo konnte 1977 von seiner Mutter nicht versorgt werden, weil diese nach der Geburt krank war. „Eine andere Orang-Utan-Mutter, die vier Monate zuvor eine Tochter zur Welt gebracht hatte, übernahm den Kleinen aber, gab ihm die Brust und kümmerte sich um ihn“, schildert Clemens Becker. Er ist nicht nur Artenschutz-Kurator und stellvertretender Direktor des Karlsruher Zoos, sondern auch Manager von 340 Orang-Utans in 75 Tiergärten. Als Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms ist er seit fast 40 Jahren der Partnervermittler dieser Menschenaffen.

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Woran Horst schuld ist: Als er sich mit Hilfe seiner Ziehmutter Ratja ins Leben kämpfte, saß Becker tief beeindruckt vor dem Gehege. Und zwar tagelang: Für das Vordiplom seines Biologie-Studiums hatte er sich für eine Verhaltensstudie entschieden. Und bei den Frankfurter Orang-Utans war es gerade hochinteressant.

Die Tiere wissen genau, was vor sich geht – und handeln danach.

Clemens Becker

 

Seine leibliche Mutter durfte Horst nicht auf den Arm nehmen – hielt aber immer Kontakt zu ihm, beobachtete Becker damals. Etwa durch Berührung, während Ratja das Baby säugte. Erst als Horst aus dem Gröbsten raus war und Ratja ihm Klettertraining angedeihen ließ, durfte seine Mutter wieder eingreifen. Gleichzeitig gab Ratja die Verantwortung wieder ab, erinnert sich Becker. „Die Tiere wissen genau, was vor sich geht – und handeln danach“, sagt er.

 

Viele Zufälle

Nach dieser ersten Studie ließen Becker die Orang-Utans nicht mehr los. Dabei hatte er zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen. „Ich stand schon im weißen Kittelchen im Labor und sah Pilzen und Bakterienkulturen beim Wachsen zu“, beschreibt er seine ersten Schritte Richtung Vordiplom. Der Genetik wollte er sich eigentlich verschreiben, bekam dann aber Zweifel, ob dies sein Weg werden sollte. Dass der letztlich in einen Zoo führte: Wieder ein Zufall. „Als Junge vom Land war ich sehr selten in einem Zoo, höchstens mal bei einem Ausflug mit den Ministranten“, sagt Becker schmunzelnd.

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Spielverhalten der Orang-Utans analysiert

Rosl Kirchshofer, die in Frankfurt die Zoopädagogik leitete und an der Heidelberger Universität als Privatdozentin lehrte, animierte Becker schließlich nicht nur zu seiner ersten Studie, sondern auch zum Weitermachen: Für sein Diplom analysierte er das Spielverhalten von Orang-Utans. Nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Köln, Stuttgart und Krefeld. „In dem nun abgebrannten Haus habe ich damals auch übernachtet, um das Gruppenverhalten zu beobachten“, erzählt Becker. Wie die Tiere mit verschiedenen Materialien spielen und wie es zum Spiel in der Gruppe kommt, hatte er im Fokus.

Drei Jahre lang in Europas Zoos unterwegs

An seiner Doktorarbeit wirkten schließlich 150 Orang-Utans aus 25 europäischen Zoos sowie 30 Bonobos mit – um den Vergleich der Verhaltensweisen zu ermöglichen. In einem umgebauten alten Postbus war Becker dafür drei Jahre lang immer wieder unterwegs. Seine Frau Barbara arbeitete damals bereits als Diätassistentin in Frankfurt, die Eltern unterstützten ihn, er selbst hatte schon sehr früh im Studium allerlei Jobs, etwa als freier Mitarbeiter einer Tageszeitung. „Anders wäre das nicht zu stemmen gewesen“, sagt er.

Die Orang-Utans machten des Becker nicht immer  leicht

Auch seine Protagonisten machten es ihm nicht immer leicht: Der Orang-Utan-Fachmann erzählt von einer Affenfrau in München, die ihm mehrfach zerkautes Futter entgegenspie und so testete, ob er sich vertreiben ließ. Von der Züricher Affengruppe berichtet Becker, dass diese in einem unbeobachteten Moment seine komplette Ausrüstung stibitzte. Stoppuhr, Filmkamera, Diktiergerät und Vesper enthielt seine Tasche, die ein Orang-Utan-Weibchen an sich brachte. Mit einem Bettuch, das sie durchs Gitter schob und herumwirbelte, hatte sie die gut anderthalb Meter entfernte Tasche zu sich bugsiert, schilderte später ein Zoobesucher. „Sie hat mich also ebenfalls beobachtet und schließlich nach einen Plan agiert“, sagt Becker. „Einerseits war ich entsetzt – andererseits aber auch stolz auf die Intelligenz der Tiere.“

Die Zeit cleaner Käfige

Trotz Einser-Promotion und großer Wertschätzung aus vielen Zoos, in denen er geforscht hatte, stand Becker nach seiner Doktorarbeit auf der Straße. „In den 30 wissenschaftliche geleiteten Zoos der Bundesrepublik wurde eine Stelle im Jahr frei“, sagt er. Als Volontär im Berliner Zoo, als Elefantenpfleger im Zoo Krefeld, als Revierleiter im Opel-Zoo hat er nach seiner Promotion gearbeitet. Große Begeisterung für seine Forschung hat er in dieser Zeit erfahren und wurde gebeten, diese bei Vorträgen vorzustellen. Aber auch Ablehnung der Etablierten gab es, als er sich um Volontärsstellen bemühte. „Es war die Zeit, als Zootiere in cleanen Käfigen saßen“, erklärt Becker. „Spielmaterial und Beschäftigungstherapie passten da vielen nicht ins Konzept.“

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Erstes Zuchtbuch in Eigenregie erstellt

Als Anmaßung hatte zuvor auch mancher Zoochef Beckers erstes Zuchtbuch für Orang-Utans empfunden. Das entstand mit Unterstützung der Uni Heidelberg 1982 und enthielt die Tierdaten der Zoos, in denen der Orang-Utan-Experte geforscht hatte. 187 Tiere aus 32 Tiergärten sind in dem 17 Seiten starken, mit Schreibmaschine getippten Werk aufgelistet. „Damals gab es nur alle zehn Jahre ein internationales Zuchtbuch aus Amerika, das schnell inaktuell war“, erklärt Becker.

1985 wird Becker Kurator im Zoo Karlsruhe

1985 bekam er die neu geschaffene Kuratorstelle im Karlsruher Zoo. Gleichzeitig wollte man ihn auch in Hannover haben. „Die Karlsruher Verwaltung hat schneller entschieden“, erklärt Becker, wie er letztlich in Karlsruhe landete. Etwa zur gleichen Zeit gab es die ersten Diskussionen über europäische Erhaltungszuchtprogramme – die Zeit war reif für die Abkehr vom bis dato noch üblichen internationalen Tierhandel. Als die Zoogemeinschaft sich 1988 endlich auch für ein Zuchtprogramm für Orang-Utans entschied, verankerte sie Zuchtbuch und Koordination bei Clemens Becker in Karlsruhe, obwohl dort noch nie Orang-Utans gehalten wurden.

30 Prozent der Zoo-Orang-Utans waren Hybriden

Zu tun gab es für den Koordinator vieles: „Neben den Borneo- und den Sumatra-Orang-Utans in den europäischen Zoos waren 30 Prozent Hybriden“, schildert er. Deren Zucht zu stoppen, war die erste, durchaus schwierige Aufgabe. Die Genetik wurde erst in den folgenden Jahren zur Richtschnur. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse waren die eine Seite – die Befindlichkeiten in den jeweiligen Zoos die andere. „Ein Koordinator für Menschenaffen muss auch eine gehörige Portion Diplomatie mitbringen“, konstatiert Becker. Schließlich können die Tiere über 50 Jahre alt werden und sind den Menschen ans Herz gewachsen, da braucht es also schon gute Argumente, ehe ein Tier in einen anderen Zoo umzieht.

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Besondere Verbindung mit Schimpanse Benny

Ähnlich empfinden die Karlsruher für die Schimpansengruppe um Benny, zu dem Becker eine besondere Verbindung hat. „Er ist der Chef, und wenn ich das akzeptiere, gibt es eine Schmusephase an der Scheibe“, erklärt Becker – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Benny ein Wildtier ist und eine direkte Begegnung keine gute Idee.

Wir rotten die Tiere aus, indem wir ihren Lebensraum zerstören

             Clemens Becker

 

Unterstützung für Orang-Utan-Schützer Willie Smits

Beckers Aufgaben im Zoo waren und sind vielfältig. Er lehrt seit 25 Jahren an der Berufsschule, füllte das Exotenhaus mit Leben, leitete den Zoo zweimal kommissarisch – und ist nun vor allem über seine Aufgabe als Artenschutzkurator glücklich. „Wir rotten die Tiere aus, indem wir ihren Lebensraum zerstören“, stellt er klar. Dass die Artenschutz-Stiftung heute Orang-Utan-Schützer Willie Smits unterstützt, dessen Aktivitäten Becker 2002 auf Borneo kennenlernte, macht den Karlsruher Kurator tief zufrieden.

Funktionierende Population in den Zoos

Gleichzeitig brauche man die Tiere aber auch in den Zoos – in funktionierenden, genetisch und demografisch organisierten Populationen, die man bei entsprechendem Training aber auch jederzeit wieder in die freie Wildbahn entlassen könnte, so Becker. Außerdem seien die Zootiere unverzichtbare Botschafter ihrer Art: „Nur so kann man die Menschen für ihren Schutz sensibilisieren und klar machen, dass hinter den Tieren ein ganzer Lebensraum steckt.“

Zoo Karlsruhe will langfristig Orang-Utans züchten

Becker ist 65 Jahre, seinen Vertrag hat er nun bis Ende 2022 verlängert. „Als Kurator der Artenschutzstiftung könne er sich aber auch im Ruhestand engagieren. Und vielleicht irgendwann auch als Berater für Orang-Utans: In der Asien-Anlage, die im Masterplan des Karlsruher Zoos vorgesehen ist, sollen langfristig Sumatra-Orang-Utans gezüchtet werden. Erklärtes Ziel ist, die hochbedrohten Menschenaffen zu unterstützen – jene, die Clemens Becker nun fast sein ganzes Leben begleiten.

Orang-Utans
Bunjo, Lea, Sungai, Suria und Changi kamen beim Brand im Krefelder Zoo zu Tode. Die Orang-Utan-Familie war nicht nur vielen Besuchern sehr ans Herz gewachsen, sondern auch für das Europäische Erhaltungszuchtprogramm wichtig. Das wird seit 38 Jahren in Karlsruhe gemanagt: Clemens Becker ist der Koordinator für die „Waldmenschen“, wie Orang-Utans aus dem Indonesischen übersetzt wird.
Die Menschenaffen sind hoch bedroht: Vor 100 Jahren gab es mehr als eine Million Orang-Utans, so Becker. Heute gibt es im Freiland noch 50.000 Borneo-Orang-Utans, sagt er, 6.000 bis 7.000 Sumatra-Orang-Utans und rund 800 Tapanuli-Orang-Utans, die 2017 als eigene Art der Gattung Orang-Utan klassifiziert wurde. Insbesondere durch Monokulturen zur Produktion von Palmöl schwindet der Lebensraum der Tiere.