Unterstützt die digitale Revolution im Kleinen: Die Karlsruherin Corinna Jahn investiert Geld in junge Firmen, die sich am Markt bewiesen haben.
Unterstützt die digitale Revolution im Kleinen: Die Karlsruherin Corinna Jahn investiert Geld in junge Firmen, die sich am Markt bewiesen haben. | Foto: Hora

Digitale Köpfe in der Region

Corinna Jahn finanziert Start-ups mit eigenem Geld

In der deutschen Start-up-Szene ist es wie am Frankfurter Flughafen: Wem Anglizismen fremd sind, kann nicht durchstarten. „Proof of Concept“, „Pitch“ und „Execution“ sind Schlüsselwörter, die darüber entscheiden, ob eine Gründung oder eine Beteiligung an einem Unternehmen erfolgreich werden. Corinna Jahn sind diese Begriffe geläufiger als ihre Pendants auf Deutsch.

Seit langem ist sie in der Karlsruher Gründerszene aktiv, von 2008 bis 2016 leitete sie den Bereich Unternehmensentwicklung im Cyberforum. Seit zwei Jahren investieren die 40-Jährige und ihr Mann Axel Jahn – CEO bei der Digitalagentur diva-e – mit ihrem Unternehmen adjusted ventures eigenes Geld in Start-ups.

In ihrer Zeit beim Cyberforum hat Jahn gemeinsam mit ihrem Team über 1.500 Gründungsprojekte im IT- und Hightech-Bereich beraten. Diese Expertise scheint beim Treffen mit ihr in einem Café am Karlsruher Ludwigsplatz schnell durch: Jahn kennt die Stärken und Schwächen in ihrem Business.

„Mein Lieblingswort ist ,Execution’, also die Umsetzung einer Idee. Da bleiben die meisten Start-ups auf der Strecke, weil sie nicht genug PS auf die Straße bringen“, erzählt die 40-Jährige. Der Fokus ihrer Finanzierungen liegt auf Software im „Business to Business“-Bereich, kurz B2B, also den Beziehungen zwischen zwei Unternehmen, nicht zum Endverbraucher.

Schließlich ließen sich in der Gründerszene nicht nur mit „Einhörnern“ – Start-ups mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar wie etwa SpaceX – gute Geschäfte machen. Jahn investiert in Produkte, die bestimmte Abläufe in den Unternehmen erleichtern. „Digitalisierung ist viel mehr als der Einsatz von Software. Es geht darum, dass durch die neuen technologischen Möglichkeiten Geschäftsmodelle und Prozesse neu gestaltet werden müssen“, erklärt die Diplom-Betriebswirtin, die an der Berufsakademie Karlsruhe Marketing studiert hat.

Jahn hält es diesbezüglich mit Thorsten Dirks und zitiert den damaligen Vorstandsvorsitzenden von Telefónica Deutschland, der 2015 auf einem Wirtschaftsgipfel sagte: „Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.“

Wir finanzieren Wachstum

Die Software, in die das Ehepaar Jahn investiert, sollte nicht erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen. „Wir finanzieren Wachstum: Ich schaue mir die Geschäftsmodelle an, die schon einen ,Proof of Concept’ am Markt erbracht haben, indem sie über mindestens ein Jahr relevante Umsätze erwirtschaftet haben“, erläutert die 40-Jährige, die ursprünglich aus Sindelfingen stammt.

Insgesamt halte adjusted ventures derzeit fünf Beteiligungen, an welchen Firmen möchte sie aber nicht verraten. Allerdings führt Jahn, die während des Gesprächs oft und gerne lacht, ein Paradebeispiel aus ihrer Zeit im Cyberforum an, als sich das Unternehmen Sevenit aus Offenburg dort vorstellte.

Die Truppe um Gründer Fabian Silberer sei perfekt vorbereitet nach Karlsruhe gekommen. Mittlerweile hat sich die Firma, die eine cloudbasierte Buchhaltungssoftware anbietet, am Markt etabliert. „Das ist eines der Teams, bei dem sich ein Investment definitiv gelohnt hätte: die perfekte Mischung aus ambitioniert, selbstbewusst, aber trotzdem demütig dem Business gegenüber“, erklärt Jahn.

Corinna Jahn hat bei Start-ups auch den Vertrieb im im Blick

Damit sie sich davon überzeugen kann, ob es sich lohnt, Geld in eine Firma zu investieren, muss diese sich erst mal bei einem sogenannten Pitch vorstellen. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Vorstellungs- und Verkaufsgespräch. Dann wird zusammen mit Experten sowohl das Produkt als auch der Vertrieb seziert.

„Ein Start-up muss immer auch verkaufen können. Das ist gerade in der Technologieszene eine ganz wichtige Schlüsselfähigkeit“, resümiert Jahn. „Die Experten für die Technologie und den Vertrieb sollten beide Mitglieder des Gründungsteams sein. Ich habe noch nie erlebt, dass es auf Dauer gut geht, wenn ein Techie einen Vertriebler nur anstellt.“

Corinna Jahn schätzt den "Spirit" in der Karlsruher Digitalszene.
Corinna Jahn schätzt den „Spirit“ in der Karlsruher Digitalszene. | Foto: Hora

Faible für Marketing und Technologie

Jahn ist prädestiniert dafür, diese beiden Komponenten adäquat zu bewerten. Die Tochter des früheren Leiters des Instituts für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik am Forschungszentrum Karlsruhe, Manfred Thumm, interessiert sich schon immer sowohl für Technologie als auch Marketing.

Da die 40-Jährige, die bald mit ihrem Mann in die Magmakammer eines isländischen Vulkans hinabfahren möchte, eigenes Geld einsetzt, ist es für sie wichtig, ihr Risiko zu minimieren. Aber die Verantwortung für die eigene Vermögensbeteiligungsgesellschaft birgt für Jahn auch große Vorteile: „Da wir private Investoren sind, können wir jederzeit sagen ,Das Bauchgefühl stimmt nicht’ oder ,Die Bewertung macht keinen Sinn’.“

Mit ihrem Unternehmen in eine deutsche Metropole zu ziehen, daran hat Jahn nie gedacht. Zu sehr schätzt sie das Wohnen in der Südstadt, das Laufen im Oberwald und die Dauerkarte für den KSC. Außerdem herrsche in der Digitalszene der Stadt ein besonderer Geist, der „Karlsruher Spirit“. Alles sei sehr unkompliziert, mitdenkend und wohlmeinend, ist Jahn überzeugt.

„Im Cyberforum hat einmal jemand ein schönes Zitat gebracht, ich weiß aber leider nicht mehr, wer es war: ,Berlin ist Caipi und Dachterrasse, und Karlsruhe ist Schwarzbrot und Maschinenraum.’“