Zu Gelassenheit im Umgang mit der Coronakrise rät der Karlsruher Philosophie-Professor Heinz-Ulrich Nennen. Foto: jodo

„Willkommene Herausforderung“

Karlsruher Philosophie-Professor rät angesichts von Corona zu Gelassenheit

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Wie beurteilt ein Philosoph die derzeitige Corona-Krise? Heinz-Ulrich Nennen ist in diesem Fach seit 2004 als Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) tätig. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die philosophische Psychologie. Regelmäßig lädt er internationale Koryphäen zum „Philosophischen Salon“, einem renommierten Kolloquium. Mit Heinz-Ulrich Nennen sprach BNN-Redakteur Wolfgang Voigt.

Ist der öffentliche Diskurs um das Corona-Virus den potenziellen Gefahren angemessen?

Mittlerweile schon. Anfangs brodelte die Gerüchteküche, seltsame Vermutungen wurden geäußert. Aber je mehr die seriösen Medien mit solider Berichterstattung aufwarten konnten, umso mehr wurden solche Stimmen übertönt. Jetzt kommt es darauf an, dass die zuständigen Stellen transparent agieren. Ansonsten geht das Vertrauen verloren.

Es gibt noch keinen Impfstoff gegen das Virus. Wie wirkt dieser Umstand auf die Menschen in der ansonsten hoch technisierten Welt?

Mancher reagiert vielleicht irrational. Man sollte die Situation aber als eine Art willkommene Herausforderung verstehen – als Stresstest unter Realbedingungen. Denn wir können aus dieser Krise auch gestärkt hervorgehen. Gesellschaftlich, aber auch ganz persönlich, indem sich unser Immunsystem anpasst.

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Zu welcher Haltung rät die philosophische Tradition in gefahrvollen Lebenslagen?

Generell zu Gelassenheit. Bei Epikur heißt es: „Ein einziger Grundsatz wird dir Mut geben, nämlich der Grundsatz, dass kein Übel ewig währt, ja nicht einmal sehr lange dauern kann“. Man sollte sich also keine Sorgen machen, die über den Tag hinausgehen. Wer Angst hat, lebt nicht in der Gegenwart und kann das Leben eigentlich nicht genießen. Insofern ist es widersinnig, sich zu sorgen, und das, worum man sich sorgt, eigentlich aufzugeben. Andererseits gebietet die Philosophie auch, nicht nur an sich selbst sondern auch an andere zu denken. Zum Beispiel, indem man andere Menschen nicht anniest.

Gibt es weitere philosophische Handreichungen, die helfen?

Es gibt im Daoismus den Begriff „Wu-Wei“. Er bedeutet in etwa „Handeln durch Nichthandeln“ und ist eine Art minimal-invasives Verfahren. Durch Nichthandeln oder zumindest sehr geringe Veränderungen geht der Mensch mühelos seinen Weg – in unserem Fall durch die Corona-Krise. Wir sollten immer daran denken, dass die Zukunft weder ganz noch gar nicht in unserer Hand liegt.

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Sind freiheitseinschränkende Reaktionen auf ein Phänomen wie Corona besonders ausgeprägt, je höher der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist?

Jedenfalls sind die aktuellen Reaktionen und Maßnahmen angemessen – auch wenn sie radikaler erscheinen, als man es aus anderen Zeiten gewohnt ist. Seit die Welt zum globalen Dorf geworden ist, können sich auch Viren sehr viel schneller global verbreiten. Die Nähe, mit der Menschen zusammenleben, erhöht das Risiko schließlich beträchtlich, sich zu infizieren. Aber es gab auch immer Gegenmittel gegen Krankheiten. Eines der ersten war das Bier mit seiner nicht nur nahrhaften sondern auch antibakteriellen Wirkung.

Verzeichnet die Philosophie in Zeiten wie den aktuellen einen verstärkten Zulauf?

Zumindest wäre das wünschenswert: Die Philosophie kann den Menschen nämlich zeigen, wie Denk-Ökonomie funktioniert. Im Übrigen ist die Philosophie schon seit Jahrzehnten keine rein akademische Angelegenheit mehr. Sie ist aus dem berühmt-berüchtigten Elfenbeinturm herabgestiegen und wieder auf dem Marktplatz anzutreffen, wie Sokrates seinerzeit. Das ist erforderlich, weil mit dem Rückgang der Kirchengläubigkeit erhebliche Orientierungsdefizite aufgekommen sind. Es ist die Stunde der Philosophie.

Nach soviel Theorie: Zu welchen Vorsichtsmaßnahmen greifen Sie persönlich?

Ich persönlich habe noch kaum Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Ich mache das abhängig vom Risikopotenzial. Sollte ich mich etwa in einer Zone aufhalten, in der es Infektionen gibt, würde ich mich an die Vorschläge halten, die die zuständigen Stellen geben: Abstand halten, Hände waschen, nicht ins Gesicht fassen. Ich plädiere auch für Systemvertrauen. Voraussetzung ist, dass Transparenz in der Kommunikation über Corona herrscht, dass die zuständigen Stellen eine offene Informationspolitik praktizieren.