Psychologische Beratung in der Corona-Krise: Ein Plakat der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung klebt an einem Baumstamm nahe des Ludwigsplatzes in Karlsruhe. Viele weitere Beratungsstellen helfen jetzt per Telefon.
Psychologische Beratung in der Corona-Krise: Ein Plakat der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung klebt an einem Baumstamm nahe des Ludwigsplatzes in Karlsruhe. Viele weitere Beratungsstellen helfen jetzt per Telefon. | Foto: Karin Stenftenagel

Folgen der Corona-Krise

Polizei und Beratungsstellen befürchten Anstieg von häuslicher Gewalt in Karlsruhe

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Soziale Isolation nach außen, Aufeinanderhocken zu Hause: Sorgen um Gesundheit und Arbeitsplatz als Folgen der Corona-Krise werden in Karlsruhe bald zu einem Anstieg von privaten Konflikten, psychischen Problemen und häuslicher Gewalt führen, befürchten Polizei und verschiedene Beratungsstellen.

Noch könne man keine verlässlichen Angaben über einen möglichen Anstieg der Fallzahlen in Stadt- und Landkreis machen, erklärt Raphael Fiedler, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit im Polizeipräsidium Karlsruhe. „Erfahrungsgemäß ist aber davon auszugehen, dass die Fallzahlen ähnlich den Zeiträumen an Feiertagen zunehmen werden und sich auch in den Folgewochen weiter steigern könnten.“

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Vermehrt erreichten die Polizei in den letzten Tagen auch Anrufe wegen Streitigkeiten zwischen Eltern und ihren jugendlichen Kindern. „Da die Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt sind, kann man sich auch nicht mehr richtig aus dem Weg gehen“, so Fiedler.

Ängste im Zusammenhang mit einer Infizierung oder Sorgen um den Arbeitsplatz könnten zudem zu Frust und Aggressionen führen – auch bei Kindern und Jugendlichen. „Hier wird sicherlich das untersagte Treffen mit den Freunden oder das abgesagte Training im Fußballverein als tiefer Einschnitt in das Privatleben wahrgenommen“, so Fiedler.

Man kann seine Wut nicht am Coronavirus auslassen

Ulrike Stihler, Frauenberatungsstelle Karlsruhe

Der Trägerverein des Frauenhauses und der Frauenberatungsstelle in der Kriegsstraße 148 warnt in einer aktuellen Pressemitteilung vor einer Zunahme von „Partnerschaftsgewalt“ in Coronazeiten. „Es geht jetzt gerade los, dass mehr Menschen uns anrufen“, erklärt Geschäftsstellenleiterin Ulrike Stihler.

 

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„Es gibt mehr Streit, mehr Ärger, man regt sich auf und hat kaum Möglichkeiten, sich wieder abzuregen oder einander aus dem Weg zu gehen“, sagt sie.

Durch die Corona-Krise ausgelöste Zukunftsängste entwickelten sich zu Wut. „Man kann seine Wut aber nicht am Coronavirus auslassen, das ist nicht greifbar“, sagt Stihler.

Zorn auf Coronavirus kann sich gegen Kinder richten

Also richte sich der Zorn häufig gegen Einrichtungsgegenstände oder die Personen im Umfeld, auch Kinder. „Das fängt bei Kleinigkeiten an, zum Beispiel, dass der Mann die Wäsche nicht aufgehängt hat.“ Um Schlimmeres abzuwenden, empfiehlt sie den Betroffenen, raus an die frische Luft zu gehen, auch die Kinder mitzunehmen und aus kleinen Streitigkeiten keine Grundsatzdiskussionen entstehen zu lassen.

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Die Polizei rät dazu, häusliche Gewalt immer anzuzeigen. Bei akuter Bedrohung sollte der Polizei-Notruf 110 gewählt werden. „Wir empfehlen unbedingt, zu handeln und nicht zuzuwarten und auf Besserung zu hoffen“, so Fiedler. „Das Vorgefallene sollte dokumentiert, also mit Datum und Uhrzeit notiert werden.“ Verletzungen sollten medizinisch behandelt und vom Arzt attestiert werden, um Beweissicherheit zu schaffen. Möglich sei zudem eine Schutzanordnung beim Familiengericht. Sind Kinder involviert, kann man sich auch ans Jugendamt wenden.

Beratungsstellen
Das „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr und in vielen Sprachen unter (0 80 00) 11 60 16 erreichbar. Die Frauenberatungsstelle Karlsruhe ist unter (07 21) 84 90 47 erreichbar. Zudem bietet das Dekanat Karlsruhe auch während der Corona-Krise Seelsorge und Beratung an. Psychologische Unterstützung leistet in Deutsch, Englisch, Türkisch, Russisch und Spanisch die Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung Karlsruhe unter Telefon (07 21) 84 22 88. Die Ambulanz für Notfallpädagogik am Parzival-Zentrum ist für Eltern, aber auch für Kinder unter (07 21) 6 80 78 66 22 erreichbar.