Niedliche Tiere wie diese Katzen lösen bei manchen Menschen das Bedürfnis aus, sie regelrecht zerquetschen zu wollen. Warum das so ist, haben Psychologen in Studien herausgefunden. | Foto: nataba / Adobe Stock

Zum Anbeißen süß

„Cute Aggression“: Warum wir Babys und süße Tiere am liebsten zerquetschen wollen

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„Zum Anbeißen“ finden Menschen bisweilen Babys oder Tiere, die sie niedlich finden. Dass das sogar ganz wörtlich zu nehmen ist, haben Wissenschaftler in Studien inzwischen auch bestätigt. „Cute Aggression“ – zu Deutsch „süße Aggression“ – nannten Forscher der Yale-University in den USA das Phänomen bereits 2015. Doch woher kommt dieser Drang, süße Menschen und Tiere förmlich auffressen zu wollen?

Viele überkommt es beim Anblick eines niedlichen Geschöpfs einfach: Im Rausch der Emotionen ballen sie die Fäuste, pressen die Zähne aufeinander und wollen das niedliche Ding am liebsten zerquetschen oder gar auffressen. Wer diese Reaktion an sich selbst schon einmal beobachtet hat, muss sich jedoch nicht sorgen: Es handelt sich dabei nicht um einen tatsächlichen Blutrausch, sondern um eine völlig gesunde Reaktion des Körpers auf sehr starke positive Emotionen. Die bringen das Gefühlsleben derart in Ungleichgewicht, dass der Körper mit einer Art Übersprunghandlung reagiert: Das Gehirn münzt die „überschüssigen“ positiven Gefühle sozusagen in Aggression um.

Wenn niedliche Tiere aggressiv machen …

Der Versuchsaufbau der Yale-Studie war denkbar einfach: Den Testpersonen wurde Luftpolsterfolie in die Hand gegeben. Danach zeigte man ihnen Fotos von Tierbabys, die als unterschiedlich süß eingestuft wurden. Das Ergebnis des Versuchs war recht eindeutig: Je süßer das Tierchen, desto mehr zerdrückten die Probanden die Folie. Oder anders ausgedrückt: Je niedlicher das Tier auf dem Bild wahrgenommen wurde, desto aggressiver wurden die Testpersonen.

Was im Gehirn passiert

Im vergangenen Jahr untersuchte die Psychologin Katherine Stavropoulos von der University of California das Phänomen zusätzlich auf neurologischer Ebene. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden in dem Fachjournal „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ veröffentlicht. Die 54 Teilnehmer der Studie trugen mit Elektroden versehene Kappen und sollten Tierbilder auf einer Skala von eins bis zehn anhand ihrer Niedlichkeit einordnen. Dabei bestätigte sich zunächst das Ergebnis der Yale-Studie: Die niedlicheren Tiere wurden höher auf der Skala eingeordnet, als die weniger süßen Exemplare. Doch auch im Gehirn spielte sich einiges ab: Es zeigte sich, dass die „süße Aggression“ offenbar unmittelbar mit dem Belohnungszentrum im Gehirn zusammenhängt.

Zu süß zum Aushalten

Der Ursprung der gefühlten Aggression ist also durchaus ein positives Gefühl, das vom Belohnungssystem des Gehirns verursacht wird. Bei besonders niedlichen Tieren oder Babys kann das Ausmaß dieser positiven Gefühle jedoch regelrecht überwältigend sein. Die „süße Aggression“ scheine das Gehirn wieder „abzukühlen“, stellte Stavropoulos fest. Möglicherweise könne es sich dabei um eine evolutionäre Anpassung handeln, die sicherstellen soll, dass Menschen sich auch um besonders niedliche Lebewesen kümmern können.

„Süße Aggression“: Wer ist betroffen?

Im Wesentlichen trete die „süße Aggression“ bei Menschen auf, die zu einem Gefühl der Überforderung neigten, wenn etwas zu niedlich sei, so Stavropoulos. Wer testen will, ob dies auch auf ihn zutrifft, könnte das beispielsweise bei einem Ausflug in den Karlsruher Zoo herausfinden: Neben den „normal niedlichen“ Tieren gibt es dort auch einige süße Tierbabys zu bestaunen, bei denen sicherlich manche vor lauter Niedlichkeit die Fäuste ballen werden.

Möglicherweise haben die Katzenvideos ihre Erfolgsgeschichte im Internet auch der „süßen Aggression“ zu verdanken. Denn wem würde beim Anblick dieser niedlichen Katzenbabys nicht förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen?