Karlsruher Hoflandschaft
IDEALER BAUPLATZ ODER TABUZONE: Zur Zukunft des Gartens zwischen Karlstraße und Beiertheimer Allee in der Südweststadt gehen die Meinungen auseinander. Ein Grundstückseigner will mit einem querliegenden Neubau, der bis in den Garagenhof reicht, den Garten zerteilen. Nachbarn sind dagegen und fordern den Schutz der Stadtnatur. | Foto: jodo

Streit um Nachverdichtung

Karlsruhe: Darf in der Stadtoase einfach gebaut werden?

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Eine gewaltige Zeder überragt den üppigen Garten. In der Großstadtoase strotzt eine große Tamariske, als stünde sie am Mittelmeerstrand. Das grüne Innenleben des Quartiers ist von der Karlstraße, wo der Verkehr brummt, nicht zu sehen. Dabei klimatisiert diese insgesamt 6 000 Quadratmeter große Grünzone den Bewohnern der Blockrandbebauung von Karl-, Südend- und Vorholzstraße sowie Beiertheimer Allee ihre sonst so stark versiegelte Großstadtwelt.

Idylle zu Bauland?

Doch neue Bauabsichten machen auch vor dieser Idylle in der Südweststadt nicht halt. Im Zeitalter der von der Politik geforderten Nachverdichtung werden immer mehr Gärten und Höfe von Investoren als Bauland entdeckt. Der Interessenkonflikt mit der Nachbarschaft ist programmiert.

Gegen weitere Nachverdichtungsprojekte setzen betroffene Bürger alle Hebel in Bewegung, ob in der Südweststadt an der Bahnhofstraße, in der Weststadt beim Franz-Rohde-Haus oder bei St. Bonifatius mit dem „Sophiencarrée, ob in der Oststadt am Fasanengarten, in Daxlanden oder Durlach.

Bauordnungsamt gefordert

Nun ist für die verborgene Oase an der Karlstraße eine Bauvoranfrage bei der Stadt gestellt. Ein 40 Meter langer und elf Meter hoher Riegel mit 14 Wohneinheiten soll quer durch den Garten und einen Garagenhöfen gebaut werden. Dieses Vorhaben versuchen nun sechs Anwohner per Appell an den Gemeinderat und per Rechtsanwaltsbrief für ihre Angrenzereinwendungen an das Bauordnungsamt im Keim zu ersticken.

Wachstumsschmerzen

„Grüne Stadt“ nennt sich Karlsruhe gern. Aber immer weiter wachsen will es auch. Da jubelt die Rathausspitze, wenn die Attraktivität die Einwohnerzahl deutlich über die 300 000er-Marke schnellen lässt. Und beschwört, dass man unbedingt neuen Wohnraum schaffen müsse, damit bei weiterem Wachstum auch die Ärmeren eine Chance auf dem Mietmarkt haben. Die letzten Natur am Stadtrand will man vor dem Flächenfraß bewahren. Somit ist ein Raubbau an der Natur wie einst zwischen den Bergdörfern, am Knielinger See oder auf dem Alten Flugplatz beabsichtigt, längst tabu.

Kleingärten unangetastet

In der Praxis aber forciert die Stadtpolitik einige große „Abrundungen“ der Bebauungskanten etwa in Neureut, der Nordstadt, Daxlanden oder Durlach. Zudem will der Gemeinderat auch nicht eine einzige Kleingartenanlagen antasten.

Als Zauberformel aber wird dann eben die „Nachverdichtung“ ausgegeben: Auf unbebauten Flächen im Inneren von Blockquartieren sollen verstärkt Wohnhäuser gebaut werden. Dies aber dürfe auf keinen Fall das Stadtklima verschlechtern – auch da scheinen sich alle einig. Doch was tun, wenn sich die Dinge in der Stadtgesellschaft beißen?

Je nach Verträglichkeit“

Baubürgermeister Michael Obert hält die Nachverdichtung für geboten. „Aber sie ist nur vertretbar, wenn damit eine städtebauliche Verbesserung einhergeht“, fügt der Dezernent hinzu. Es gehe dabei vor allem darum, versiegelte Flächen wie Garagenhöfe oder verlassener Betriebe in Wohnbauplätze zu verwandeln. Grundsätzlich sei dagegen eine Bebauung auf Kosten der Quartiersgärten zu vermeiden, meint Obert.

Dabei könne die Stadt nicht für jede Fläche einen steuernden Bebauungsplan aufstellen. Direkt und gezielt gegen ein Bauprojekt gerichtete „Verhinderungspläne“ seien ohnehin unzulässig gegenüber dem Recht der Grundstückseigentümer. Obert spricht deshalb von „in jedem Einzelfall schwierigen Abwägungsprozessen – je nach Verträglichkeit“.

Mehr Bebauungspläne“

Harald Ringler, Nachbar und Gegner des Bauprojekts bei der Karlstraße, plädiert dagegen für möglichst viele Bebauungspläne mit klaren Vorgaben zum Schutz der Stadtnatur im Zielkonflikt von Klimaschutz und Nachverdichtung. Es dürfe nicht sein, dass der Gemeinderat bei vielen Projekten gar nicht beteiligt werde.

Allein ein Behördenbescheid nach Paragraf 34 des Baugesetzbuchs, wonach der beantragte Neubau nur nicht aus dem Rahmen seiner Umgebung zu fallen habe, reiche einfach nicht aus. Ohne Gemeinderatsbeschluss dürfe „ein derartiger Eingriff nicht genehmigungsfähig sein“, sagt Ringler.

Der Gemeinderat habe vor drei Jahren die städtebauliche Rahmenplanung zur Klimaanpassung bei Hitze beschlossen, betont er. „Das bleibt doch wirkungslos, wenn es nicht in Bebauungspläne umgesetzt wird“, meint Ringler. Am Donnerstag beschäftigt sich der Planungsausschuss auf Antrag der SPD mit dem Streitthema „Nachverdichtung“.