Wegwischen wollten manche Bildungspolitiker die Hauptschule. Der Ruf und die Nachfrage ließen nach. Schüler können aber auch auf der Realschule ihren Hauptschulabschluss machen. | Foto: dpa

Neuerung für Realschulen

„Das frustriert mich und meine Kollegen“

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Eltern sind planlos, Schüler gepeinigt, Lehrer verunsichert und Schulleiter frustriert. Die 2017 eingeführte Neuerung im Schulgesetz hat an vielen Realschulen schon Spuren hinterlassen. Schüler können demnach an Realschulen den Hauptschulabschluss machen.

Die Praxis klingt einfach: Ab der siebten Klasse können sie zwischen G- und M-Niveau wählen. Wer den grundlegenden Zug (G) wählt, schließt nach der neunten Klasse mit Hauptschulabschluss ab, wer den mittleren (M) wählt, mit dem Realschulabschluss. So können Schüler je nach Leistungsfähigkeit unterrichtet werden, begründete das Kultusministerium. „Damit wollen wir die Qualität des Unterrichts stärken“, betonte Ministerin Susanne Eisenmann (CDU). Von Lehrern aber ist zu hören: Das Gegenteil ist der Fall. „Auf der Hauptschule wären sie im Durchschnitt um eine Note besser“, berichtet ein Realschullehrer aus dem Raum Karlsruhe.

„Wir haben keine Ahnung, was G-Niveau ist – die Schüler werden von uns zu schlecht bewertet.“ Bei Klassenarbeiten sollte es für G- und M-Schüler zwei unterschiedlich schwere Versionen geben. „Der Bildungsplan gibt aber keine Praxisbeispiele her – wir Realschullehrer sind uns unsicher.“
Im kommenden Jahr absolvieren die ersten G-Schüler ihren Hauptschulabschluss. „Wir opfern einen Jahrgang“, sagt der Lehrer. Denn: Wie diese Prüfung aussieht, wissen die Lehrer noch nicht. Das sorgt auch in Rastatt für Frust. „Wir würden uns mehr Unterstützung wünschen“, sagt Stefan Funk. Der Leiter der Rastatter August-Renner-Realschule berichtet: „Irgendwann gibt es eine Handreichung – aber ich weiß nichts. Das frustriert mich und meine Kollegen.“

„Den Stempel Hauptschüler auf der Stirn“

Die Zeit sei „wahnsinnig knapp“, die organisatorischen Vorbereitungen für die Prüfung müssten mindestens ein Jahr im Voraus beginnen. Auch die G-Schüler müssten schon längst gezielter auf ihre Hauptschulprüfung vorbereitet werden, betont eine Lehrerin aus dem Raum Karlsruhe: „Wir bereiten sie auf eine Prüfung vor, die wir nicht kennen.“ Generell sei die Unsicherheit groß. „Man unterrichtet schon, informiert die Eltern – und dann kommt im Nachhinein ein anderes Konzept.“ Wie man mit Eltern und Schülern über G- und M-Niveau spricht, sei jeder Schule selbst überlassen gewesen. Als jeder sein eigenes Konzept erstellt hatte, kam vom Kultusministerium ein verpflichtendes Ablaufprotokoll. „Das ist beispielhaft dafür, wie es abläuft“, sagt die Lehrerin.

An ihrer Schule ist die Möglichkeit für G-Schüler bisher kein Erfolgsfall. „Den Stempel Hauptschüler wollte man ihnen nicht mehr aufdrücken – den haben sie jetzt mehr denn je auf der Stirn.“ Für manche sei es jedes Mal aufs Neue erniedrigend, wenn sie für eine Stunde die Klasse wechseln müssen. Sind die Schüler gemeinsam im Unterricht, sei die Situation nicht besser. „Wenn wir Klassenarbeiten besprechen, haben sie die Unterschiede vor Augen. Von M-Schülern hieß es da schon: Oh, habt ihr es einfach.“

Engagement über die Arbeitszeit hinaus

Probleme, die viele Realschulen in der Region kennen – Rastatt ist eine von wenigen Ausnahmen. An der August-Renner-Realschule gibt es eine eigene G-Klasse. Vielerorts scheitert die Vari-ante mit der eigenen G-Klasse noch an der Anzahl der G-Schüler. „Ich bin froh, dass wir die Möglichkeit haben“, sagt Schulleiter Funk. So könnten die G-Schüler mehr Erfolgserlebnisse generieren. Als Problem sieht er die Klassen fünf und sechs an. Da werden alle Schüler auf M-Niveau unterrichtet. „Sie leben zwei Jahre mit unheimlichem Frust, das ist verdammt kritisch“, urteilt Funk. Er ärgert sich über Eltern, die ihr Kind in diesen beiden Jahren vertrösten, anstatt es gemäß der Empfehlung der Grundschule auf eine Haupt- oder Werkrealschule zu schicken.

Gerade in vielen ländlichen Bereichen gibt es keine Haupt- oder Werkrealschule mehr. Daher sind Realschullehrer angehalten, mit Hauptschullehrern zu sprechen. „Alles auf Eigeninitiative“, betont Funk. „Das geht für Schulleiter und Lehrer deutlich über die Arbeitszeit hinaus.“ Und, wie ein Realschullehrer berichtet: „Deren Lehrer sind nicht scharf darauf, uns ihre Materialien zu zeigen. Und von uns hat bei einer 60-Stunden-Woche keiner Zeit und Lust dazu.“

Schulamtsleiter: „Das Allerwichtigste für Lehrkräfte“

Rüdiger Stein, Leiter des Karlsruher Schulamts, gibt zu: „Es ist eine zusätzliche Arbeit, die man sich machen muss.“ Es sei eine Herausforderung für die Lehrer. Die Situation mit G- und M-Schülern bringe „auch eine soziale Problematik mit sich. Die Heterogenität war an Realschulen aber schon immer groß – die wurde jetzt noch größer.“ Der Erniedrigung, die manche G-Schüler empfinden, könne man entgegenwirken: „Das hängt auch von der Sensibilität ab, mit der die Lehrkräfte damit umgehen.“ Eine Bilanz möchte Stein noch nicht ziehen. „Ich bin sehr gespannt auf das nächste Schuljahr.“ Würden viele Schüler ihren Hauptschulabschluss auf der Realschule machen, sei das Fazit positiv.

Der Pforzheimer Schulamtsleiter Volker Traub erwartet in Kürze Informationen aus Stuttgart, wie die Prüfung im kommenden Schuljahr aussehen soll. „Die Schulen hätten diese Informationen gerne ganz, ganz bald“, sagt er. „Das ist das Allerwichtigste für die Lehrkräfte. Dann beantworten sich manche Fragen, die aus der Unsicherheit kommen.“ Für Lehrer sei es eine große Herausforderung, betont auch Wolfgang Held, Schulamtsleiter in Rastatt. Hinzu komme, dass Realschullehrer nun manchmal vermehrt mit verhaltensauffälligen Schülern zu tun hätten. Held ist sich insgesamt aber sicher: „Es ist zu stemmen – die Gemeinschaftsschulen stemmen es seit einigen Jahren auch.“