Sorgte für ordentlich Wirbel: Die Geschichte vom Unbekannten, der am Bahnhof in Berghausen regelmäßig ein Pfund Hack deponiert, mauserte sich zum Hit in den sozialen Netzwerken.
Sorgte für ordentlich Wirbel: Die Geschichte vom Unbekannten, der am Bahnhof in Berghausen regelmäßig ein Pfund Hack deponiert, mauserte sich zum Hit in den sozialen Netzwerken. | Foto: pr

Experte erklärt Hack-Hit

„Das hat einen Hauch von Satire“

Pfinztal. Das Rätsel um den Unbekannten, der am Bahnhof in Berghausen regelmäßig ein Pfund Hack ablegt, hat in dieser Woche für Aufsehen in den sozialen Netzwerken gesorgt. Nachdem die BNN in der gedruckten Ausgabe sowie auf bnn.de und Facebook darüber berichtet hatten, zogen unzählige Medien im In- und Ausland nach. Auf Facebook likten, teilten und kommentierten die Nutzer die Posts zum Hack-Phantom tausendfach. Wie eine solche Medien-Lawine ins Rollen kommt – darüber hat unser Redaktionsmitglied Laura Fischer mit Wolfgang Schweiger, Professor für interaktive Medien- und Onlinekommunikation an der Universität Hohenheim, gesprochen.

Die Geschichte vom Hack-Mysterium hat ein unglaubliches Medienecho ausgelöst. Welche Rollen spielen die sozialen Medien bei einer derartigen Entwicklung?

Schweiger: Eine große Rolle. Oftmals ist es so, dass eine Nachricht zunächst in den sozialen Medien auftaucht und sich dort verbreitet. Darauf werden die Massenmedien aufmerksam, die es dann wiederum auf ihren Webseiten und Social-Media-Profilen veröffentlichen – und die Reichweite damit nochmals erhöhen. Und genau so oft läuft es andersherum. Das ist eine Art Ping-Pong-Effekt, der dafür sorgt, dass Nachrichten heutzutage sehr schnell und weit gestreut werden.

Wolfgang Schreiber, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Uni Hohenheim

Wie erklären Sie sich den Erfolg im konkreten Fall des Hack-Mysteriums?

Schweiger: Wie sich Inhalte in sozialen Netzwerken verbreiten, wird seit Jahren erforscht. Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele – Videos, Spiele oder eben Nachrichten – die sich zum Hit im Internet entwickelt haben. Die Forschung zeigt zwar, dass viraler Erfolg nicht kalkulierbar ist. Was wir aber wissen, ist: Je alberner, witziger oder extremer etwas ist, desto erfolgreicher ist es. Das trifft auch auf die Hackfleisch-Story zu. Hinzu kommen zwei weitere Nachrichtenfaktoren.

Welche sind das?

Schweiger: Der Überraschungsfaktor und die Kuriosität der Geschichte. Der Bericht klingt derart kurios, dass er schon fast wie eine Persiflage anmutet. Er enthält Nicht-Nachrichten wie zum Beispiel, dass die Polizei gar nicht in dem Fall ermittelt. Damit hat das Ganze einen Hauch von Satire – und das in einem eigentlich seriösen Medium. Das alles spielt eine Rolle.

Hat auch das Hackfleisch an sich etwas damit zu tun?

Schweiger: Sicherlich. Schon die Wörter Hackfleisch oder Mett sind im Zusammenhang mit Nachrichten eher selten und deswegen ziemlich kurios. Außerdem hat Hack an sich einen gewissen Ekel-Faktor – vor allem für junge Leser, die Fleischkonsum oftmals kritisch gegenüberstehen. Und das Bild ist sowieso ein Hingucker. Wann sieht man schon ein Pfund Hack auf dem Bildschirm oder dem Display?

Unter den Facebook-Beiträgen haben sich Tausende Facebook-Nutzer gegenseitig verlinkt oder lustige Kommentare hinterlassen. Was treibt die Menschen dabei an?

Schweiger: Im Fachjargon spricht man hier von Identitätsmanagement. Nutzer sozialer Netzwerke versuchen, sich eine gewisse digitale Identität anzulegen, in dem sie Inhalte liken oder nicht. Im konkreten Fall möchten sie sich als humorvolle Person darstellen, indem sie ihre Kontakte auf diese lustige Geschichte aufmerksam machen.

Und wartet die Netzgemeinde nun sehnsüchtig darauf, dass sich das Hack-Phantom vielleicht meldet oder doch noch „in flagranti“ erwischt wird?

Schweiger: Das glaube ich weniger. Selbst wenn die BNN den Fall im Artikel von vergangener Woche gleich hätten auflösen können, hätte das der Begeisterung für die Geschichte wohl keinen Abbruch getan. Sie ist einfach kurios. Ich glaube sogar, dass eine Auflösung des Rätsels zwar für Aufmerksamkeit, aber nicht für ein solches Medien-Echo sorgen würde.

Die meisten Seiten haben die BNN als Quelle der Informationen genannt – aber nicht alle. Teilweise haben die Medien Fakten hinzuerfunden. Untergraben die sozialen Medien den seriösen Journalismus?

Schweiger: In Zeiten von „Fake News“ ist es nicht Neues, dass im Internet viele Halbwahrheiten kursieren. Tatsächlich wird im Netz sowohl mit dem Wahrheitsgehalt als auch mit der Quellenangabe oft lax umgegangen. Vor allem bei Themen, die für die Gesellschaft nicht wirklich von Bedeutung sind. Da spielen wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Journalistisch korrekt ist das allerdings nicht.