1968 brachte vor allem ein Aufbegehren gegen traditionelle Autorität. Der Button „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ ist ein Exponat der Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen“ im Stadtmuseum im Prinz-Max-Palais Karlsruhe.
„Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Der Button ist ein Exponat der Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen“ im Stadtmuseum Karlsruhe. | Foto: abw

Die Familien aufgemischt

Das Jahr 1968 und die Revolution der Lebensstile

Ein halbes Jahrhundert später – und die Fronten stehen noch. Das Jahr 1968 ist Geschichte, aber Geschichte, „die noch qualmt“, um es mit den Worten der Historikerin Barbara Tuchmann zu sagen. Veteranen der Bewegung basteln an ihrem Denkmal. Zeitzeugen, die sich einst über die „Gammler“ erregten, hadern weiter. Und die Nachgeborenen wuchsen mit den Mythen auf, die sich ums Jahr der Revolte ranken.

Das Jahr 1968 als entscheidende Zäsur

Die einen betrachten 1968 als entscheidende Zäsur hin zur Demokratisierung und Liberalisierung der Gesellschaft. Sie feiern moderne Formen der Mitbestimmung, ein gerechteres Zusammenleben der Geschlechter und den kritischen Umgang mit Autoritäten als nachhaltige Erfolge der Revolte.

Andere sehen in 1968 die Wurzeln von (fast) allem, was ihrer Meinung nach schief läuft in Politik und Gesellschaft – selbst mangelnde Rechtschreibkenntnisse heutiger Abiturienten lasten sie den 68ern an. Vor allem beweinen sie den „Verlust traditioneller Werte“.

Den Wandel mitgelebt

Und sie verschließen die Augen davor, dass der Wandel nach 1968 von immer breiteren Teilen der Bevölkerung mitgetragen und gelebt wurde. Auch die „geistig-moralische Erneuerung“, die Kanzler Helmut Kohl der Bundesrepublik in den 1980ern verordnete, konnte diese Entwicklung allenfalls bremsen, nicht stoppen.

Bedeutender als die fehlgezündete politische Revolte

Die 68er wollten eine bessere Gesellschaft, ein neues System. Teile der Jugend flirteten mit marxistischen Ideen. Doch sollte man sich hüten vor einem Tunnelblick, der 1968 auf den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), die Neue Linke und Medienstars wie Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit reduziert. „Nicht zufällig ist das westdeutsche 68 schon häufiger als ‚Lebensstilrevolution’ gedeutet worden, neben der die fehlgezündete politische Revolte bis zur Bedeutungslosigkeit verblasst“, bemerkt die Historikerin Christina von Hodenberg in dem Buch „Das andere Achtundsechzig“.

Die Zeit des Kuppelei-Paragrafen

Und wer will tatsächlich zurück vor das Jahr 1968? Es war die Zeit des Kuppelei-Paragrafen. Die Zeit, in der Eltern ungehorsame Kinder tüchtig „versohlten“ und öffentlich abwatschten („Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet“). Minirock tragende Mädchen, die Opfer von sexuellen Übergriffen wurden, bekamen zu hören, dass sie es ja „nicht anders gewollt“ hätten. Misshandelte Ehefrauen kehrten kleinlaut zu ihren prügelnden Männern zurück – es gab keine Frauenhäuser, in denen sie Schutz gefunden hätten. Und finanziell unabhängig waren die wenigsten.

Der Tomatenwurf von 1968

Die Geschlechterverhältnisse sind ein Seismograf des sozialen Wandels. Ein Tomatenwurf markierte im Jahr 1968 den Beginn der Neuen Frauenbewegung, die mit teilweise provokanten Aktionen einforderte, was das Grundgesetz 1949 festschrieb: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Bemerkenswert: Die Tomaten von 1968 wurden nicht gegen Vertreter des Establishments geschleudert. Sondern gegen die Vorsitzenden des SDS, die keine Lust hatten, sich mit „belanglosen“ Frauenanliegen zu beschäftigen.

Die 68er waren den tradierten Strukturen mehr verhaftet, als sie wahrhaben wollten. Feministische Utopien sind unbequem. – Entsprechend zäh gestaltete sich das Ringen um Gleichberechtigung, auch und gerade in den Familien.

24-Stunden-Dienst in der Familie

Frauen brachten die Kinderladenbewegung ins Rollen – vom pragmatischen Wunsch beseelt, dem Rund-um-die-Uhr-Dienst an der Familie zumindest stundenweise zu entkommen.

1968 herrschte ein eklatanter Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen. Dass eine Erzieherin 50 Kinder zugleich „bändigen“ musste, war keine Seltenheit. Kein Wunder, dass in vielen Kindergärten ein Kasernenhofton herrschte. Und dass der Toilettengang auf Kommando erfolgte. Kinder, die es so lange nicht aushielten und in die Hose machten, wurden in die Ecke gestellt. Sie sollten sich schämen.

Nachdenken über Erziehungsmethoden

Die Eltern-Kind-Initiativen lehnten auf strikten Gehorsam ausgerichtete Erziehungsmethoden und „Zwangsmittel“ ab. Einige entwickelten neue, radikale Konzepte. Die „antiautoritäre Erziehung“ wurde zum großen Aufreger – auch wegen des teilweise irritierenden Umgangs mit der kindlichen Sexualität. Darüber ist die Geschichte hinweggegangen. Historische Wirkung hingegen zeigte das Nachdenken über den Unterschied zwischen Erziehung und Dressur.

Selbstständiges Denken angesagt

„Unterordnung“ findet als „bürgerliche Tugend“ keine Akzeptanz mehr. Selbstständiges Denken und verantwortliches Handeln wurden zu zentralen Erziehungszielen. Nie waren sie wichtiger als in der pluralen, globalisierten und digitalisierten Gesellschaft von heute.

Die „Bildungskatastrophe“

Und die Bildungseinrichtungen, die angeblich richten müssen, was Familien nicht mehr leisten? Den Reformbedarf im Schul- und Hochschulwesen haben nicht erst die 68er erkannt. Bundesweit gab es in den 1960er Jahren Bemühungen, der „Bildungskatastrophe“ entgegenzuwirken. Baden-Württemberg setzte sich an die Spitze dieser Bewegung. Man wollte die Chancengleichheit verbessern und das regionale sowie soziale Bildungsgefälle im Land nivellieren (wie aktuell das klingt!).

… und sie protestierten trotzdem

Dass Abitur und Hochschulabschluss quasi für „jedermann“ erreichbar sein sollten, gefiel manchem Akademiker nicht sonderlich – Symbole bürgerlicher Abgrenzung schienen in Gefahr. Doch selbst der erzkonservative Hans Filbinger, ab 1966 Ministerpräsident, trug die Bildungsoffensive zunächst mit. Um zwei Jahre später festzustellen, dass alle Segnungen von oben die Studenten nicht am Protestieren hinderten: Sie forderten Mitbestimmung! Diese Undankbarkeit verzieh der umstrittene „Landesvater“ nie.

Wider die traditionelle Autorität

Die 68er stellten den am Obrigkeitsstaat orientierten und strikt repräsentativen Politikstil ihrer Zeit in Frage. Sie rührten an überkommenen gesellschaftlichen Strukturen. Und sie mischten („Das Private ist politisch“) schließlich sogar die Familien auf. Darin liegt ihr eigentliches Verdienst. Oder – je nach Sichtweise – ihr Vergehen. „Im Kern“, so Christina von Hodenberg, „war 68 ein Protest gegen traditionelle Autorität und Hierarchie.“ Er ermöglichte neue Lebensstile und mehr Vielfalt. Dass diese Revolution weiterwirkt, macht 1968 brisant.

Was bleibt vom Jahr 1968? Dieser Frage geht im Karlsruher Stadtmuseum noch bis 14. Oktober eine Ausstellung nach. Mehr Infos über „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ gibt es hier.