Attraktiv, aber unerreichbar? So denken viele Frauen über ihre Chancen in der IT-Branche. Diese Annahme ist falsch, sagen Julia Sundermann und Eileen Spitzmesser (von links).
Attraktiv, aber unerreichbar? So denken viele Frauen über ihre Chancen in der IT-Branche. Diese Annahme ist falsch, sagen Julia Sundermann und Eileen Spitzmesser (von links). | Foto: Jörg Donecker

Umfrage zu IT-Berufen

Das Klischee vom Technik-Nerd schreckt Frauen ab

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Frauen in Karlsruhe finden Berufe in der IT-Branche interessant und attraktiv – doch sich selbst sehen die wenigsten in einem Beruf als Spezialistin für Informationstechnik. Und das, obwohl ihre Interessen und Fähigkeiten stark nachgefragt sind. Zu diesem Ergebnis kommen Eileen Spitzmesser und Julia Sundermann, Initiatorinnen des Projekts „Frauen in die IT!“.

Im Herbst starteten sie eine Umfrage im Internet, um herauszufinden, warum das Interesse bei Frauen für diese Berufe so gering ist.

Fachkräftemangel in IT-Branche steigt weiter

Denn die IT-Branche boomt und der Fachkräftemangel spitzt sich entsprechend zu: Im Jahr 2018 blieben laut Zahlen des Digitalverbands Bitkom in Deutschland rund 85 000 Stellen für IT-Spezialisten unbesetzt – eine Steigerung vom 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Arbeitgeber werben mit gutem Gehalt, flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeit-Lösungen – also mit genau den Arbeitsmodellen, die gerade für Frauen attraktiv sind. Das zeigen auch die Ergebnisse der Karlsruher Umfrage.

Und doch sind laut Bitkom nur 15 Prozent der Bewerber für diese Jobs weiblich. Woran liegt das?

Spitzmesser und Sundermann werteten die Daten von 180 Frauen aus, die bis Ende Januar an ihrer Umfrage teilgenommen haben. Die meisten Frauen haben einen Hochschulabschluss und sind berufstätig, überwiegend in Vollzeit.

Frauen sehen sich selten in Digitalberufen

Der Großteil der Befragten arbeitet oder studiert aktuell in sozialen und kaufmännischen oder wirtschaftlichen Berufsfeldern. „Das bestätigt das gängige Vorurteil“, sagt Eileen Spitzmesser: Frauen mit Fähigkeiten wie Sozialkompetenzen und Organisationstalent suchten sich Berufe in Branchen, in denen diese Kompetenzen sehr offensichtlich gesucht seien, etwa in der Medizin, der Wirtschaft oder in Sozialberufen. „Nur wenige Leute hinterfragen die gängigen Vorstellungen und erkennen, dass sie mit ihren Fähigkeiten auch in den IT-Bereich gehen könnten.“

Immerhin 15 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen arbeiten in IT-Berufen. Bei der Frage, welche Kompetenzen in den Augen der Teilnehmerinnen in der Digitalbranche besonders gefragt sind, verglichen Spitzmesser und Sundermann die Antworten der ITlerinnen und der Nicht-ITlerinnen.

Außenstehende  bewerten technische Skills zu hoch

Besonders auffällig: Die Nicht-ITlerinnen bewerteten technische Kompetenzen (logisches Denkvermögen, mathematisches Verständnis, Programmiersprachen, Kenntnisse in Soft- und Hardware) deutlich höher als soziale Kompetenzen.

Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke, Durchsetzungsvermögen, Kundenorientierung oder Projektmanagement wurden dagegen vor allem von den Frauen als wichtig bewertet, die bereits in IT-Berufen arbeiten. Die Selbsteinschätzung der Befragten zeigte außerdem, dass digitale Kompetenz und technische Affinität ausreichend vorhanden sind.

Trotzdem beantworteten 60 Prozent der Teilnehmerinnen die Frage, ob sie für sich eine Chance sehen, ihre Interessen und Fähigkeiten in einem IT-Beruf einzubringen, mit Nein. „Ich finde es attraktiv, aber ich habe kein Talent“, lautete etwa ein Kommentar. „Viele denken, es ist ein cooles Arbeitsumfeld, aber mir steht das nicht offen“, so Spitzmesser.

Frauen schätzen die Anforderungen in der IT-Branche völlig falsch ein

Eine andere Teilnehmerin schrieb ins Kommentarfeld, dass ihr in IT-Berufen Interaktion mit Menschen fehle. „Wenn man etwas machen muss, dann ist das Kommunizieren“, betont Sundermann – denn selbst in klassischen IT-Berufen wie Programmierer oder Systemadministrator habe man schließlich ständig mit Menschen aus anderen Berufssparten zu tun.

„Frauen schätzen die Anforderungen in der IT-Branche völlig falsch ein“, so Sundermann. „Das ist verrückt, denn die Passgenauigkeit der Fähigkeiten mit den Anforderungen ist sehr hoch“, ergänzt Spitzmesser. Die Analyse von Stellenangeboten zeigte, dass auch in IT-Berufen Arbeitsfelder wie Konzeption, Dokumentation, Beratung, Design und das Finden kreativer Lösungen, Arbeiten in Teams, Projektmanagement und Schulungen besonders wichtig sind.

Frauen helfen, ihre Potenziale zu entdecken

„Natürlich muss ein IT-Entwickler Programmieren können“, so Spitzmesser. Doch bei sehr vielen anderen Berufen genüge auch ein grundsätzliches technisches Verständnis und eine gewisse Affinität, etwa im Projektmanagement.

Mit diesen Ergebnissen sehen Spitzmesser und Sundermann ihre Grundannahme bestätigt: Frauen wissen zu wenig über die Möglichkeiten, die sich ihnen in der IT-Branche eröffnen. „Wir wollen Frauen helfen, ihre Potenziale zu entdecken“, lautet deshalb die Konsequenz, die Sundermann zieht.

Sie wollen andere Firmen ermutigen, neben der Ansprache junger Frauen etwa beim Girls’ Day oder in MINT-Projekten auch auf bereits erwachsene Frauen zuzugehen. „Wir wollen vor allem die Ergebnisse der Umfrage verbreiten und aufklären“, so Spitzmesser. „Denn es ist ja keine Raketentechnik.“ Sundermann ergänzt: „Und selbst die ist auch für Frauen erlernbar.“