VIELE STEINE, WENIG WASSER: Tankschiffe müssen deshalb erheblich ihre Transportmengen reduzieren. Doch sind deshalb die hohen Spritpreise gerechtfertigt? | Foto: dpa

Mehr Tank-Laster bei der MiRO

Das Niedrigwasser, die Multis und die Spritpreise

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Man muss nur einen Blick auf den Rhein werfen. Dann ist klar, dass zwangsweise wenig in den Tanks der Binnenschiffe drin ist. BNN-Leserinnen und Leser fragen freilich die Redaktion, ob die Mineralöl-Multis die problematische Fracht-Situation nicht für überhöhte Preise ausnutzen. BNN-Redaktionsmitglied Dirk Neubauer hat zu dem Thema Fragen und Antworten zusammengestellt:
Die Region hat doch mit der MiRO Deutschlands größte Raffinerie vor Ort, die per Pipeline versorgt wird.

Was ist also das Problem?

Die Transalpine Ölleitung (TAL) versorgt die Raffinerie in der Tat zu 99 Prozent mit Rohöl. Diese Rohstoffversorgung ist nicht das Problem. Es geht um die Endprodukte wie Benzin und Diesel. Die werden zu einem großen Teil im Ölhafen in Binnenschiffe gepumpt. Die fahren danach Lager an, die am Rhein und an anderen Flüssen liegen. Diese Versorgung ist heikel, weil die Schiffe wegen des Niedrigwassers teils nur noch ein Drittel laden können. Dadurch gibt es Engpässe in den Lagern. Und die Spediteure verlangen Frachtaufschläge.

Warum fahren nicht einfach mehr Lkw-Tankzüge die MiRO an, um dort die Endprodukte abzuholen?

Laut MiRO werden üblicherweise die Produkte Benzin und Diesel im Durchschnitt zu 62 Prozent über die Straße abgeholt. Aktuell sind es 68 Prozent. Von den derzeit – täglich – 1 500 Tankkraftwagen sind 900 Fahrzeuge, die Benzin und Diesel abholen, wie MiRO-Pressesprecherin Yvonne Schönemann unterstreicht. Man reagiere unter anderem mit Sonderverladezeiten für die Speditionen. Auch könne man mehr Einweisungen für neue Fahrer anbieten. „Aber der Transport über die Straße lässt sich nicht unbegrenzt ausweiten“, so Schönemann. „Die Anzahl der Fahrzeuge und Fahrer kann nicht beliebig erhöht werden, und die Fahrer müssen ihre Lenk- und Ruhezeiten einhalten.“

Was passt denn eigentlich an Menge so in ein Tankschiff?

„Zirka 65 Tankkraftwagen braucht man, um den Inhalt eines voll beladenen durchschnittlich großen Tank-Binnenschiffs auf der Straße zu transportieren“, verdeutlicht MiRO-Pressesprecherin Schönemann.

BNN-Leser haben festgestellt, dass Diesel bei ihrem Besuch in Köln und in Bonn erheblich günstiger war als in Karlsruhe – dabei liegen die drei Städte doch alle am Rhein. Wie ist das möglich?

Andreas Hölzel, Pressesprecher des ADAC in München, weist darauf hin, dass die Mineralölkonzerne die Preise bis zu zehnmal am Tag änderten. Man müsste aus allen Preisen Durchschnittspreise der Städte errechnen, und das nicht nur pro Tag, sondern auf das ganze Jahr gesehen, um die Preise wirklich vergleichen zu können. Es ist aus ADAC-Sicht wünschenswert, wenn die Markttransparenzstelle entsprechende Statistiken erarbeiten und veröffentlichen würde.

Schlagen die Mineralöl-Multis bei der angespannten Lage mehr drauf, als nötig wäre?

„Diese Meinung teilt der ADAC“, sagt Hölzel. Zwar beeinflussten die niedrigen Pegelstände in Rhein, Main und der Mosel den Markt. Jedoch herrscht schon seit mehreren Monaten Niedrigwasser, während ein deutlicher bundesweiter Preisanstieg an den Tankstellen erst im Oktober sichtbar geworden sei. Der Ölpreisrückgang hat nach Meinung des ADAC eine ganze Menge Potenzial, um die Kraftstoffpreise zu senken. Von einem kräftigen Aufschlag spricht auch das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. Der Unterschied zwischen dem Rohölpreis der Sorte Brent und dem E10-Benzinpreis habe in der Vergangenheit bei rund 85 Cent je Liter gelegen. Seit Mai sei der Wert gestiegen, jüngst auf fast 1,05 Euro. RWI-Forscher Manuel Frondel weist darauf hin, dass die Rohölpreise seit Anfang Oktober sogar sinken – während die Preise für Sprit nach seinen Worten gestiegen sind. Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV/Berlin) sieht sich von der RWI-Studie bestätigt. Diese belege, „dass die Preise durch Knappheit verursacht worden sind“, so MWV-Pressesprecher Alexander von Gersdorff gegenüber den BNN. Es sei nicht genügend Benzin und Diesel auf dem Markt, um die normale Nachfrage zu befriedigen. Tatsächlich habe man auch erheblich höhere Transportkosten, weil mehr Sprit über die Straße transportiert werden müsse. Das sei im Vergleich zum Schiff viel teurer.

Wann wird sich die Situation wieder entspannen?

Wenn die Pegelstände der Flüsse wieder kräftig steigen, ist laut RWI damit zu rechnen, dass die Kraftstoffpreise wie in der Vergangenheit wieder der Entwicklung des Rohölpreises folgen. Das kann noch dauern, weil dafür laut Meteorologen andauernde Regenfälle nötig sind. MWV-Pressesprecher von Gersdorff sagt: „Man muss ehrlich sein: So lange die Situation am Rhein so angespannt ist, wird der Engpass im Markt nicht vollständig zu beseitigen sein.“