Die Justizvollzugsanstalt Bruchsal heute. Sie nahm vor 170 Jahren als Zuchthaus für Männer den Betrieb auf.
Die Justizvollzugsanstalt Bruchsal heute. Sie ging 1848 als Zuchthaus für Männer in Betrieb. | Foto: Uli Deck / dpa / Archiv

Badisches Reformprojekt

Isoliert in Bruchsal: Das Zuchthaus ging 1848 in Betrieb

Demokratie wagen? Der Kampf um die politische Teilhabe ist vielerorts bis heute ein Wagnis. Vor 170 Jahren gingen in Baden Menschen dieses Wagnis ein. Das Großherzogtum war 1848/49 ein Hauptschauplatz der Revolution. Entsprechend ungnädig reagierten die Vertreter der alten Ordnung. Ein Ort der Abrechnung mit den Revolutionären wurde das Zuchthaus in Bruchsal. Dabei wollte man mit dem just im Revolutionsjahr 1848 eröffneten „Stern zu Bruchsal“ eigentlich den Strafvollzug reformieren. Im neuen Männerzuchthaus setzte man zur „Besserung“ von Kriminellen auf deren strikte Isolation.

Einblick ins Vollzugswesen des 19. Jahrhunderts

Da zu den ersten Insassen der heutigen Justizvollzugsanstalt Bruchsal etliche politische Häftlinge zählten, ist das Zuchthaus ein Thema in der Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818 bis 1919“. Die Schau ist bis 12. August 2018 im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen. Sie „wandert“ danach durch weitere badische Städte. Die Schau ermöglicht einen kleinen, aber spannenden Einblick ins Vollzugswesen des 19. Jahrhunderts.

Ein Gesetz fürs Bruchsaler Zuchthaus

Die Massenunterbringung von Strafgefangenen war ins Gerede gekommen. Man befürchtete, dass sich die „schweren Jungs“ während der Haft gegenseitig weiter kriminalisieren würden. Dies wollte „Leopold, von Gottes Gnaden, Großherzog von Baden“ mit Zustimmung seiner „getreuen Stände“ verhindern.

Für jeden Häftlinge eine Zelle

Bereits 1845 erließ der Großherzog ein Gesetz, wonach im geplanten Männerzuchthaus zu Bruchsal jeder Sträfling eine eigene Zelle erhalten solle. In dieser sei er „bei Tag und Nacht außer Gemeinschaft mit anderen Sträflingen“ zu halten. Selbst in den „Spazierhöfen“ wurden Kontaktaufnahmen unterbunden. Die strikte Einzelhaft „ging so weit, dass die Gefangenen außerhalb ihrer Zelle Gesichtsmasken zu tragen hatten, die sie vollständig anonymisierten“, erläutert Christof Strauß vom Staatsarchiv Freiburg im Begleitbuch zur Ausstellung.

… und immer wieder Belehrungen

Trotzdem vereinsamten die Zuchthäusler nicht vollends. Mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage wurden sie beschäftigt. Es war Vorschrift, dass sie jeden Tag „wenigstens sechsmal“ Besuch erhielten. Vom Werkmeister etwa, von Aufsehern, Geistlichen, Direktionsmitgliedern, Ärzten, Lehrern und Inspektoren. Deren regelmäßigen Belehrungen sollten einen Prozess des Nachdenkens anstoßen und letztlich zur Läuterung der Häftlinge führen. Auch der Unterricht „in einem Gewerbe und in den Gegenständen, die in den Volksschulen gelehrt werden“ für Zuchthäusler ohne Ausbildung deutet in diese Richtung.

Inspiration aus dem Ausland

Modern für die damalige Zeit war nicht nur das Konzept, sondern auch das Zuchthaus selbst. Die Pläne für die „panoptische Anlage“ mit einem Zentral- und vier Flügelbauten hatte Baudirektor Heinrich Hübsch erstellt. Er ließ sich dabei von fortschrittlichen Vorbildern im Ausland inspirieren.

Sturm aufs Zuchthaus

Die bisweilen „Café Achteck“ genannte Bruchsaler Anlage mutet wie eine Festung an. Ganz so wehrhaft, wie man meinen könnte, war sie aber zumindest in den Anfangsjahren nicht, erfährt man in der Ausstellung. Als sich im Mai 1849 mehrere hundert Menschen aufmachten, die Revolutionäre zu befreien, hielt das hölzerne Haupttor des Männerzuchthauses nicht stand.

Auch andere Haftanstalten der „Gefängnismetropole“ Bruchsal wurden gestürmt. So kam  die „Revolutionsprominenz“ um Gustav Struve, die man im umfunktionierten „Weiberzuchthaus“ gefangengesetzt hatte, ebenfalls frei.

Im Zuchthaus Bruchsal saßen in den ersten Jahren zahlreiche politische Häftlinge ein, wie in der Ausstellung „Demokratie wagen?“ im Generallandesarchiv Karlsruhe berichtet wird.
Im Zuchthaus Bruchsal saßen in den ersten Jahren zahlreiche politische Häftlinge ein, wie in der Ausstellung „Demokratie wagen?“ berichtet wird. | Foto: abw

Bis 1919 waren die Gesichtsmasken Pflicht

Nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution im Sommer 1849 füllten sich die Zellen des Männerzuchthauses erneut mit politischen Gefangenen. Die letzten von ihnen wurden nach mehreren Gnadenakten von Großherzog Friedrich 1862 entlassen.

Für die verbliebenen, wegen krimineller Taten verurteilten Zuchthäusler wurde die strikte Einzelhaft aufrechterhalten. Sie wurde in Bruchsal erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gelockert. Im August 1919 erließ die Republik Baden den Häftlingen schließlich auch das Tragen der Gesichtsmasken.

Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818-1919“:
im Generallandesarchiv Karlsruhe bis 12 August 2018 . Hier gibt es weitere Infos.

Weitere Stationen:
Freiburg, Regierungspräsidium: 27.9.–26.10.2018
Offenburg, Museum im Ritterhaus: 49. KW 2018–8. KW 2019
Heidelberg, Stiftung Reichspräsident–Friedrich–Ebert-Gedenkstätte: 9.–16. KW 2019
Villingen, Städtische Museen: 17.–24. KW 2019
Ladenburg, Archiv des Rhein–Neckar–Kreises: 25.–32. KW 2019
Bruchsal, Stadtarchiv: 41.–48. KW 2019
Baden-Baden, Stadtmuseum: 49. KW 2019–4. KW 2020

Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Begleitband im Verlag W. Kohlhammer erschienen.Herausgegeben hat ihn Peter Exner.