Im Café Brenner in Karlsruhe sind stillende Mütter unerwünscht. Zu Recht?
Im Café Brenner in Karlsruhe sind stillende Mütter unerwünscht. Zu Recht? | Foto: MiJa Fotografie/BNN

Pro & Kontra

Debatte um Verbot im Café Brenner: Sollen Frauen in der Öffentlichkeit stillen?

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Seit die BNN davon berichtet haben, dass stillende Mütter in einem Karlsruher Café nicht willkommen sind, reißt der Strom der Reaktionen nicht ab. Am Mittwoch gegen 12 Uhr planen Mütter sogar eine Protestaktion.

Sollen Frauen in der Öffentlichkeit ihrem Baby die Brust geben? Diese Frage polarisiert auch innerhalb der BNN-Redaktion. Zwei Redakteurinnen – beide übrigens auch Mütter – vertreten die gegensätzlichen Standpunkte: Während Anne Weiss für die Akzeptanz des Stillens eintritt, fordert Elvira Weisenburger: Drängt anderen Menschen nicht eure Intimität auf.

Anne Weiss: „Wer stillt, befriedigt ein Grundbedürfnis“


Es geht in dieser Debatte gar nicht darum, ob eine Frau ihr Baby generell stillt oder nicht. Es geht darum, dass Mütter, die sich dafür entscheiden, einem Grundbedürfnis ihres Kindes nachkommen dürfen – und zwar ganz egal wann und wo. Es geht natürlich am Rande auch um die Sexualisierung der weiblichen Brust. In erster Linie aber geht es um die Selbstbestimmung von Frauen.

Manch einer hat die Diskussion als Hysterie bezeichnet. Müssen Frauen jetzt auch noch mit Protestaktionen provozieren, nur weil sie ein Café-Betreiber nicht zu seiner Klientel zählen möchte? Es ist nicht nur ihr Recht, zu demonstrieren, sie sollten es tun. Stillen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es kann das Bedürfnis nach Nähe befriedigen, Trost spenden.

Ja, es ist ein Akt der Intimität, es hat naturgemäß mit Nacktheit zu tun. Da wird mancher schnell puterrot. Hat die Frau da tatsächlich ihre Brüste ausgepackt? Hat noch jemand für einen Sekundenbruchteil eine Brustwarze gesehen?

Wir diskutieren über die Verschleierung aus religiösen Gründen und erwarten gleichzeitig, dass die Frau ihre Brust bedeckt, wo es Sinn ergibt, sie zu entblößen? In dem Moment, in dem eine Frau Mutter wird, sieht sie sich oft mit Ausgrenzung konfrontiert. Kinder sollen ruhig und angepasst sein.

Ein Baby, das hungrig ist, greift zur einzigen Möglichkeit, mit der es sich ausdrücken kann: Es schreit. Das wird von den Mitmenschen als noch unangenehmer empfunden. Wenn Frauen nicht öffentlich stillen sollen, bleibt nur eines – der Rückzug ins stille Kämmerlein. Bei der Häufigkeit, in der ein Säugling trinken möchte, kann das sehr einsam sein.

Elvira Weisenburger: „Der Kult ums Stillen hat religionsartige Züge angenommen“


Sicher: Stillen ist das „Natürlichste der Welt“ und obendrein gesund. Daran zweifelt kaum noch jemand – und dennoch möchte nicht jeder Mensch an diesem intensiven Mutter-Kind-Moment teilhaben. Doch wer sich traut, dies öffentlich zu sagen, riskiert heutzutage ein Wutgewitter in den sogenannten sozialen Netzwerken. So wie die Karlsruher Café-Besitzer, die nicht wollen, dass Mütter mitten in ihrem Haus stillen.

Der Kult ums Stillen und den damit verbundenen Mutter-Mythos hat in Teilen dieser Gesellschaft inzwischen religionsartige Züge angenommen. Das erste Gebot lautet: Stillen ist das Wichtigste und einzig Wahre für Mutter und Kind. Wer dem nicht alle anderen Interessen unterordnet, steht sofort am Pranger.

Doch es gibt durchaus Menschen, die es einfach peinlich berührt, wenn ihnen fremde Frauen ihre unverhüllten Brustwarzen zeigen – während sie am Nebentisch ihre Sahnetorte essen. Ähnliches gilt übrigens auch in Familien und Freundeskreisen. Hinter vorgehaltener Hand klagen gerade Männer nicht selten, sie wüssten gar nicht, wo sie hinschauen sollen, wenn Nichten und Freundinnen plötzlich an der Festtafel ihre Brust „auspacken“. So viel Intimität wollen sie sich nicht aufzwingen lassen.

Es ist tatsächlich rätselhaft, wieso das Schamgefühl bei einigen Frauen verfliegt, sobald ein Kind im Spiel ist. Andere „völlig natürliche“ Körperaktivitäten übt der moderne Mensch ja durchaus hinter verschlossenen Türen aus.

Engagierte Mütter dürfen Gegner des öffentlichen Stillens ruhig für verklemmt oder kinderfeindlich halten – aber sie sollten deren (Scham-)Gefühle respektieren.