EIN DACH KÜRZER GEMACHT: Erst kneift die Riesenzange dem schrottgeweihten Wagen in die Blechseiten. Dann packt sie zu, schüttelt das Maul und reißt der Bahn das Dach ab. Mit einem Schwenk durch die Luft landet das Karosserieteil dann am Schrottcontainer – schon kehrt der große Greifer zurück und zermalmt den Rest vom alten Blech.
EIN DACH KÜRZER GEMACHT: Erst kneift die Riesenzange dem schrottgeweihten Wagen in die Blechseiten. Dann packt sie zu, schüttelt das Maul und reißt der Bahn das Dach ab. Mit einem Schwenk durch die Luft landet das Karosserieteil dann am Schrottcontainer – schon kehrt der große Greifer zurück und zermalmt den Rest vom alten Blech. | Foto: jodo

Holzklasse wird verschrottet

Der Bär ist weg

Wagen 211 steht alleine auf der Schrottbank. Kurz vor seinem letzten Rollweg vom Abstellgleis haben Straßenbahn-Enthusiasten vom Verein Treffpunkt Schienennahverkehr Karlsruhe (TSNV) alles für sie noch Brauchbare gesichert.

Nun fehlen der alten Bahn bereits Frontscheibe, Führersitz und Armaturenbrett. Auch die Fahrscheinentwerter sind abgängig.

Da packt der Greifer zu. Mit der Leichtigkeit eines Fingernagelknipsers durchtrennt das Krokodilmaul am Baggerarm die Stahlstreben der Karosserie. Schon fasst er das grüne Dach der alten Bahn, lüpft es unter großem Geknirsche an und schwenkt die abgehobene Blechhaube durch die Luft.

Mit einem Auto aus dem mecklenburgischen Landkreis Müritz sind die Arbeiter eines Zerlegebetriebs auf den Verschrottungsplatz gekommen. In wenigen Stunden ist der Wagen 211 zerstört, in seine Bestandteile zergliedert und nach Stofffraktionen getrennt in bereitstehenden Recycling-Containern gelandet. „Der Schrott wird an Händler in der Region verkauft“, sagt Nicolas Lutterbach, Pressesprecher der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK).

Herzerweichendes Quietschen

Ausrangiert und ausgeweidet – zertrümmert und verschrottet. Das Karlsruher Zeitalter der Holzklasse ist endgültig vorbei. Bis 2015 zogen die damals ältesten noch aktiven Straßenbahnen Deutschlands ihre Linien durch die Fächerstadt. Auch der Bär auf dem Karlsruher Straßenbahnblech stirbt jetzt aus.
Die Holzklasse hat die Karlsruher bewegt.

In 56 Jahren Dienst auf der Fächerschiene hat sie sich in die Herzen aller Nostalgiker gefahren. In ihren letzten Betriebsjahren vor der Fahrt aufs Abstellgleis im Frühling 2015 quietschten und ratterten die letzten zehn von einst 74 Karlsruher Gelenktriebwagen der Jahrgänge 59 bis 78 nur noch auf der Linie 5 zwischen Rheinhafen und Rintheim über die Konzerthaus-Route.

Holzsitze in alter Straßenbahn
DIE HARTE REALITÄT ist Vergangenheit. Die legendären Holzsitze hatten in einer gepolsterten Welt keine Chance mehr. Der Waggon geht ausgeschlachtet zum Verschrotten. | Foto: jodo

Schon um die Jahrtausendwende wollte der damalige Nahverkehrspapst Dieter Ludwig sie aus dem VBK-Fuhrpark aussortieren. Doch dann zog sich die technische Aufrüstung mit neuen Wagen und dem Auseinanderrücken der Gleise für die breiteren Niederflurwagen in Rintheim hin – und die totgesagte Holzklasse rollte und rollte immer weiter. Übrigens kreuzten auch 2017 noch Einzelwagen auf der Kaiserstraße auf. Sie wurden zum Schülertransport auf der Sonderlinie ins Europaviertel der Waldstadt eingesetzt.

Rosten auf dem Abstellgleis

Dem Rost überlassen drängten sich die letzten der legendären Bärenwagen also noch drei Jahre auf dem Abstellgleis des Straßenbahndepots am Windmühlenberg. Jetzt ist auch die Phase der Agonie vorbei. Sang und klanglos schieben die Verkehrsbetriebe ihre alten Lieblinge aufs Schrott-Schafott.

Viele Passagiere, denen bei der Rütteltour auf dem harten Holz die Knochen durchgeschüttelt wurden, oder gehbehinderte Fahrgäste, denen die steile und enge Treppe in schlechter Erinnerung ist, weinen den Wagen von der Linie 5 auch keine Träne nach. Sie können beruhigt sein, das gute Stück Nachkriegsgeschichte wird nun endgültig aus dem Stadtbild gestrichen.

Die teilweise später aufgepolsterten Holzklasse-Wagen mit ihren schmalen und angerundeten Formen, den roten Bändern auf sattem Gelblack und dem vertrauten Blick aus den kleinen kreisrunden Scheinwerfern werden mitten auf dem VBK-Gelände am Hafen in ihre Bestandteile aufgelöst. Insgesamt lassen die VBK derzeit dort 25 alte Züge beseitigen, neben den acht verbliebenen Wagen aus der Holzklasse noch 17 betagte Stadtbahnwagen.

Ein Loch klafft im Blech

Auch das Schicksal von „210“, der neben den Holzbrüdern „202“, „207“ und „209“ auf dem Abstellgleis wartet, ist besiegelt. In seinem Blech klafft in Fahrtrichtung vorne rechts ein Loch. Ein Quadrat der Stahlhaut ist rausgeschnitten. „Der Bär ist weg“ durchfährt es den Betrachter. Doch ist dies kein Fall schnöder Altwagenschändung, sondern ein Akt des Aufbewahrens – wenigstens von einem wichtigen Teilchen der Holzklasse.

 

Wer fehlt? | Foto: jodo

Jochen Zefferer, Experte für Straßenbahnwagen vom TSNV, erklärt: „Von den letzten acht Wagen bewahren wir die Berliner Bären auf.“ Sie kommen in die Asservatenkammer der Straßenbahnfreaks. Zefferer stellt sich vor, dass der tanzende Berliner Bär als Zeitzeuge für die Fächerstadt in der Ära der Holzsitze vielleicht in einem Straßenbahnmuseum, für das sich der Verein bislang vergeblich einsetzt, eine Auferstehung erlebt.

Bär auf Bahn
MIT ROTER ZUNGE gab der Berliner Bär eine aufrechte Blechfigur ab. | Foto: Archiv-Jodo

Karlsruhe – Berlin – Minsk

Immerhin 17 bereits um die Jahrtausendwende in Karlsruhe ausrangierte Wagen mit dem Bären auf der Flanke durften noch einige Jahre auf fernem Gleis im Osten weiterrollen. Ludwig verschenkte 1995, 2000 und 2003 ausrangierte Wagen der Holzklasse an Städte, die vor der Wende hinter dem Eisernen Vorhang lagen – an das befreundete Temeswar in Rumänien und an Weißrusslands Hauptstadt Minsk.  Experte Zefferer hat derzeit keine Informationen, ob auch jetzt noch in der Ferne ein Wagen mit Berliner Bär rollt.
Mit dem Bären auf dem Blech erinnerte die Holzklasse täglich die Karlsruhe an Berlin, die bis zum Mauerfall 1989 geteilte Hauptstadt.

Linie 5
ENDSTATION war für die „5“ über Jahrzehnte am Rheinhafen. Anschließend ging es von der Wendeschleife (im Hintergrund das alte Kraftwerk der Stadt) wieder auf Gleisfahrt quer durch die Stadt nach Rintheim. | Foto: Seiler

Die von der Berliner Waggonbaufirma hergestellten Trams fuhren mit dreifachem Emblem durch die Karlsruher Straßen: unterhalb des schwarzen Bären-Tattoos in roten Großbuchstaben „BERLIN“ sowie ein Ortsteilnamen von der Spree.

TSNV sichert sich zwei Exemplare der Holzklasse

So wurde man am Oberrhein beispielsweise mit dem Berlin-Zusatz „Karlshorst“ auf dem Holzklasse-Wagen 210 an den Ostberliner Ortsteil erinnert. Dort, im späteren sowjetischen Sektor von Berlin, unterzeichnete Wilhelm Keitel am 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und besiegelte damit das Ende des Zweiten Weltkriegs.

alte Bahn
EIN WAGEN DER LINIE 5 fährt 2014 ratternd durch die Stadt – „Hauptfriedhof, bitte aussteigen“. Für die Holzklasse – hier Wagen 208 „Friedenau“ – lief damals im Fahrbetrieb schon die Zeit ab. | Foto: Jodo-Archiv

Von der Holzklasse überdauern nach dem Verschrotten nicht nur die Berliner Blechbären: Der TSNV hat sich für seine Museumsbahnen zwei Exemplare, 167 „Reinickendorf“ und 188 „Heiligensee“, gesichert.

Zefferer weiß zudem von einem dritten Gelenktriebwagen aus dem Karlsruher Fahrbetrieb, den man an das Hannoversche Straßenbahn-Museum verkaufte. Und ein Karlsruher beteuert, dass zumindest 2017 noch ein Wagen mit Bär durch die Partnerstadt Temeswar ratterte. Dazu hält sich das Gerücht, dass in Minsk ausgerechnet eine echte Holzklasse zum Partywagen aufstieg.