Klaus Seemann bringt das Querruder am Modell des britischen Bombers an, an dem er seit drei Jahren arbeitet. Viele Tage hat er schon jetzt in das Projekt gesteckt. Noch bleibt viel zu tun. | Foto: jodo

Getrieben vom Perfektionismus

Der Karlsruher Klaus Seemann baut seit über 40 Jahren Modellflugzeuge

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Der Karlsruher Klaus Seemann baut seit über 40 Jahren Modellflugzeuge. Der detailverliebte Hobbybastler ist dabei getrieben vom Perfektionismus. Sein aktuelles Projekt: Ein britischer Bomber, Modell Bristol Blenheim Mk IV, im Maßstab 1:5,5.

Die Flügel aus südamerikanischem Balsaholz füllen den kleinen Kellerraum fast in seiner ganzen Breite aus. Auf den Tischen liegen handgefertigte Zeichnungen auf Millimeterpapier. Eine Präzisionsfräse steht auf der Werkbank.

In den Schränken stapeln sich Farben, Bücher und Werkzeug. Und mitten im Raum kniet Klaus Seemann. Er schraubt am Fahrwerk seines Flugzeug-Rohbaus mit über drei Metern Spannweite. Wie viele Tage und Nächte Seemann in dem Keller verbracht hat, kann er längst nicht mehr zählen. Der 55-Jährige hat schon vor seinem zehnten Geburtstag angefangen Modellflugzeuge zu bauen.

Aus Hobby wird Leidenschaft

Aus dem Hobby des kleinen Jungen wuchs über die Jahre eine Leidenschaft, in die der Familienvater große Teile seiner Freizeit investiert. Sein aktuelles Projekt: Ein britischer Bomber, Modell Bristol Blenheim Mk IV, im Maßstab 1:5,5. Seemann hat eine Vorliebe für britische und amerikanische Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg.

Aus dem Baukasten stammt dabei so gut wie nichts. Deshalb vergehen oft Hunderte Stunden, ehe ein Modellflieger fertig ist. Mitgezählt wird nicht, auf Zeit kommt es nicht an. Der detailverliebte Hobbybastler entwirft seine Pläne nach denen des großen Originals.

Dafür wälzt er Bücher, durchstöbert Foren und schaut auf Fotos ganz genau hin. „Ich möchte keinen Flieger bauen, den jeder Zweite hat. Individualität und Authentizität sind mir sehr wichtig“, erklärt Seemann.

Auf Millimeterpapier zeichnet der Modellbauer eigene Pläne für einzelne Bauteile. Sie sind die Basis für den präzisen Bau.
Auf Millimeterpapier zeichnet der Modellbauer eigene Pläne für einzelne Bauteile. Sie sind die Basis für den präzisen Bau. | Foto: jodo

Getrieben wird der Modellbauer bei seinen Projekten von einer gehörigen Portion Perfektionismus – das zeigt sich ganz aktuell am Bau des Fahrwerks seiner Bristol Blenheim. Um möglichst nah an das Original ranzukommen, hat Klaus Seemann jedes einzelne Teil inklusive der Gelenke in stundenlanger Handarbeit selbst gefräst.

„Vieles muss für mich einfach 100 Prozent sein. Richtig zufrieden bin ich eigentlich nie“, sagt er und gibt zu: „Manchmal verzweifelt man an seinem Hang zum Perfektionismus ein wenig.“ Es komme schon mal vor, dass man zwei Tage an einem kleinen Teil arbeite und dann nochmal von vorne beginnen müsse.

Mit einer Fräse arbeitet Klaus Seemann an wenigen Zentimeter großen Einzelteilen.
Mit einer Fräse arbeitet Klaus Seemann an wenigen Zentimeter großen Einzelteilen. | Foto: jodo

Zeitdruck macht er sich deshalb längst keinen mehr. Beim Modellbau müsse der Weg das Ziel sein. Nur wer sich von dem Berg an Arbeit abkopple, der noch vor ihm liege, könne sich auch die Zeit für die Details nehmen. „Auf einer Skala, die die notwendige Geduld zwischen eins und zehn einordnet, lande ich ab und an bei zwölf.“

Mit der Bristol Blenheim beschäftigt sich Seemann mittlerweile seit drei Jahren. Zu Beginn war das vor allem Schreibtischarbeit. Er sammelte Informationen, überarbeitete Pläne, stellte eine Materialliste zusammen. Große Teile des Modells entstehen aus extrem leichtem Balsa- und Sperrholz. Dazu kommen beispielsweise Aluminium und verschiedene Farben und Lacke.

Mit detailgetreue Nachbauten bei Wettbewerben

„Die Materialien für so einen Flieger sind nicht teuer“, erklärt der Modellbauer. Schon mit wenigen hundert Euro sei man dabei. Einzig der Motor könne ins Geld gehen. Den baut auch Seemann aller Ambitionen zum Trotz nicht selbst, sondern kauft ihn.

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Für die Bristol Blenheim hat er sich für einen benzingetriebenen Sternmotor entschieden. „Wenn wir ehrlich sind, ist aber die eigene Zeit das mit Abstand teuerste an so einem Projekt.“ Diese Zeit steckt Seemann hauptsächlich in den kalten Monaten in den Bau. Der Sommer gehört seinem zweiten Steckenpferd, dem Fliegen.

Der 55-Jährige ist Abteilungsleiter für Modellflug beim Flugsportverein (FSV) Karlsruhe und oft auf dem vereinseigenen Gelände nahe Neumalsch zu finden. Mehrmals pro Jahr tritt er mit seinen detailgetreuen Nachbauten bei Wettbewerben an, zwei deutsche Meistertitel hat er sich schon gesichert. Auch als Punktrichter ist er seit 1995 im Land unterwegs.

Mein Hobby hat mir sicher auch im Job geholfen

Das schon in früher Jugend entwickelte technische Interesse hat Klaus Seemann auch auf seinem beruflichen Weg beeinflusst. Er besuchte ein Technisches Gymnasium, studierte Physik und promovierte schließlich. Mittlerweile arbeitet er in der Materialforschung am Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie.

„Mein Hobby hat mir sicher auch im Job geholfen“, sagt er. „Durch das Ingenieurswissen bin ich, ohne arrogant klingen zu wollen, sicher dem ein oder anderen überlegen. Man bezeichnet den Modellbau nicht umsonst als das Hobby der 90 Berufe.“ Der Bau der Bristol Blenheim wird Seemann noch einige Zeit beschäftigen.

Bau der Bristol Blenheim dauert noch einige Zeit

Sind die Fahrwerke fertig, stehen der Einbau der Motoren, die Verkleidung und viele weitere kleine Schritte an. Vor allem auf den Innenausbau des Cockpits legt der Modellbauer großen Wert. Der mache 50 Prozent des Erscheinungsbilds aus. Im vorletzten Schritt bekommt der Flieger schließlich seine authentische Lackierung.

„Ganz zum Schluss kann es dann sein, dass ich mit dem Hammer draufschlagen muss“, sagt Seemann schmunzelnd. Natürlich nicht aus Zerstörungswut, sondern um die authentische Optik herzustellen. „Die Maschine war schließlich im Zweiten Weltkrieg im Einsatz, Gebrauchsspuren inklusive.“