Emil Stark leitete fast drei Jahrzehnte das Dezernat Kapitalverbrechen der Kriminalpolizei | Foto: jodo

Emil Stark prägte die Polizei

Der Mordermittler

2 700 Spuren und Hinweise, zeitweise bis zu 300 Polizisten, die sich fast zwei Monate rund um die Uhr mühten, das Leben der entführten elf Jahre alten Cornelia Becker zu retten. Doch all die Arbeit, alle Bemühungen unter hohem öffentlichen aber auch selbst gesetzten Druck – alles vergebens. Denn die Fabrikantentochter aus Weingarten war bereits am Tag ihres Verschwindens von ihrem Entführer ermordet worden. „Sie wurde tot im Wald gefunden,“ so das bittere Fazit von Emil Stark. Den ersten Einsatz in einer Sonderkommission im Winter 1980 wird der Kriminalpolizist und langjährige Mordermittler sein Leben lang nicht vergessen. Der Fall bewegte und entsetzte ganz Deutschland. Das Mädchen war auf dem Weg von der Schule nach Hause im November 1980 entführt worden. Der Täter, ein selbstständiger Ingenieur aus Karlsruhe, wollte ihren Vater, Inhaber einer Firma erpressen. Die Suche wurde mit einem riesigen Aufwand betrieben, wie ihn Stark seither nicht mehr erlebte. Doch wenigstens kam man dem Mörder auf die Spur, selbst übrigens ein Vater von fünf Kindern – ein Fakt, bei dem Stark heute noch den Kopf schüttelt. Der junge Kriminalkommissar leitete den Trupp, der das Haus des Entführers in Durlach im Dezember 1980 durchsuchte und ihn verhaftete. Im Keller fanden sie Blutspuren, dort hatte der Entführer das Kind umgebracht.

Grenzbereiche menschlicher Existenz

„Dieser Fall hat mich sehr geprägt“, sinniert Stark nun am Ende einer erfolgreichen Kripolaufbahn. Denn Ende Juni ging der Erste Kriminalhauptkommissar in den Ruhestand. 29 Jahre lang leitete er das für Mord und Totschlag zuständige Dezernat I der Karlsruher Kriminalpolizei, was landesweit eine große Ausnahme ist. Fünf Mal verlängerte der 65-Jährige in den vergangenen Jahren seine Amtszeit und schob seinen Ruhestand hinaus. In diesen 29 Jahren hat er unzählige Mordkommissionen geleitet oder an führender Position mitgearbeitet. Er hatte mit den Grenzbereichen menschlicher Existenz zu tun und dabei gelernt, dass „die Verbrechen die kalt geplant werden, die Minderzahl sind“. Viele Verbrechen entstünden eher aus der Emotion, aus dem alltäglichen Leben, etwa indem ein Streit eskaliert und völlig aus dem Ruder läuft.
Wie viele Täter ihm in den Vernehmungszimmern der Kriminalpolizei gegenübersaßen, zerknirscht, heulend, eiskalt oder schweigend, hat Stark nicht gezählt, auch über die Zahl der Morde, mit denen er es zu tun hatte, hat er nicht exakt Buch geführt. „Es werden wohl an die 100 gewesen sein,“ sinniert er. 40 bis 50 Mordkommissionen hat er entweder geleitet oder in ihnen mitgearbeitet.
Doch wer mit Stark über einzelne Fälle spricht, braucht diese nur kurz anzutippen, und bekommt präzise die Fakten. „Vor allem die Fälle bleiben einen am meisten im Gedächtnis, bei denen wir überzeugt sind, den Täter zu kennen – aber nicht genügend Beweise hatten, um ihn zu überführen“ sagt er fast entschuldigend.
Beispielsweise der Fall Manuela Batschauer im September 1984: Die 15-Jährige wurde auf dem Flugplatzareal in der Nordweststadt ermordet. Die Tat löste allergrößte Betroffenheit und Angst in Karlsruhe aus. Es war die Zeit, als die US-Armee in Karlsruhe stationiert war und bei den damals regelmäßigen „Reforger“-Übungen tausende zusätzliche Soldaten aus den USA eingeflogen wurden – und die genauso auch schnell auch wieder weg waren. Der Verdacht „ging in Richtung eines US-Soldaten“, so Stark. Ein Mann in einem uniformähnlichen „Fieldjacket“ wurde beobachtet, der auffällig lange auf einer Straßenbahnbrücke bei der Nordweststadt stand und die einfahrenden Bahnen beobachtete. Als das Mädchen aus der Bahn stieg, war er aber plötzlich verschwunden. Manuela Batschauers Mörder wurde nie gefunden. Die allermeisten Morde konnten die Ermittler der Karlsruher Polizei aufklären. Aber 15 ungeklärte Morde verzeichnet die Polizei im Stadt- und Landkreis seit 1968. Der bisher letzte in der Reihe ist der Mord an der Rentnerin in der Albtalstraße 2017. Die in den Augen von Polizei und Staatsanwaltschaft Haupttatverdächtige, eine Putzfrau, wurde freigesprochen, weil das Gericht die vorgelegten Indizien nicht für hieb- und stichfest hielt. Damit geht Stark professionell um. „Der Richter kann niemanden verurteilen, von dessen Schuld er nicht überzeugt ist.“

Unruhige Zeiten

Rückblende: Der in Karlsruhe aufgewachsene Emil Stark entscheidet sich nach dem Abitur am Friedrich-List-Gymnasium, zur Kriminalpolizei zu gehen. Nach bestandener Aufnahmeprüfung beim Landeskriminalamt ist er seit September 1973 Kriminalkommissaranwärter, was damals eine neue Form der Ausbildung bei der Polizei war. In viereinhalb Jahren kann man es bis in den gehobenen Dienst schaffen. „Was die altehrwürdigen Kriminalhauptkommissare schon kritisch beäugten,“ erinnert sich Stark. Nach der Ausbildung wechselt er bald zum Kriminaldauerdienst in Karlsruhe, übernimmt Schichtdienst und die Funktion eines Dienstgruppenführers. Dann geht es für den jungen Kripomann zum damals neu eingerichteten Jugenddezernat. 1984 folgt die erste Führungsaufgabe. Stark übernimmt als Leiter das Dezernat „Kriminalaktenhaltung/Datenstation“, so langsam hält nämlich das Computerzeitalter Einzug bei der Polizei. „Interessant“ ist der Job, doch nicht sein endgültiges Ziel. Er will in das „Königsdezernat I“. Der Ruhestand des damaligen Dezernatsleiter öffnet dem jungen Beamten den Weg und der damalige Kripochef Franz Burkart vertraut dem erst 36-Jährigen 1989 das Dezernat I an. Die 1980er und 1990er Jahre waren aus Polizeisicht unruhige Zeiten. „Es verging kein Jahr mit nicht mindestens einer oder zwei Mordkommissionen“, erinnert sich Stark. Mordermittlung sei immer Teamarbeit, über die Maßen sind dabei die Polizisten und Mordermittler zeitlich stark belastet, genauso emotional, müssen auch „Durchhänger“ verkraften. „Gewissenhaft und akribisch müssen die Kollegen die Fehler erkennen, die vom Täter gemacht werden.“

Drei Mordkommissionen gleichzeitig

1991 wird die Karlsruher Polizei besonders hart auf die Probe gestellt. Denn der kriminelle Zufall macht die gleichzeitige Arbeit von drei Mord- beziehungsweise Sonderkommissionen notwendig. Eine müht sich, das Schicksal der verschwundenen Manuela Reichmann aufzuklären. Später stellt sich heraus, dass sie das Opfer ihres eigenen Stiefbruders geworden war. An einem Sonntag im Februar 1991, als man die lange vermisste junge Frau tot bei Graben-Neudorf findet, wird ein türkischer Mitbürger bei Bretten erstochen. Die zweite Mordkommission nimmt ihre Arbeit auf. Doch damit nicht genug: Am gleichen Tag wird ein Architekt in der Karlsruher Bergwaldsiedlung ermordet aufgefunden, wenige Tage später findet man seine ebenfalls ermordete Ehefrau bei einem Autobahnparkplatz. Auch hier gilt es, eine Sonderkommission einzurichten, Stark ist Leiter der Ermittlungen. Kurz danach gesteht der 23-jährige Sohn des Paares die Tat.
Bei vielen Fällen gibt es einen schnellen Aufklärungserfolg, manche dauern länger, und bei manchen heißt es, einen ganz langen Atem zu haben. So ist beispielsweise der Mord an einem Karlsruher Cafébesitzer durch zwei Strichjungen im Oktober 1992 erst viele Jahre später zu klären, als Altfälle abgearbeitet und Fingerabdrücke mit dem Datenbestand von einstigen Ostblockländer abgeglichen werden. So kommt man auf die Spur der Täter und zu Verurteilungen. „Auch die Möglichkeit der DNA-Auswertung hat hier einen Quantensprung bedeutet,“ verweist  der erfahrene Mordermittler auf die Fortschritte bei der Auswertung von Spuren. „Eigentlich kann niemand verhindern, dass er DNA verliert.“ Da habe der Täter ein Problem, das einfach wegzureden. Und „Gott sei Dank“ habe die Polizei in Karlsruhe eine gute Kriminaltechnik. Im Umgang mit Mördern und Totschlägern, mit all den schlimmen Nachrichten hat der erfahrene Kriminalbeamte auf seine stabile psychische Konstitution bauen können. „Ich habe nichts sehr persönlich an mich herangelassen.“. Zumal es inzwischen auch eine Menge Hilfsangebote bei der Polizei gibt. „Was mir aber unter die Haut ging, war, wenn Kinder betroffen waren.“ Und nie hat Stark, bei allem berufsbedingten Fokus auf die Verbrecher, mit denen er es zu tun hatte, die Familien der Opfer vergessen. Denn neben dem Opfer sind sie die Hauptleidtragenden eines Verbrechens. „Für sie ist dies eine Tragödie.“ Nie mehr werde das Leben, wie es mal war.