Der Alte Schlachthof
DER ALTE SCHLACHTHOF ist das Vorzeigeprojekt für die Investition in Kreativität. Der klassische Schlachthof, der von links bis zum rechten Saum der Straßenbahntrasse reicht, ist bald komplett saniert. Der Viehhof (rechts daneben) mit Neubauten steckt noch in der Entwicklung – unten das Gaswerk, oben die Durlacher Allee, rechts der Messplatz. | Foto: Sandbiller

Alter Schlachthof mit Zukunft

Der Schlachtplan für das Kreativzentrum geht auf

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Karlsruhe macht im Alten Schlachthof vor, wie sich Kreativität gewinnbringend steuern lässt: Da hat sich der Kreativpark Ost binnen zehn Jahren zu einer kräftigen Pflanze entwickelt. Doch weiter pflegt die die Politik für den Wirtschaftsstandort ihren liebsten Spross, um dort das Feld der neuen Wirtschaft – angesiedelt zwischen Kunst und Medien, Informationstechnologie und Dienstleistung – nachhaltig zu bestellen.

„Fertigungszentrum“

Gerade schießt an der Graffiti-Mauer, welche das Kultquartier vom Messplatz trennt, das „Festigungszentrum“ aus dem Boden. Dort können sich wohl schon ab 2018 junge Unternehmen der angesagten Kreativbranchen im Schutz der städtischen Fächer GmbH weiterentwickeln, bis sie reif für den Wettbewerb und entsprechend hohe Mietpreise für die Firmenräume sind.

Aufpäppeln im Container

Zur Fantasie und Tatkraft der Kreativen gehört beim neuen Schlachthofkonzept also auch das Sorgerecht von Mutter Fächerstadt: Zunächst werden in der früheren Schweinemarkthalle Neugründungen, die in der rauen Marktwirtschaft schnell eingehen können, in Seecontainern bei günstigen Konditionen aufgepäppelt.

 

Schmuck an der Schweinemarkthalle
SCHWEINE IN SANDSTEIN: Dieses Relief ziert noch heute die Schweinemarkthalle, in der kreative Köpfe ihre Zukunft bebrüten. | Foto: jodo

 

Haben sie in der Halle „Perfekt Futur“ dank dieser Wirtschaftsförderung eine stabile Frühreife entwickelt, dürfen sich die Kreativ-Pflänzchen demnächst im „Festigungszentrum“ strecken. „Gewissermaßen bauen wir nach der Krabbelgruppe jetzt die Grundschule“, erklärt der liberale Baubürgermeister Michael Obert diese Art kommunaler Planwirtschaft.

„Wir wollen diese Leute hier halten, deshalb bauen wir als dritte Stufe noch ein weiteres Haus. Für diesen Zwilling des Festigungszentrums an der Mauer läuft bereits der Architektenwettbewerb, das geht auch noch in diesem Jahrzehnt in Betrieb“, sagt Obert. Die Kreativen bekommen also kurz vor ihrer ökonomischen Volljährigkeit auch noch eine Reifestation im Schlachthof.

Alles in einer Hand

Überhaupt gelte für die kommunale Fächer GmbH beim Alten Schachthof inzwischen wieder das Prinzip „alles in einer Hand“. Was auf die Sanierung des denkmalgeschützten Ensembles aus Pferdeschlachthaus oder Schweinemarkthalle, Fettschmelze oder Hackerei zutrifft, ist auch für die ergänzende Bebauung im Viehhof zwischen dem Tollhaus und der Schlachthausgaststätte an der Durlacher Allee maßgeblich.

 

Freiraum im Alten Schlachthof
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EINE FREIE LANDSCHAFT ist der Kreativpark Alter Schlachthof zumindest in seinem Zentrum. Wo irgendwann ein Neubau kreative Köpfe beherbergen soll, sorgen Bäume, Beete und Hügel heute für die besondere Schlachthof-Atmosphäre. | Foto: jodo

 

Es gab nur zwei Ausnahmen: Das Bürohaus „Aurum“ mit Gastronomie und der von der Firma Vollack verwirklichte, aber inzwischen von der Stadt gekaufte Bürobauquader des Kreativquartiers mit der Gaststätte „Carl“ fallen sichtlich aus dem Rahmen. „Wir haben festgestellt, dass es für die spezifische Entwicklung des Schlachthofs besser ist, wenn die Stadt allein bestimmt“, erklärt Obert.

Eckturm zum Messplatz

Zwar achte man auch auf die Wirtschaftlichkeit des Kreativparks. Nach den Investitionen durch die Stadt reiche der öffentlichen Hand aber beim Betrieb eine ausgeglichene Bilanz, während ein Unternehmen ganz andere Gewinnmargen ansteuere, was dann eben der Gestaltung des Vorzeigequartiers nicht unbedingt zuträglich sei. Einen Neubauriegel in privater Trägerschaft aber soll es doch noch geben: Entlang der Durlacher Allee, wo einst die Viehmarkthalle (später Opel Zschernitz) stand, ist laut Obert immer noch ein Bürohausriegel mit Eckturm zum Messplatz vorgesehen.

Allerdings habe sich noch keiner von mehreren Interessenten zum Bau entschlossen. Folglich kommt nun die Neubebauung der Durlacher Allee gegenüber schneller: Dort haben die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) gerade mit dem Abriss ihres Traditionsdepots begonnen.

Sie bauen ab 2019 an Stelle der alten Tramschlafhallen ihre neue Nahverkehrszentrale. Aus einem Sprung des Kreativparks über die Durlacher Allee wird also nichts, zumal auch EnBW laut Obert demnächst mit dem Abriss von Altbauten neben seinem Hauptsitz beginnt, um Bürohäuser hochzuziehen.

Wachstum im Gaswerk?

Theoretisch bleibt da noch im Osten der Messplatz als Erweiterungsfläche für die boomende Kreativwirtschaft. Auf ihn haben die Stadtplaner schon lange eine Auge geworfen. Doch Obert erkennt dafür keine Realisierungschance, weil man in Karlsruhe bislang einfach überhaupt keinen Alternativstandort für die Mess finden könne.

 

Michael Obert
DAS OSTSTADTKIND Michael Obert freut sich zwischen Großmarkthalle (links) und Pferdeschlachthaus über den Aufschwung. | Foto: jodo

 

Da auch die Wiesen des Otto-Dullenkopf-Parks um Schloss Gottesaue für jede Bebauung tabu sind, bleibt nur noch eine Wachstumsoption, falls der Kreativpark einmal aus allen Nähten platzt: Südlich des Viehhofs nutzten die Stadtwerke unverändert die Gebäude des dort bereits 1965 stillgelegten Gaswerk Ost. Die Stadtwerke müssten also mit den Schulungsräumen und Werkstätten nicht in alle Ewigkeit am Dullenkopf-Park bleiben, meint Obert. Eine Südentwicklung des „Schachthofs“ ist also vorstellbar. Die ältesten Bauten des Schlachthofs und des Gaswerks entstanden vor 130 Jahren.

Nicht im Traum damit gerechnet

„Nicht im Traum habe ich mit diesem Wandel gerechnet“, sagt der heute 64-Jahre Obert, ein Kind der Oststadt. In der Tullastraße aufgewachsen, hat er noch den „Duft“ des Schlachthofs in der Jungennase. Seit zehn Jahren wird in der Oststadt nicht mehr geschlachtet. Die gescheiterte Bewerbung zur „Kulturhauptstadt Europas“ befeuerte die im Gemeinderat geborene Idee, die maroden Schlachthäuser in einen Ort wirtschaftlicher Vitalität zu verwandeln.

Geburtstagsgeschenk

Danach wurde der Kreativpark, ein Langzeitplan der Stadtentwickler, neben dem „Landschaftspark Rhein“ zu einem Leitprojekt Karlsruhes für das Jubeljahr 2015 zum 300. Stadtgeburtstag. Diese besondere Förderung der Stadtpolitik löste starke Dynamik und Magnetkraft aus.

Organisches Wachstum

„Es muss kein Nachteil sein, dass die Konversion des Alten Schachthofs und damit die Entwicklung des Kreativparks 2015 nicht abgeschlossen werden konnte“, erklärt der Planungsdezernent.  „Das organische Wachstum“ sei für eine nachhaltige Wirkung dieser spezifischen Wirtschaftsförderung sogar besser, meint Obert.

 

Idylle im Kreativpark
DAS IDYLL im Hinterhof der Hackerei ist eine Mischung aus alten Mauern, Kunstfiguren und Blütenträumen. | Foto: jodo

Auch die Selbstorganisation der Kultureinrichtungen, der Künstler, Handwerker und Firmen der Kreativwirtschaft im neuen Schlachthof funktioniere inzwischen wesentlich besser als bei zu großen Entwicklungssprüngen.

 

Fleischerhaken
DER FLEISCHERHAKEN dient dem Kreativpark als Erkennungszeichen. | Foto: jodo

 

Zwei Jahre nach dem 300. Stadtgeburtstag scheint indessen klar, dass in zwei Jahren zumindest die historische Bausubstanz des Alten Schlachthofs komplett saniert und genutzt ist. Nur das Bauen an den freien Rändern zur Durlacher Allee und zum Messplatz sowie auf dem Platz im Viehhofzentrum neben dem Containerdorf der Hoffnungsträger in der Schweinemarkthalle kann sich laut Obert hinausziehen.

Zirkusschule im Kesselhaus

Die letzten drei Sandsteinhäuser des Schlachhofs sind im Umbau: Die historische Fassade der Großmarkthalle neben der Fettschmelze ist freigelegt. Kunsthandwerker ziehen dort ein. Das Pferdeschlachthaus verwandelt sich in ein Bürogebäude. Und die aufwendige Sanierung des großen Kessel- und Maschinenhauses hat begonnen. Von ihr werden die Tanzschule Xtradance, die aus der Nordstadt verdrängt wird, und die Zirkusakademie, eine Kreativgeburt des Alten Schlachthofs, profitieren.