Die blauen Engel: Susanne Daferner (links) und Uschi Groß reichen einem Gast Kaffee und Brezel. Die neue Küche wurde vom Förderverein Bahnhofsmission finanziert. | Foto: jodo

1902 gegründet

Karlsruher Bahnhofsmission hilft seit über 100 Jahren Menschen in Not

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Einen typischen Tag – den gibt es am Gleis 101 nicht. Wenn es an der Tür der Bahnhofsmission klingelt, wissen die Helfer nie, was auf sie zukommt. „Jeder Tag birgt neue Herausforderungen“, versichert Susanne Daferner. Verlässlich ist nur eines: Die Leiterin der Bahnhofsmission und ihr Team aus 35 Ehrenamtlichen haben an 365 Tagen für alle ein offenes Ohr und eine helfende Hand.

Die Bahnhofsmission ist eine Anlaufstelle, bei der man weder einen Termin ausmachen noch eine Nummer ziehen muss. Niemand muss seinen Namen nennen, niemand muss reden, wenn er das nicht möchte. Einfach nur schweigend einen Kaffee trinken und wieder gehen – auch das ist möglich am Gleis 101.

Auch eine Aufgabe: Menschen in den richtigen Zug setzen

Die Wände sind in einem frischen Grün gestrichen. Auf jedem Tisch erfreut ein Blumenstrauß das Auge. In einer Vitrine in der Ecke stapeln sich Bücher und Spiele. Es duftet nach Kaffee. Lars Hägele, der ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Mission absolviert, bringt eine Papiertüte mit Backwaren, alles Spenden der Händler im Hauptbahnhof.

Fast alle Stühle sind belegt an diesem späten Mittwochvormittag. Eine Familie aus der Ukraine sitzt da, und auch eine Gruppe Schwarzafrikaner wartet auf ihren Transfer. Die Männer und Frauen wurden von der Landeserstaufnahmestelle (LEA) zur Bahnhofsmission gebracht. „Unsere Aufgabe ist es, sie auf das Bahngleis zu begleiten und in den richtigen Zug zu setzen, der sie in die Stadt bringt, in die sie zugewiesen wurden“, sagt Daferner.

Digitaler Dolmetscher hilft

Fast 3.000 Asylbewerber saßen im vergangenen Jahr an dieser Stelle, viele von ihnen verängstigt. „Sie wissen nicht, was passiert. Manche denken, dass sie abgewiesen werden, andere verstehen nicht, warum sie nach München sollen, wo doch der Bruder in Hamburg ist“, schildert Daferner. „Wir können an der Zuweisung nichts ändern. Das alles den Menschen zu vermitteln, ist schwer, ohne Sprachkenntnisse.“

Seit dem vergangenen Jahr kann die Bahnhofsmission auf einen digitalen Dolmetscher zurückgreifen, der von der Deutsche Bahn Stiftung finanziert wird. „Es wurde ein Übersetzer-Pool in Wien eingerichtet, der rund 100 Sprachen anbietet. Wir können darauf kostenlos zurückgreifen“, berichtet Daferner. Neben afrikanischen Sprachen ist derzeit besonders häufig Türkisch gefragt. Seit einem halben Jahr kommen verstärkt türkische Flüchtlinge, beobachtet die 62-Jährige.

Landflucht führte zur Gründung der Bahnhofsmissionen

Eine Fluchtbewegung war es auch, die zur Gründung der Bahnhofsmission vor 125 Jahren führte. „Damals war es die Landflucht. Junge Frauen verließen ihre Dörfer und gingen in die Städte, um dort in Fabriken oder als Haushaltshilfe zu arbeiten, weil ihre Familien auf dem Land verhungerten“, schildert Daferner.

In den prosperierenden Großstädten waren die jungen Frauen rasch überfordert. Viele wurden von Schleppern abgefangen und in die Prostitution gebracht, andere als Arbeitskraft ausgebeutet. Daraufhin gründeten wohlhabende Frauen den „Marianischen Mädchenschutzverein“, aus dem die Bahnhofsmission hervorging.

Seit 1902 in Karlsruhe

Die erste Bahnhofsmission wurde 1894 im Berliner Ostbahnhof gegründet, drei Jahre später folgte München. In Karlsruhe nahm die Bahnhofsmission 1902 ihre Arbeit auf, damals noch im alten Bahnhof an der Kriegsstraße. Damit gehörte Karlsruhe zu den ersten Städten, in denen der Hilfsverein die Arbeit aufnahm.

Heute sind es häufig arme Menschen aus Osteuropa, die nach Deutschland kommen, um Arbeit zu finden, und die – ohne Sprachkenntnisse, ohne Ausbildung und ohne Zeugnisse – in der Bahnhofsmission stranden. Das zeigt: „Die Arbeit hat sich in den 125 Jahren nicht wahnsinnig geändert“, resümiert Daferner. „Sie ist nur vielschichtiger geworden.“ Und: War es in der Anfangszeit überwiegend die einheimische Bevölkerung, ist es heute „die ganze Welt, die anklopft“.

Fast 30.000 Menschen suchen Hilfe bei der Bahnhofsmission

Im vergangenen Jahr suchten 29.320 Menschen Hilfe bei der Bahnhofsmission. Es waren Senioren, Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte, die beim Ein- und Aussteigen eine helfende Hand benötigten. Es waren alleinreisende Kinder, die in Obhut genommen wurden, bis sie von ihren Verwandten abgeholt wurden.

Dieses Klientel machte jedoch nur etwa 25 Prozent aus (insgesamt 8.009 Personen). Denn neben der eigentlichen „Hilfe im Reiseverkehr“ ist es vor allem Sozialarbeit, die die „blauen Engel“ leisten. Das Gros der Arbeit wird in der Mission am Gleis 101 selbst geleistet.

Die Räume sind eine Anlaufstelle für all diejenigen, denen das Leben entgleist ist, die am Rande der Gesellschaft stehen, die sich in einer Notsituation befinden, die arm und einsam sind: Wohnsitzlose, Alkoholabhängige, Drogensüchtige, psychisch Kranke, aber auch Menschen, die Hartz IV oder Grundsicherung beziehen.

Kristallisieren sich bei den Besuchern komplexe Problemlagen oder existenzielle Krisen heraus, versuchen die Frauen und Männer mit den blauen Westen, den Kontakt zu anderen Beratungsstellen und Fachdiensten herzustellen.

Viele Stammbesucher bei den „blauen Engeln“

Bis zu 60 Wohnsitzlose klingeln regelmäßig an der Tür, oft morgens und abends. „Wir haben viele Stammbesucher, die uns wie ihr Wohnzimmer sehen, sie treffen sich hier mit anderen und fahren dann gemeinsam zu den Essensstellen“, berichtet Daferner.

Manche kommen, um sich aufzuwärmen, einen Kaffee zu trinken und ein belegtes Brötchen zu essen, andere suchen einfach nur jemanden zum Zuhören. „Für die Menschen am Rand gibt es zu wenig Aufenthaltsräume. Sie können nicht einfach in ein Café gehen.

Und Einrichtungen wie ,Die Tür’, TafF oder das Café Dia haben begrenzte Kapazitäten“, skizziert Daferner, die seit 2011 die Bahnhofsmission leitet. „Eine großes Problem ist, dass kostenlose Duschen und Toiletten in der Stadt fehlen“, kritisiert sie.

Seismograf der Gesellschaft

Die Bahnhofsmission ist ein Seismograf für die gesellschaftlichen Entwicklungen: Einen signifikanten Anstieg verzeichnet die Mission etwa bei psychisch Erkrankten. Ihre Anzahl stieg von 1.859 im Jahr 2017 auf 2.528 im Jahr 2018. Ein anderes Beispiel ist die steigende Altersarmut. Auch hier nickt Daferner und spricht von einem „alarmierenden Anstieg bei Besuchern über 65 Jahre“.

Betreute die Bahnhofsmission im Jahr 2017 3.456 Menschen in dieser Altersgruppe, waren es im vergangenen Jahr bereits 3.932. Da ist zum Beispiel eine 76-jährige Frau, die kaum noch etwas sieht und mit 278 Euro Rente auskommen muss. Sie hat ein marodes Haus – für den Gesetzgeber ist das vermeintliches Vermögen, weshalb sie keine Unterstützung bekommt. „Sie weigert sich aber, die Immobilie zu verkaufen, weil es ihr Elternhaus ist“, erzählt Daferner.

Das sind die Momente, in denen auch die „blauen Engel“ nicht mehr weiter wissen: „Die Menschen, die hier arbeiten, sind von dem Wunsch durchdrungen, helfen zu wollen. Man kommt aber immer wieder auch an Grenzen – und damit muss man dann auch erst mal klarkommen.“

Eine Ehrenamtliche seit fast 30 Jahren im Einsatz

Wer einmal die blaue Weste übergestreift hat, der bleibt häufig. Daferner nennt es den „Bahnhofsvirus“. Das Team sei sehr konstant. „Seit ich hierher kam, sind nur zehn Leute gegangen – aus Altersgründen, oder weil sie sich beruflich verändert haben.“

Eine Ehrenamtliche ist seit fast 30 Jahren dabei. Unterstützt werden die „blauen Engel“ seit 2015 vom Förderverein Bahnhofsmission Karlsruhe. Gegründet hat diesen der frühere evangelische Stadtdekan Otto Vogel. Engagiert sammeln die Mitglieder Spenden. „Der Förderverein ist eine wichtige Stütze“, bekräftigt Daferner.

Mit Hilfe der Spenden wurden zum Beispiel eine neue Küche und ein neuer Fußboden finanziert. Der Förderverein veranstaltet eine Weihnachtsfeier und lud jüngst Stammgäste der Mission zu einem Osteressen ins Café Initial ein. „Für manche Gäste war das der erste Besuch in einem Café seit vielen Jahren“, so Daferner.

Eine Geschichte möchte sie unbedingt noch erzählen: die von dem wohnsitzlosen Mann, der selbst kaum mehr hat als die Sachen am Leib. „Aber er bringt uns immer wieder Blumen. Er stiehlt sie nicht, was viele vielleicht vermuten würden, er kauft sie im Blumenladen.“ Und wenn er dann vor ihnen steht, mit einem breiten Lächeln in seinem zahnlosen Gesicht, dann können auch bei den blauen Engeln die Tränen fließen.