Susanne Erbelding gehörte zum Empfangskomitee des bronzenen „Abendschattens“ aus dem dritten Jahrhundert vor Christus: Sie ist die Kuratorin der Sonderausstellung „Die Etrusker“ im Karlsruher Schloss. | Foto: abw

Badisches Landesmuseum

Im Zeichen des „Abendschattens“: Die Etrusker sind auf der Anreise

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„Die Etrusker“ ziehen ins Karlsruher Schloss ein. Vom 16. Dezember 2017 bis zum 17. Juni 2018 präsentiert das Badische Landesmuseum eine archäologische Sonderausstellung über die  „Weltkultur im antiken Italien“. Dass das geheimnisvolle Volk begnadete Künstler hervorgebracht hat, zeigt der Blick auf eine Statuette, die in dieser Woche aus der Toskana angeliefert wurde: Ombra della sera, der „Abendschatten“.

Der „Abendschatten“ ist 57 Zentimeter lang: Die Statuette Ombra della sera kam aus dem Museo Etrusco Guarnacci in Volterra nach Karlsruhe | Foto: abw

Ein modernes Kunstwerk?

Ausgemergelte Figuren aus Bronze waren ein Markenzeichen von Alberto Giacometti (1901–1966). Und der hyperschlanke Jüngling, der gerade eine Vitrine im Karlsruher Schloss bezogen hat, scheint direkt aus der Werkstatt des bedeutenden Künstlers entsprungen. Doch „Ombra della sera“ ist keineswegs ein Kunstwerk aus dem 20. Jahrhundert. Der modern anmutende Nackte hat bereits rund 2.300 Jahren auf dem Buckel. Wobei von einem „Buckel“ bei der eleganten, gestreckten Gestalt eigentlich keine Rede sein kann. Sie erinnert an einen menschlichen Schatten, der abends, kurz ehe die Sonne untergeht, lang und immer länger wird. Daher rührt auch der Name der Statuette, erläutert Susanne Erbelding vom Badischen Landesmuseum: Ombra della sera, der Abendschatten.

Die Statuette Ombra della sera aus Volterra

Aus dem Herzen der Toskana ist der Abendschatten in dieser Woche ins Badische gereist. Ombra della sera, das Wahrzeichen der italienischen Stadt Volterra, wird bei der großen archäologischen Sonderausstellung gezeigt, die ab 16. Dezember im Badischen Landesmuseum zu sehen ist: „Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien“.

„Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien“

Die Schau stellt eine Zivilisation vor, die vom neunten bis zum ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung das Land – vor allem die heutige Toskana – prägte. Ihren Wohlstand verdankte die frühe italienische Hochkultur fruchtbaren Böden, einem reichen Vorkommen an Metallerzen sowie „internationalen“ Handelsbeziehungen.

Weihegabe von besonderem Wert

Die Statuette Ombra della sera wurde im 18. Jahrhundert  in einem Grab in Volterra entdeckt. Sie gilt als bedeutendes Beispiel der etruskischen Bronzekunst. Wegen der Größe von 57 Zentimetern und der Qualität der Arbeit vermuten Archäologen, dass es sich bei dem Abendschatten um eine Weihegabe von besonderem Wert gehandelt habe.

Trubel im Karlsruher Schloss

Der schlanke Nackte lässt sich normalerweise von Touristen und Einheimischen im Museo Etrusco in Volterra bestaunen. Im Karlsruher Schloss ist er derzeit von Trubel ganz anderer Art umgeben. Überall wird gehämmert und geklopft. Kisten werden transportiert und ausgeräumt. Männer heben schwere Urnen aufs Podest. Frauen wickeln behutsam filigrane Schmuckstücke aus und platzieren sie in Vitrinen. Irgendwo steht immer einer im Weg. Trotzdem hat man den Eindruck, dass jeder genau weiß, was zu tun ist.

Rund 400 Objekte

„Wir zeigen rund 400 Objekte“, erklärt Museumschef Eckart Köhne die Geschäftigkeit: Die meisten Leihgaben, ganz überwiegend aus italienischen Museen, würden erst in den zwei Wochen vor der Eröffnung angeliefert. Sie müssen dann im Beisein der Kuriere fein säuberlich begutachtet, registriert und fotografiert werden. An den Vitrinen kleben Zettel. Auf ihnen ist verzeichnet, unter welchen Bedingungen die Objekte gezeigt werden dürfen.

Strenge Auflagen für die Leihgaben

Eine Vitrine ist noch leer. In den nächsten Tagen soll ein Wagen aus einem Grab hier seinen Platz finden. Für das Exponat sind Temperaturen von 19 bis 24 Grad Celsius und 45 bis 55 Prozent relative Luftfeuchtigkeit gefordert. Zudem eine Beleuchtungsstärke von 50 bis 150 Lux. Auf einem weiteren Zettel heißt es: „Ob die Beschriftung an einer anderen Stelle stehen muss, wird nach Einbringen der Exponate entschieden.“

Hindernislauf zum Abendschatten

Wenn Susanne Erbelding, die Kuratorin, durch die entstehende Ausstellung läuft, soll sie hier eine Frage beantworten, da ein Problem lösen, dort mal eben Aufpasser-Dienste übernehmen – „Ich muss kurz weg, kannst Du einen Moment hierblieben?“ Denn keine geöffnete Vitrine darf auch nur eine Minute unbeaufsichtigt bleiben, der Schutz der wertvollen Exponate hat höchste Priorität.

Trotz vieler Zwischenstopps schafft es die Archäologin schließlich bis zur Statuette Ombra della sera, die ziemlich am Ende der Ausstellung ihren Platz gefunden hat. Susanne Erbelding nimmt es sportlich, dass sie unter einer Stehleiter durchgehen muss, um zum Abendschatten zu gelangen. Es wird schon alles gut gehen. Und alles fertig sein, wenn die Besucher kommen, um die Etrusker und ihre faszinierende Kultur zu erleben.

Inspirierte Ombra della sera den Künstler Giacometti?

Der schlanke Nackte jedenfalls betrachtet das Geschehen um ihn herum mit der ruhigen Abgeklärtheit eines 2.300 Jahre alten Herrn. Und wirkt dabei so zeitlos jugendlich, dass man gut nachvollziehen kann, warum etliche Künstler sich von etruskischen Antiquitäten inspirieren lassen. Ob allerdings der berühmte Giacometti seine ausgemergelten Bronze-Figuren der Statuette Ombra della sera nachempfunden hat, bleibt bei aller Ähnlichkeit der Kunstwerke ungewiss. „Dafür gibt es keine Belege“, sagt Susanne Erbelding.

Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien: Große Sonderausstellung vom 16. Dezember 2017 bis zum 17. Juni 2018, Badisches Landesmuseum im Schloss Karlsruhe.