Baustelle Wildparkstadion: Die Gegentribüne verschwindet dieser Tage. | Foto: GES

Wunden im Wildpark

Die Gegengerade im Wildpark ist Geschichte

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Im Wildpark verschwindet gerade im Zuge des Stadionneubaus die Gegengerade. Der Abriss reißt eine schmerzhafte Lücke –  für die KSC-Fans war sie viel mehr als eine Tribüne. Die Gegengerade war „Kult“ und der „Tempel des Wahnsinns“. 

Ekstase, Wut, Verzweiflung, Jubel, Trauer, Pyro-Rauch, Bier, Schweiß und Tränen – das steckt ja alles drin in dem Schrott-Chaos auf den ramponierten Stufen und in den schon akkurat sortierten Haufen aus Holz, Stahl und Sitzschalen vor dem, was vor kurzem noch die Gegentribüne war. Und jetzt, in den ersten September-Tagen? Nur noch Schutt. „Ich kann da gar nicht hingucken“, sagt Jens „Schoko“ Schukat, während im Hintergrund der Bagger schon unbarmherzig an den Betonstufen knabbert. Glücklicherweise „geht es ja schnell“, ergänzt „Schoko“ vom KSC-Fanclub Bullterrier ’89 mit Wehmut in der Stimme.

Ich kann da gar nicht hingucken

Tatsächlich kann man auf Karlsruhes emotionalster Baustelle den Eindruck gewinnen, dass all die Zeit aufgeholt werden soll, die in den vielen Jahren der Streitereien um eine neue Fußballarena verplempert worden sind. Zumindest liegen die Arbeiten bis jetzt im Zeitplan. Die Haufen vom Wochenanfang sind am Freitag längst weg, der Wall zur Hälfte schon freigelegt.

Es geht voran – für die Fans ist das auch schmerzhaft

Es geht voran – für die Anhänger des Karlsruher SC ist das immer wieder auch mit schmerzhaften Momenten verbunden. „Lange Zeit stand das Hauptding, die Gegengerade, ja noch. Und jetzt – weg. Das kam schon unvorbereitet“, gibt Robin Fischer zu: „Da hat man schon Pipi in den Augen.“ 26 Jahre ist der junge Mann, er stand einst auf einem Styropor-Block im A 4 und ist mit der da schon alten Gegentribüne dann groß geworden. „Die Summe der Emotionen, die ich da gelassen habe, ist enorm: Derbysieg VfB, Abstieg Regensburg …“

Nur noch Schrott: Die Sitzschalen der alten Gegentribüne | Foto: gw

Die Karlsruher Gegentribüne – sie steckt voller Geschichten. Jene, wie im Jahr 2000 beim Abstieg in die damals drittklassige Regionalliga der Verein symbolisch zu Grabe getragen und im Fanblock ein Sarg aufgebahrt wurde. Und natürlich die, wie die Gegentribüne einst von den aktiven Fans „besetzt“ und so zur Heimat einer der ganz wenigen Fanblöcke wurde, die sich nicht in der Kurve befinden. „1990, der L-Block-Sturm während des Spiels gegen den VfL Bochum, als Oliver Kahn für Alexander Famulla eingewechselt wurde – unvergessen“, erinnert Thorsten S. an den für die Fanszene wie auch den späteren Nationaltorwart und baldigen Bayern-Vorstand Kahn so prägenden Tag. Darüber hinaus? Die europäischen Nächte oder aber jene weniger glamourösen Spiele vor zwei-, dreitausend Zuschauern, „man kann das gar nicht alles aufzählen.“

Man kann das gar nicht alles aufzählen

Der Abriss reißt Wunden auf und gibt neue Blicke frei. Hinüber auf den Hardtwald, bald für kurze Zeit auch auf den Adenauerring. „Die Fans zu sehen, die Choreos – als Zuschauer von Gegenüber war das immer wunderschön, ein Erlebnis“, erzählt Axel Goerke, der 25 Jahre lang im A1 stand. Und dort gelitten und gefeiert hat, 2007 zum Beispiel, den Bundesliga-Aufstieg gegen Unterhaching. „Noch nie habe ich so einen brachialen Jubel erlebt“, sagt der 47-Jährige über Edmond Kapllanis entscheidenden Treffer zum 1:0.
Der Wildpark, ein Tollhaus.

Die alte Tribüne als Liebhaberstück

Wie auch beim Aufstiegsspiel gegen Rot-Weiß Essen im Juni 1980. „Da war ich 15. Es war riesig. Damals gab es ja noch keinen geführten Support – aber das ganze Stadion hat gekocht“, erzählt „Schoko“, längst eine Institution in der KSC-Fanszene wie es die Gegentribüne eine in der Stadienlandschaft war.
Lange vor ihrem Aus war die Gegengerade zum Liebhaberstück geworden. Für die KSC-Fans sowieso, aber auch für Fußball-Romantiker aus Nah und Fern.

Die Gegengerade war die Seele

Mit ihrer Mischung aus Steh- und Sitzrängen und ihrer großartigen Empore versprühte die in den 1970er-Jahren entstandene Tribüne in der modernen Arenen-Welt einen besonderen Charme. Die Haupttribüne, die zu einem sehr teuren Politikum und 1993 eröffnet wurde, mag mit ihrer imposanten Dachkonstruktion für manch einen der architektonische Hingucker sein. Ihren Abriss, der für das kommende Jahr geplant ist, dürften die meisten KSC-Fans dennoch mit Gleichgültigkeit hinnehmen.

Es geht voran: Die Gegentribüne – nackt ohne Dach, längst arbeiten die Bagger schon am Abriss der Betonstufen. | Foto: GES

Die Seele war die Gegengerade, hier schlug das Herz, hier roch der Fußball noch nach Fußball. Eben „keine seelenlose Betonfestung“, wie Ultra-Vorsänger Daniel Schneider festhielt, als im November 2018 der Abschied vom alten Stadion gefeiert werden durfte und nach schier endlosen Debatten voller Irrungen und Wirrungen tatsächlich die Bagger kamen.

Bald geht es an den Wall

Die Gegengerade stand dann noch bis in diesen Sommer hinein, verlassen zwar, aber sie war noch da. Nachdem im August die Asbest-Platten vom Dach entfernt worden waren, ging es zackig. Keine drei Tage dauerte es vergangene Woche und die Dachkonstruktion, Sitzränge sowie Wellenbrecher waren von den Baggern weggebissen worden. Bald geht es an den Wall, der abgetragen, nach Kriegsschutt durchsucht und schließlich näher am Spielfeld gleich wieder neu modelliert wird.

Irgendwann musste mal was Neues kommen

Nicht nur Steffen Rudolf schaut dem Fortgang mit „gemischten Gefühlen“ zu. „Definitiv mit einem weinenden Auge, wenn man daran denkt, was man hier erlebt hat. Das kann man ja nicht einfach wegschmeißen“, sagt der 37-Jährige, der seit 1989 seinen Platz auf der Gegengerade hatte. Andererseits: „Irgendwann musste mal was Neues kommen“.

Das neue Stadion als einzige Chance für die Zukunft

Ein neues Stadion, das wissen alle, „ist die einzige Chance für die Zukunft“, wie Volker Körenzig festhält. Auch der Fanprojekt-Leiter hatte eine enge Bindung zu der Tribüne. Als Jugendspieler des KSC stand er bei den einst üblichen Vorspielen erst auf dem Platz, dann auf der Geraden. Die war zuletzt ein altersschwaches Relikt aus einer vergangenen Fußball-Zeit. Die Infrastruktur drumrum: marode. „Die sanitären Anlagen…“, setzt Körenzig an, „Schoko“ lacht auf. „Welche sanitären Anlagen?“

Ewige Diskussionen bis die Bagger rollten

Jahrelang war um den Neubau des Wildparkstadions gerungen worden, kam es zu größeren und kleineren Zerwürfnissen zwischen dem Verein und der Stadt Karlsruhe, die ja erst einmal die große Zeche zahlen muss. „Seitdem ich denken kann, wurde darüber diskutiert, sagt der 26-jährige Robin Fischer. Erst unter dem neuen Oberbürgermeister Frank Mentrup nahm das so lange anvisierte Projekt letztlich doch konkrete Formen an.

Stimmungszentrum und Seele des alten Wildparkstadions: die Gegentribüne. | Foto: GES

Für die KSC-Fans mischt sich seit Baubeginn der Schmerz über den Verlust ihrer alten Heimat mit der Freude auf die Zukunft, die lauter werden dürfte in dem engen wie kompakten neuen Wildpark. „Das merkt man schon jetzt“, sagt Rudolf mit Blick auf die Nordtribüne, dem provisorischen Stimmungszentrum der Baustelle Wildpark. 34 140 Zuschauer soll die neue Arena nach aktuellem Planungsstand fassen, darunter sind 12 244 Stehplätze geplant. Die Heimfans finden sich hinter dem Tor im Süden wieder.

„Kult“, „Heimat“, „Wohnzimmer“ und „Tempel des Wahnsinns“

Und die Gegentribüne? Wird dann wohl eine sein, wie so viele in der modernisierten Stadienlandschaft. „Ich werde auf jeden Fall wieder einen Platz dort nehmen“, hat sich „Schoko“ schon festgelegt. Für Robin ist klar: Sein Platz wird hinter dem Tor sein. Und auf jeden Fall werden bei allem Neuen einige Rituale die alten sein. „Wir treffen uns seit Jahren an der Tankstelle an der Willy-Brandt-Allee, laufen von dort zum Stadion“, erzählt Goerke: „Das bleibt. Gott sei dank.“
Die alte Gegengerade, sie wird dann vielleicht noch besungen werden. Doch die Erinnerung an sie wird verblassen, Stück für Stück. So wie sie gerade verschwindet und mit ihr ein schönes Stück Karlsruher Sportgeschichte. In Containern wird abtransportiert, was für die Fans das war: „Kult“, „Wohnzimmer“, „Heimat“– oder auch: „Der Tempel des Wahnsinns“.