Einst verrucht, jetzt ein Ort für kulinarisch Interessierte: Im Hirschhof kann besonders beim alljährlichen Hirschhoffest geschlemmt werden.
Einst verrucht, jetzt ein Ort für kulinarisch Interessierte: Im Hirschhof kann besonders beim alljährlichen Hirschhoffest geschlemmt werden. | Foto: Jörg Donecker

Neue Serie: Straßengeschichten

Die Hirschstraße: Zwischen Feiermeile und Familienviertel

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Der Weg ist das Ziel – genauer gesagt: die Straße. Wer lebt dort, was können die Menschen dort besuchen, erledigen und erleben? Wer gab der Straße ihren Namen, und wie alt ist dieses Stück Stadt eigentlich? Kurzum: Was macht diesen Streifen Karlsruhe lebenswert? In der neuen Serie „Straßengeschichten“ tauchen BNN-Redakteure ein in diese Lebensadern der Fächerstadt.

Das erste Haus in der Hirschstraße trägt die Nummer zwei. Und vier, streng genommen. Außerdem besitzt es auch einen Eingang in der Stephanienstraße. Ein modern anmutendes Bürogebäude mit großen Glasfenstern in bester Innenstadtlage. Darin arbeiten Rechtsanwälte, Marketing- und Immobilienexperten. Die Nummer eins liegt einige Meter versetzt auf der gegenüberliegenden Seite an der Kreuzung zur Akademiestraße: Ein Wohnhaus, wohl in den Nachkriegsjahrzehnten erbaut. Aufs Klingeln antwortet nur einer, der hat keine Zeit.

Nur ein paar Schritte weiter öffnet sich einer von Karlsruhes bekanntesten Hinterhöfen, eigentlich eine Erschließungsgasse zwischen Hirsch- und Douglasstraße: der Hirschhof. Noch in den 90er Jahren berüchtigt als städtischer Drogen-Brennpunkt: In einem BNN-Artikel aus dem Jahr 1990 ist die Rede von Einbrüchen, Lärmbelästigung und Drogenhandel, etwa im Lokal „Omnibus“.

Berühmt-berüchtigter Hirschhof

Heute ist der Hirschhof eher berühmt für gehobenere Gastronomie – und für das Hirschhoffest, zu dem das sogenannte Hirschhof Backyard Collaborative im Sommer zu Cocktails, Essen und Musik unter bunten Lampions einlädt. Neu im gastronomischen Mix ist „Gina’s Pizzabar“, die im Februar eröffnet hat.

"Es hat sich vieles zum Guten verändert", sagt Uli Daub über den Hirschhof. Seit mehr als 30 Jahren betreibt er dort seinen T-Shirt-Laden.
„Es hat sich vieles zum Guten verändert“, sagt Uli Daub über den Hirschhof. Seit mehr als 30 Jahren betreibt er dort seinen T-Shirt-Laden. | Foto: Peter Sandbiller

„Es hat sich hier vieles zum Positiven verändert“, findet Uli Daub. Seit mehr als 30 Jahren ist er mit seinem Laden „The Shirt“ im Hirschhof. „Eigentlich wollte ich das hier ja nur kurz machen“, meint der 59-Jährige nachdenklich. Er habe Volkswirtschaft studiert, dann aber etwas Praktisches machen wollen. Daub bedruckt T-Shirts für Junggesellenabschiede, Fußballmannschaften, Securityfirmen oder Gastronomiebetriebe.

Früher war die Ecke hier verrucht

„Ich experimentiere auch mit Spanplatten“, sagt er und zeigt auf die bunten Motive am Verkaufstresen. Er wolle das Künstlerische mehr ausbauen, auch in Kooperation mit der Galerie Krieglstein in der benachbarten Douglasstraße. „Früher war die Ecke hier eher verrucht“, erzählt er, „man hat immer die Besoffenen gehört, aber naja, wir waren ja alle mal jung.“

„Können Sie mich zum Tchibo schieben?“ fragt von der Straße her ein Mann im Rollstuhl. Klar, der ist ja gerade um die Ecke, in der Postgalerie am Europaplatz. An der Kreuzung zur Kaiserstraße kommen alle wichtigen Verkehrsmittel der Stadt zusammen: Die Straßen- und Stadtbahnlinien durchschneiden die Hirschstraße, Autos zwängen sich langsam durch das Gewusel von Fußgängern und Radfahrern. Danach beginnt Karlsruhes wohl bekannteste Feiermeile. Was heute Qubes Club und Monk Bar heißt, trug vor rund zehn Jahren noch die Namen Spa und Radio Oriente.

Einst Bavaria, heute Brasil

Das Haus mit der Nummer 20 könnte wohl viele Anekdoten erzählen. Diese Adresse hatte von 1927 bis 1929 der Verlag der NSDAP-Gauzeitung „Der Führer“. 1947 wurde in der Wirtschaft „Zur Bavaria“, deren Schriftzug noch heute an der Fassade zu lesen ist, die Karlsruher Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins neu gegründet. Heute führt der 25-jährige Ivan Martinovic in dem Eckhaus zur Amalienstraße das bei internationalen Studenten sehr bekannte Brasil und die angegliederte Nachtbar – am 1. März hat er beides übernommen.

Der Schriftzug des Gasthauses "Zur Bavaria" ist bis heute an der Fassade des Hauses Nr. 20 zu lesen.
Der Schriftzug des Gasthauses „Zur Bavaria“ ist bis heute an der Fassade des Hauses Nr. 20 zu lesen. | Foto: Jörg Donecker

„Wir wollen der Ecke hier neues Leben einhauchen, deshalb haben wir jetzt jeden Tag geöffnet“, erklärt er. Freitags Karaoke, samstags zum Beispiel Balkan-Beat-Partys oder Auftritte des Karlsruher Rappers Haze – „der lockt 700 Leute hierher“, sagt Martinovic. Auch Kinderdisco und andere „verrückte Aktionen“ seien denkbar, ergänzt der aus Kroatien stammende Vater des Betreibers, der sich außerdem als Künstler vorstellt: „Ich habe ein Buch und ein Theaterstück geschrieben.“ Im Brasil will er unter anderem Veranstaltungen für die Karlsruher Künstlerszene organisieren.

Nach dem Haze-Konzert auf einen Döner

Wo die Amalienstraße kreuzt, mischen sich Nachtleben und kulinarische Angebote: Wem nach einem Cocktail im „Kofferraum“ der Sinn nach etwas Deftigem steht oder wer zu später Stunde hungrig das legendäre Topsy Turvy verlässt, der findet ein paar Schritte weiter Döner und Pizza satt. Tagsüber lädt seit knapp einem Jahr das Café Lottis Traum zu Kuchen auf Retrosofas ein.

Richtung Süden begrünt ist die Hirschstraße kurz nach der Hirschbrücke. Jenseits der Kriegsstraße machen die Bars und Kneipen den Wohnhäusern Platz.
Richtung Süden begrünt ist die Hirschstraße kurz nach der Hirschbrücke. Jenseits der Kriegsstraße machen die Bars und Kneipen den Wohnhäusern Platz. | Foto: Jörg Donecker

Beim Weiterschlendern kann man auch kleine Betriebe entdecken, etwa eine Schneiderei, einen Gastronomieservice und eine Werkstatt für Holzinstrumentenbau. Auch die Hagia-Sophia-Moschee der Islamischen Union, die Katholische Fachschule für Sozialpädagogik Agneshaus und der Verein Zen Dojo Karlsruhe befinden sich hier.

Noch etwas ruhiger ist die Kreuzung zur Sophienstraße: weniger Autos, mehr Radfahrer – sie nehmen hier gerne die West-Ost-Route über die Waldstraße in die Innenstadt. Die Hirschstraße Nummer 35 beherbergt einen kleinen Tempel Karlsruher Kneipenkultur: die Heilige Sophie. Sie öffnet um 17.30 Uhr, jetzt ist aber genau 13.05 Uhr. Beim Friseurladen nebenan hängt ein Zettel in der Tür: „Bin in der Pause. Um 13 Uhr geht es weiter.“ Badische Zeitrechnung.

Hirschstraße als „Rennstrecke“ mit Pariser Flair

Mehr Dienstleistungen der kreativen Sorte reihen sich hinter den Fassaden: Thomas Schehr bietet seit 2013 Tätowierungen als Körperkunst an. In einem Schaufenster der Nummer 54 sitzt, freundlich lächelnd, ein gut angezogener Mann am Laptop: Matthias Huismans ist Architekt. „Das hier ist wohl die Straße mit den meisten Architekturbüros in Karlsruhe“, meint er. Wie er arbeiten viele in Schaufenstern ehemaliger Verkaufsräume. „Das hier war mal ein Schuhgeschäft“, erzählt er.

Vorbei an verschiedenfarbig gestrichenen Wohnhäusern geht es nun auf die größte Hirschstraßenkreuzung zu. Hat man sich erst durch Baustellenabsperrungen und die mit Graffiti geschmückte Fußgänger-Unterführung unter der Kriegsstraße hindurchgeschafft, kommt man bei Hausnummer 47 beziehungsweise 66 wieder ans Tageslicht.

Hier steigt die Straße nach Süden an, denn der „Hirschbuckel“ naht. Wo heute ein Longboarder in lässigen Kurven abwärts skatet, gab es in den 80er Jahren noch heftige Debatten darüber, wie sicher die Hirschstraße durch das Parken entlang der Fahrbahn oder geänderte Vorfahrtsregeln („Rennstrecke“) sei.

 

 

Die Jugendstilfassaden werden mit aufsteigender Straße prächtiger, manche sind mit Klinkern oder dem Gruß „Salve“ geschmückt, gusseiserne Balkone und an Regenwasserrohre gekettete Fahrräder bilden die metallene Ergänzung zum Stein. „Ruhig ist es hier nicht wirklich, aber grün“, sagt eine Mutter, die mit ihrem 14-jährigen Sohn gerade in einen Hauseingang tritt. „Es erinnert ein bisschen an Paris, dieses Flair“, sagt sie. Seit elf Jahren wohne sie hier, nur ein paar Häuser entfernt von der Hirschbrücke mit ihrem schmiedeeisernen Geländern.

Rund um die Hirschbrücke hat wohl jeder Karlsruher eine Erinnerung oder eine Geschichte zu erzählen.
Rund um die Hirschbrücke hat wohl jeder Karlsruher eine Erinnerung oder eine Geschichte zu erzählen. | Foto: Peter Sandbiller

Unter der Brücke fahren die Straßenbahnlinien 2 und 5. Tagsüber vom Blattgrün der umgebenden Bäume verziert, kann sie mit ihren von Graffiti übermalten Treppenabgängen nachts auch ein düsterer Ort sein. Ein beliebtes Fotomotiv und eine reizvolle Kulisse für Detektivgeschichten, etwa für Szenen im „Tatort“ oder dem Filmboard-Projekt „Die kuriosen Fälle des Dr. Kaminski“.

In der Silvesternacht versammeln sich auf der Brücke gerne junge Menschen aus der ganzen Stadt, um mit Sekt, Krachern und Raketen das neue Jahr zu begrüßen. Auch im Sommer wird rundherum gefeiert: Der Bürgerverein Südweststadt organisiert regelmäßig unter den Bögen das Hirschbrückenfest.

Das ZKM ist nicht weit

Weiter geht es, über die Klauprecht-straße hinweg, die den Weg Richtung ZKM weist. Die Häuser werden größer, die Klingelschilder weniger. Dort, wo man die Häuser schon eher Stadtvilla nennen möchte, sieht man Schilder von Rechtsanwaltskanzleien, Architekturbüros oder Arztpraxen. An der Ecke Südendstraße steht ein für viele Karlsruher lebenswichtiger Gebäudekomplex: die St. Vincentius-Kliniken.

Danach reihen sich weiter die Wohnhäuser, gesäumt von frühlingsfrisch ergrünten Stadtbäumen. Alt- und neuere Bauten, zum südlichen Ende hin wieder mit mehr Wohnungen pro Hausnummer. Die letzte Hirschstraßenadresse ist die Nummer 174, ebenfalls ein Wohnhaus. An einer Seite prangt das farbenfrohe Bild eines Tukans: Hier hat sich der Karlsruher Streetartist WUAM in einer Auftragsarbeit verewigt.

Mit den St.-Vincentius-Kliniken flankiert ein wichtiges Karlsruher Krankenhaus die Hirschstraße.
Mit den St.-Vincentius-Kliniken flankiert ein wichtiges Karlsruher Krankenhaus die Hirschstraße. | Foto: Jörg Donecker

Der Barbarossaplatz bildet den Endpunkt der Hirsch- und der parallelen Gebhardstraße. Die gerade blühenden Kastanien standen dort schon in der Kindheit einer alteingesessenen Karlsruherin. „Früher war der Platz noch von Hecken umgeben“, erinnert sie sich. „Betreten streng verboten! Aber das haben wir natürlich trotzdem gemacht.“ Die Kinder aus der Nachbarschaft trafen sich auch in den Hinterhöfen, sagt sie. „Man kannte jeden.“ Mit Straßenkreide haben junge Karlsruher von heute ein Zahlen-Hüpfspiel auf den Gehweg gemalt.

Jenseits des grünen Platzes öffnet sich die Hirschstraße zur Ebertstraße hin. Mit kreuzenden Straßenbahnen, Radfahrern und viel Autoverkehr wird das Bild wieder ein großstädtisches. Der Albtal- und der Karlsruher Hauptbahnhof sind nur noch ein paar Minuten entfernt: Wo die Straße der Hirsche endet, beginnt die große weite Welt.

 

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