Sie hält die Stellung auch in Krisenzeiten: Doch es ist einsam geworden um die Marktfrau hinter der Kleinen Kirche.
Sie hält die Stellung auch in Krisenzeiten: Doch es ist einsam geworden um die Marktfrau hinter der Kleinen Kirche. | Foto: Artis

Hinter der Kleinen Kirche

Die Karlsruher Marktfrau: Ein Lächeln aus sorgenreicher Zeit

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Wäre sie aus Fleisch und Blut – mit ihren knapp 92 Jahren würde die Marktfrau in diesen Tagen zu den Risikogruppen zählen. Doch die resolute Karlsruherin ist aus Muschelkalk geschaffen. So hat sie zwar etwas Moos angesetzt, aber das Coronavirus kann ihr nichts anhaben. Ein bisschen einsam ist es um „die kleine Frau auf der Straße“ geworden, aber an Krisen ist sie ja gewöhnt.

Hinter der Kleinen Kirche hält die Marktfrau Stellung. Damit angefangen hat sie in einer Zeit der hohen Arbeitslosigkeit, als viele brave Bürger um ihre Existenz bangten. Dass damals trotz der allgegenwärtigen Armut Geld für ein Denkmal ausgegeben wurde – noch dazu, um eine so gewöhnliche Person wie eine Marktfrau auf den Sockel zu stellen – mancher Mitbürger hielt es für einen Skandal.

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Wo einst ein Abort-Häuschen stand

Es ging los, als Friedrich Beichel, damals Chef des Karlsruher Hochbauamtes, 1927 seine Ideen zur Verschönerung des Platzes hinter der Kleinen Kirche präsentierte. Dort befand sich bislang ein heruntergekommenes Abort-Häuschen, in dem vorwiegend Markfrauen ihre weniger auf Gewinn als auf Erleichterung abzielenden Geschäfte erledigten.

Der Lokus hatte ausgedient . Zum einen, weil der Wochenmarkt aufs ehemalige Bahnhofsgelände verlegt worden war – dorthin, wo sich heute das Staatstheater befindet. Und zum anderen, weil Beichel auf dem Marktplatz eine unterirdische Toilettenanlage für die Passanten geschaffen hatte. Dass er die neue Bedürfnisanstalt nur wenige Meter von der Pyramide und damit vom Grab des Stadtgründers entfernt verortet hatte, fanden manche Karlsruher reichlich respektlos – aber so war das halt in den demokratischen Zeiten.

Die Marktfrau entzweit die Karlsruher

Kaum weniger Befremden löste Beichels Plan aus, hinter der Kleinen Kirche eine Wegsäule aufzustellen, die von einer Marktfrau gekrönt werden sollte – zur Erinnerung an alte Zeiten. Denn etliche Vertreter des Karlsruher Stadtrats waren der Meinung, dass Denkmale vor allem dem Gedenken an große Männer und bedeutende Ereignisse dienen sollten.

Angehörige von Herrscherhäusern mochten ja nicht mehr opportun sein. Aber einer ordinären Marktfrau dieselben Ehren zukommen zu lassen wie etwa den gefallenen Helden des Ersten Weltkriegs: Das ging in den Augen der Kritiker gar nicht. Zumal die sehr irdische Bildsäule auch noch in unmittelbarer Nähe eines Gotteshauses errichtet werden sollte.

Weil keine Einigung zu erzielen war, wurde das Thema vertagt. Man bat den Bildhauer Hermann Föry, den der Stadtbaudirektor als ausführenden Künstler vorgeschlagen hatte, Alternativ-Entwürfe auszuarbeiten.

Ein heldenhafter Siegfried als Alternative?

Föry, der den Auftrag dringend brauchen konnte, legte in Rekordzeit weitere Vorschläge vor. Ein heldenhafter Siegfried war darunter und der christliche Nothelfer Christophorus. Ein niedlicher Junge mit einer Gans und ein Wandervogel.

Doch Friedrich Beichel, der gegen heftige Widerstände schon den Indianerbrunnen in der Südstadt realisiert hatte, hielt an der Markfrau fest. Nur sie konnte in seinen Augen auf dem Platz hinter der Kleinen Kirche zum echten „Wahrzeichen“ werden – so, wie es etwa der „Hundlesbrunnen“ für Bretten war (und ist).

Beichel setzte sich auch diesmal durch – am 22. März 1928 stimmte die Mehrheit der Stadträte der Markfrau zu. Hermann Föry ging an die Arbeit. Ein Sonderfond, den die Stadt für notleidende Künstler eingerichtet hatte, machte es möglich.

Zur Erheiterung des Alltags

Trotzdem monierte die Arbeiterzeitung, dass man das Geld besser dem Fürsorgeamt zur Verfügung gestellt hätte, statt es in „Steinklötze“ zu investieren.

Anders sah es das Karlsruher Tagblatt. Nachdem die behäbige Marktfrau hinter der Kleinen Kirche Stellung bezogen hatte, schrieb das Blatt im November 1928: „Das humorige, bildstockmotivische, volksmäßige Kleindenkmal gereicht dem Hochbauamt und seinem Direktor Friedrich Beichel und dem ausführenden Bildhauer Föry zur Ehre und zum Nachruhm aus einer Zeit, die glücklicherweise aus den Sorgen und Nöten unserer Tage künstlerischen Sinn und ein überlegendes Lächeln zur Erheiterung des Alltags gerettet hat.“

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Eine echte Marktfrau tobt

Und was hielten die Karlsruher Marktfrauen selbst von der aus Muschelkalk gehauenen Vertreterin ihres „hochgeachteten Geschlechts“? Überliefert ist, dass zwei Tage, nachdem das Tagblatt Förys humoriges Werk gerühmt hatte, eine leibhaftige Markfrau ins Hochbauamt stürmte.

Die Frau aus Aue war in höchster Rage. Sie forderte eine schriftliche Bestätigung, dass sie nicht das Vorbild für das Kunstwerk hinter der Kleinen Kirche sei. Genau dies nämlich würden ihre Kolleginnen behaupten – und sie damit dem Gespött des ganzen Marktes preisgeben.

Das wahre Modell outet sich

Das wahre Vorbild des sympathischen Kleindenkmals „outete“ sich erst sieben Jahre später. Eine Frau aus dem „Dörfle“, der Karlsruher Altstadt, gab zu Protokoll, dass der Künstler Föry sie angesprochen habe, als sie auf dem Weg zum Friedhof war. Er habe sie gebeten, ihm Modell zu stehen. Und – eine Marktfrau sei sie nie gewesen.

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Dieser Artikel entstand auf der Grundlage der Bücher „Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken in Karlsruhe 1715–1945“ (Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Band 7, 1989) und „Kunst im Stadtraum – Skulpturenführer für Karlsruhe“ von Claudia Pohl (2005). Zudem wurden historischer Zeitungen herangezogen, die die Badische Landesbibliothek in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Karlsruhe digitalisiert hat.