Modelleisenbahner in Not : Die Eisenbahnfreunde in Karlsruhe-Bulach vermissen ihre Fahrtage mit viel Publikumsverkehr.
Modelleisenbahner in Not : Die Eisenbahnfreunde in Karlsruhe-Bulach vermissen ihre Fahrtage mit viel Publikumsverkehr. | Foto: Fabry

Keine finanzielle Hilfen

Hobbyvereine stecken wegen Corona in der Krise

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Modellbau oder Rollenspiel: Solche Hobbyvereine sind für viele Menschen unerlässlich. Corona hat auch sie in eine Krise gestürzt. Ohne Vereinsfeste bleiben die Kassen leer und die meisten kämpfen mit dem Mitgliederschwund.

Es gibt Vereine, die tun Großes. Die bauen Häuser für Menschen, die einen Ort für ein würdiges Sterben brauchen oder betreiben Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche. Hospize oder Waldorfschulen – auch ihnen drückt Corona die Luft ab. Aber weil sie Angestellte haben und ihr Verschwinden für viele Menschen einer mittleren Katastrophe gleich käme, werden sie vom Staat finanziell unterstützt.

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Das Verschwinden der „Dampflokfreunde Karlsruhe e. V.“ dagegen würde vermutlich keine große Lücke ins Gefüge der Zivilgesellschaft reißen. Die 62 Vereinsmitglieder, die im südlichen Stadtteil Bulach ihr Gelände haben, betreuen keine Kinder aus bildungsfernen Schichten und sie kochen keine Mittagessen für Obdachlose. „Fehlen würden wir aber trotzdem“, sagt der Vereinsvorsitzende Hans-Dieter Patszak.

Die Fahrtage des Vereins sind eine Attraktion für Familien

Tatsächlich sind die monatlichen Fahrtage der Bulacher Eisenbahner ein beliebtes Ausflugsziel für Familien mit kleinen Kindern. Die Hauptattraktion sind die bunten Mini-Loks, die die Kinder auf kleinen Waggons über die liebevoll gepflegte Gartenanlage ziehen. Vom Bahnhof geht es über zwei Brückchen, vorbei an einem Teich mit Fontäne und Fröschen zum Zwergendorf und durch einen kleinen Tunnel wieder zurück.

Eine Fahrt besteht aus zwei Runden, sie dauert fünf Minuten und die Zehnerkarte kostet zwölf Euro. Bis sie abgefahren ist, dauert es gut eine Stunde, hinterher gibt’s Pommes mit Limo für die Kleinen und Kaffee und selbst gebackenen Kuchen für die Großen.

Besucher finanzieren die Fixkosten

An sonnigen Fahrtagen ist das Gelände gerammelt voll. Bis zu 400 Kinder mit Eltern oder Großeltern freuen sich über die Bähnle und die Verpflegung – das Ganze vor der Haustüre und zu einem Preis, der nur den Bruchteil eines Tages im Freizeitpark kostet.

„Wir wollen kein kleiner Europa-Park sein“, sagt Patszak. Die Preise sind moderat, aber die Vereinskasse klingelt an solchen Tagen trotzdem und sie helfen, die Fixkosten zu bezahlen. Für Strom, Abwasser, die Pflege der Gleise und der Loks.

Kein Geld für Hobbyvereine

Hobbyvereine wie die Bulacher Dampflokfreunde gibt es quer durch die Republik zuhauf. Sie dienen keiner übergeordneten Sache, sie müssen keine Angestellten bezahlen und auch keine Schulgebäude in Schuss halten. Von den 50 Millionen Euro Soforthilfe, die das Land Baden-Württemberg für den „Strukturschutz der Vereine“ zur Verfügung stellt, sehen sie in der Regel keinen müden Cent.

Sie sind „nur“ Hobbyvereine. Ihre Mitglieder verkleiden sich am Wochenende als Soldaten der Südstaatenarmee, die gegen Yankees ins Feld ziehen, andere falten Origami-Papier und wieder andere tuckern in alten Autos übers Land.

Wir sind hier eine große Familie.

Hans-Dieter Patszak, Vereinsvorsitzender der Dampflokfreunde

Vielleicht ist es das Wort Hobby, das sich mit Zusätzen wie „systemrelevant“ oder „unerlässlich“ beißt. Es lässt ein wenig vergessen, dass auch die so genannten „Hobbyvereine“ eine Funktion und in vielen Leben einen hohen Stellenwert haben: „Wir sind hier eine große Familie, wir kennen uns, wir helfen uns und feiern zusammen und wenn es einem schlecht geht, fragt man nach und kümmert sich“, sagt Oberlokführer Patszak. Fast jedes Wochenende treffen sich die Dampflokfreunde. Für ihr eigenes kleines System sind sie unerlässlich und relevant.

Die Indianerfreunde verdienen ihr Geld mit Führungen

In Jürgen Blanks System trägt man Federn im Haar und schleicht in Mokassins durchs hohe Gras am Rand des Oberwalds. Der Vorsitzende der „Indianerfreunde Karlsruhe 1952 e. V.“ lebt mit seiner kleinen Vereinsfamilie am Wochenende den Traum vom freien Leben in der weiten Prärie.

Hinter dem Gelände rauscht unerlässlich die A5 vorbei, aber für echte Indianer klingt das wie die wilde Stampede einer Bisonherde. Mit Kindergeburtstagen, Führungen für Schulen und Kindergärten oder auch mit Tagungen gleichgesinnter Vereine verdienen die Indianerfreunde in der Regel genug, um Pacht und Nebenkosten für ihr Gelände zu bezahlen.

Keine Einnahmen in der Corona-Krise

Doch Corona hat den Geldhahn für dieses Jahr zugedreht. „Wir konnten nichts veranstalten und natürlich auch nichts verdienen“, sagt Häuptling Jürgen Blank. Seine Squaw Ute Vetter verkauft bei Vereinsfesten ein warmes Essen und selbst gemachten Kuchen. „Das Geld ist immer ein kleiner Segen für uns“, sagt sie.

Utes Desserts ist es zu verdanken, dass der Western-Bund Deutschland das Vereinsgelände der Karlsruher Indianer zum regelmäßigen Tagungsort auserkoren hat. In diesem Jahr blieb die Zeltwiese leer. Ihre Fixkosten können die Indianer ausschließlich über die sehr moderaten Mitgliedsbeiträge reinholen.

Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergeht.

Ute Vetter von den Indianerfreunden

Doch leider sterben die Indianer aus. Blank fürchtet, dass dieses Corona-Jahr sehr wohl der letzte Nagel am Sarg der Oberwald-Rothäute werden könnte. „Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergeht“, sagt Ute Vetter. „Der Jürgen kämpft und kämpft und trotzdem kommen wir nie richtig weiter.“

Gesellige Wochenenden fehlen

Das Frühjahr 2020 wird auch für die Dampflokfreunde als die bislang traurigste Saison in die Vereinsgeschichte eingehen. Der große Fahrtag am Ostersonntag zur Eröffnung fiel durch Corona ins Wasser. Zwischen den Schienen wuchert das Unkraut und von den Reparaturarbeiten liegen noch Hölzer und andere Baumaterialien herum. Der große Grill steht ungenutzt unter dem Holzgebälk des Bahnhofsdachs. Die geselligen Wochenenden, an denen die Mitglieder an ihren privaten Loks feilen und nebenher noch das Gelände in Schuss bringen, haben dieses Frühjahr sehr gefehlt.

Verein investierte erst 2019 noch ins Schienennetz

Noch mehr haben die Einnahmen gefehlt. Seit Patszak die Führung des Vereins vor einigen Jahren übernahm, hat er das Geld zusammengehalten. 2019 konnte dann endlich in die langersehnte Komplett-Erneuerung des 1,5 Kilometer langen Schienennetzes investiert werden. Fast jedes Wochenende haben die Vereinsmitglieder geschuftet, um neue Randsteine zu verlegen, Kies und Schotter zu verteilen und die Gleise zu verlegen.

„Wenn wir das mit Corona geahnt hätten, hätten wir vielleicht noch ein Jahr abgewartet“, sagt Patszak. 2.500 Euro haben die letzten Tonnen Anthrazitkohle aus dem Bergwerk Ibbenbühren gekostet. Danach war die Vereinskasse blank. Die Säcke liegen ungeöffnet im Schuppen. Es wird mindestes zwei gute Fahrtage brauchen, um die Kohle dafür wieder einzufahren.

Licht am Ende des Tunnels

Aber für die Vereine zeigt sich Licht am Ende des Tunnels. Ab 1. Juli sind größere Zusammenkünfte wieder erlaubt und spätestens im August wollen die Hobby-Eisenbahner wieder richtig einheizen und Fahrt aufnehmen.

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Jammern liegt Patszak und seinen Männern sowieso fern. Zumal er eigentlich im Rettungswesen tätig ist und weiß, was echtes Leid ist. Aber deshalb fehlt ihm das Vereinsleben auch. Weil es der eine Ort ist, an dem der Alltagsstress keinen Zutritt hat. Nur Corona hat es irgendwie doch auf seine kleine Insel geschafft.