Die Krähe überblickt den Schlossplatz
NICHTS ENTGEHT der Krähe. Auf dem Geländer der Tiefgaragentreppe überwacht sie die Szene vor dem Schloss. Der intelligente Vogel behält nicht nur jeden Abfallbehälter im Auge. Er beobachtet auch genau, wer gleich mit dem Pausensnack auf der Bank fertig ist. | Foto: jodo

Vögel stören viele Bürger

Die Krähen zieht es in die Stadt

Schlauer Abfallverwerter oder blöder Autoblechbekoter? Ekliger Aaspicker oder intelligenter Stadtvogel? Die Krähe ist Stadtgespräch. Für den einen Karlsruher sind die schwarzen Vögel eine Massenplage, für den anderen besonders geschätzte Wintergäste. Grünwinkel ist ausgesprochen stolz auf seine Krähen.

Seit dem 300. Stadtgeburtstag vor zwei Jahren zieren sogar 34 kindergroße, meist bunte Kunstvögel das frühere „Krähwinkel“.  Was im Stadtteil kein Problem scheint, sorgt in der Gesamtstadt für Ärger: Ein gefühlter Zuwachs der Population bei den dunklen Fliegern gefällt vielen Bürgern überhaupt nicht.

Geschrei stört

Mancher Großstadtmensch fühlt sich heute gestört, wenn im Winter große Scharen von Rabenvögeln in den Bäumen oder auf dem Schlossplatz sitzen. Nicht nur das Gekrächze und Geschrei der gefiederten Masse fällt ihm negativ auf. Besonders das Stöbern in den Abfallkörben, das Landen an Spielplätzen und ihr Kot auf der Autohaube regen sie mächtig auf.

Angepasstes Bindeglied

Zudem attestieren die Krähenkritiker den für ihre Intelligenz gerühmten Rabenvögeln – nur die cleversten Papageien können da mithalten – auch noch den fiesen Tier-Charakter eines Eichhörnchen- und Kaninchenmörders. Viele Vogelfreunde halten dagegen: Zwar mag ein Rabe nicht so weise sein, wie ihm in des Menschen fabelhafter Märchenwelt angedichtet. Aber die klugen Krähen seien doch ein angepasstes Bindeglied im Fressen und Gefressenwerden der Natur. Zurecht stehen sie demnach unter Naturschutz, weshalb eben auch kein Mensch einer Krähe ein Auge aushacken darf.

Die Krähen versammeln sich auf dem Schlossplatz
AUCH GEMEINSCHAFTLICH verbringen Krähen, die sich zum Schlafen und zum Fliegen in großen Scharen zusammenfinden, gerne den Tag, etwa auf dem Schlossplatz. | Foto: jodo

Überhaupt sei der Wohlstandsbürger selber daran schuld, wenn sich tatsächlich mehr Krähen als früher in der Großstadt breitmachen: Ziehen doch diese Rabenvögel als Kulturfolger des Menschen in der Stadt mit Parks zu. Wie bei den Menschen gibt es demnach bei den Krähen eine Landflucht in die Stadt, weil dort die Versorgungslage und die Lebensbedingungen auch wegen des „Ausräumens der Feldflur auf dem Land“ insgesamt besser sind. Erst seit 20 Jahren spielt der Mensch mit Fastfood-Resten in den Papierkörben in Parks, auf Plätzen und an Straßen für die Vögel täglich Tischlein-Deck-Dich. Bei den Krähen hat sich das bis Sibirien rumgekrächzt. Eine große Rolle spielen dabei Fastfood-Reste in den Abfalleimern.

Streit ums Füttern der Vögel
ÄRGER in Mühlburg: Dort füttert jemand die Krähen, die dadurch zu Störenfrieden auf dem Spielplatz werden. | Foto: jodo

Stadtökologe Volker Hahn warnt vor Vereinfachung. Auch beim Auftreten und Verhalten der Vögel wirkten viele Komponenten zusammen, betont der stellvertretende Chef des Umweltamts. In der Grundsatzfrage kommt er indes zu einem klaren Schluss: Entgegen des subjektiven Eindrucks der Krähengegner gebe es keinen Beleg für einen außergewöhnlichen Massenzuflug im Winter oder eine außerordentliche Vermehrungsrate im Sommer, beruhigt er krähen-kritische Karlsruher. Eigentlich meint der Experte, dass sich bei diesem Vogelzug in den vergangenen 150 Jahren wenig geändert hat. Mit einer Ausnahme: „Die ortstreue Saatkrähe war vor 50 Jahren durch Lebensraumveränderung und Abschuss im Oberrheintal fast ausgerottet, inzwischen ist sie zurückgekehrt.“

Schon immer Zugvögel

Dazu kommen: Die aus Polen, Russland und Skandinavien im Winterhalbjahr in großen Scharen in der Fächerstadt einfliegenden Saatkrähen zeigten – von saisonalen Schwankungen wie extrem kalten Wintern abgesehen – nur ihr natürliches Zugvogelverhalten. „Das ist nichts Besonderes und wird so seit dem 19. Jahrhundert beobachtet“, berichtet er. Hahn schätzt, dass sich deshalb auch in diesem Winter einige Tausend Krähen in Karlsruhe aufhalten.

Nicht füttern

Genaue Daten aber gibt es nicht, „denn die Vögel werden nicht gezählt“. Kaum auffällig sei die ortstreue Rabenkrähe, erklärt Hahn. Diese Krähenart lebt eher als Einzelvogel oder als Paar zur Brutzeit. Dazu kommen noch die in der Stadt weniger vertretenen Rabenvogelarten Dohle, Elster und (Kolk)rabe. Hahn macht klar: „Sie stehen unter Artenschutz, man darf keine Krähen schießen oder ihre Brutstätten zerstören.“ Auf keinen Fall solle man diese Vögel aber füttern. Krähen finden sich allein zurecht. Werden sie aber wie bei einem Spielplatz in Mühlburg mit Körnern angelockt, dann kommen sie natürlich immer wieder dorthin – und belästigen Kinder und Anwohner.