Dominieren in der Welt: Visa Card und Master Card sind am weitesten verbreitet. Diners Club, der Pionier unter den Kreditkartenanbietern, hat vergleichsweise wenig Plastikgeld ausgegeben. Aktuell wirkt sich die Corona-Krise massiv aus. | Foto: dpa

Diners Club, Visa, Master & Co

Kreditkarte wird 70: die erste galt in nur 27 Restaurants

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Die Anekdote liest sich nett: Der Börsenmakler Franc McNamara diniert im Jahr 1950 in einem edlen New Yorker Steakhouse, hat aber sein Portemonnaie in einem anderen Anzug stecken. Er signiert einen „Schuldschein“ auf einer Pappkarte, will sich diese Blöße aber nie wieder geben. Kurzerhand erfindet er die „Diners Club Card“. Zum Start können 200 Mitglieder damit in 27 Restaurants bargeldlos speisen gehen. Von Plastikgeld redet 1950 noch keiner – die „Diners Club“-Karte ist aus brauner Pappe.

Ob es sich wirklich so zugetragen hat oder McNamaras PR-Agent Matty Simmons eine am Schreibtisch erfundene Geschäftsidee etwas aufpeppte, ist umstritten. Eine Tatsache steht fest: McNamara hat mit der „Diners Club“ vor 70 Jahren die Kreditkarte, wie man sie heute noch definiert, erfunden.

Für viele Deutsche stand die Kreditkarte lange für Protz

Viele Deutsche können sich aber über Jahrzehnte nicht mit diesem Plastikgeld anfreunden. Für viele steht die Kreditkarte für Protz: Amerikaner öffnen ihre Geldbörse – und eine Plastikkarte nach der anderen flattert, eingepackt in einer Kunststoffhülle, nach unten. Mittlerweile gibt es mit American Express, Visa und Master Card in den angelsächsischen Ländern reichlich Konkurrenz für den Pionier Diners Club.

Für viele Bundesbürger ist auch in den späten 1980ern nur Bares wirklich Wahres. Allenfalls der Euroscheck, kombiniert mit der „Eurocheque“-Karte als Legitimation für die 400 D-Mark Garantiesumme, ist akzeptiert – aber eben nur in europäischen Ländern. Selbst als die „Eurocard“ – sie hat eine Partnerschaft mit Master Card – bekannter wird, müssen viele Banker bei der Beratung passen. Die Kreditkarte wird erst in den 1990er-Jahren auch in Deutschland populär – mit dem Beginn des Fernreisebooms. Wer seinerzeit beispielsweise in den USA oder in der Karibik einen Mietwagen buchen will, braucht eine Kreditkarte als Zeichen für Bonität.

Wie war das mit dem Ritsch-Ratsch-Gerät nochmal gleich?

Von der Karte werden bei einem Einkauf mit einem Ritsch-Ratsch-Gerät Belege hergestellt – das ist etwas, was Globetrotter gerne zu Hause erzählen. Mietwagen-Mitarbeiter rubbeln bei der Fahrzeugübergabe aber auch schon mal die Daten per Kugelschreiber von der Karte aufs Duplikat. Elektronische Terminals, Magnetstreifen, Geheimzahl und NFC-Technologie – letztere zum Bezahlen im Vorbeigehen – kommen erst viel später.

Im Jahr 2020, zu ihrem 70., spielt die Diners Club-Karte kaum noch eine Rolle. Sie gilt als seltenes Statussymbol. Andere Karten sind gefragter, wie das „Handelsblatt“ fürs Jahr 2018 berichtet: Visa mit 1,098 Milliarden Karten, gefolgt von Master Card mit 824 Millionen Karten und American Express mit 114 Millionen. Der Wert der Kreditkartentransaktionen lag per Visa-Karte bei 165,3 Milliarden US-Dollar. Vor Master Card (90,2 Milliarden) hat sich die chinesische Unionpay mit 98,3 Milliarden Dollar in Stellung gebracht. Die Chinesen sind also einmal mehr der Treiber beim Wachstum.

36 Millionen Kreditkarten in Deutschland

Und Deutschland? Dort gibt es rund 36 Millionen Kreditkarten. Zum Vergleich: 2010 waren es noch 25 Millionen. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland laut Statista GmbH mit Master Card, Visa, American Express, Diners & Co. 108 Milliarden Euro umgesetzt. Erneut ein Vergleich: 43,4 Milliarden Euro waren es im Jahr 2010.

Andere Länder, andere Kreditkarten-Typen: In Deutschland sind sogenannte „Charge-Karten“ üblich. Fachleute sprechen auch von unechten Kreditkarten. Der Zahlungsaufschub beträgt maximal 30 Tage – dann sind die gesammelten Kreditkartenumsätze auf einen Schlag zu begleichen. Eine weitere Variante, die aber selten ist, sind „Prepaid“-Karten. Die Kreditkarte wird mit Guthaben aufgeladen. Dann kann damit bezahlt werden.

Kreditkarte ist nicht gleich Kreditkarte

In den USA und in Großbritannien sind klassische „Credit Cards“ üblich. Der dabei getätigte Umsatz ist sofort oder ab der monatlichen Abrechnung zu verzinsen. Der Kreditkarten-Eigentümer kann seine Schuld in Raten abstottern. „Credit Cards“ nehmen in Deutschland leicht zu. Mittlerweile haben sie einen Anteil von knapp 16 Prozent am gesamten Kreditkartenbestand.

Nach Angaben der Deutschen Bundesbank nutzen mittlerweile 59 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Monat eine Kreditkarte. 30 Prozent greifen mindestens einmal pro Woche zu diesem Plastikgeld. Wer es nicht nutzt, sehe unter anderem keinen Bedarf oder habe Sicherheitsbedenken, beruft sich die Bundesbank auf eine von ihr in Auftrag gegebene Umfrage aus dem Jahr 2019.

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39 Prozent der Kreditkartenbesitzer schätzen mittlerweile die Möglichkeit – dank Funktechnologie und passendem Chip in der Karte – an der Kasse im Vorbeigehen zu bezahlen. „Damit ist das kontaktlose Bezahlen im Alltag angekommen“, so Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz im Januar. Das war vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland. Mittlerweile dürfte die Quote auch deshalb höher sein, weil viele Einzelhändler zum hygienischen Bezahlen per Karte appellieren.

In Corona-Zeiten wird häufiger per Karte bezahlt – aber geringere Beträge

Der Bundesverband deutscher Banken als Sprachrohr der privaten Banken kann hierzu keine Angaben machen. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) und die DZ-Bank als Karten-Herausgeberin der Volks- und Raiffeisenbanken sprechen hingegen von gestiegenen Zahlungen per Kreditkarte. Es seien aber eher kleinere Umsätze pro Transaktion, so Friederike Seliger, Pressesprecherin der DZ-Bank.

Unabhängig von diesem Effekt ist Corona ein Rückschlag für die Kreditkarten-Branche. Die Umsätze waren zuletzt im Sinkflug. „Die (Auslands-)Reisen sind fast komplett weggebrochen“, sagt DSGV-Pressesprecher Stefan Marotzke. Seine Kollegin Seliger ergänzt, dass aktuell vermehrt anbezahlte Reisen storniert werden. Neu gebucht werde kaum. All das schlägt ins Kontor. „41 Prozent der Kreditkartenumsätze der genossenschaftlichen Finanzgruppe werden außerhalb von Deutschland generiert“, unterstreicht Seliger die Bedeutung der Auslandsumsätze.

Kreditkarten werden also – in Deutschland – nun häufiger gezückt, aber eher für kleinere Umsätze. Auch ältere Kunden zahlen nach Kenntnis der DZ-Bank verstärkt mit dem Stück Plastik. Ältere Menschen legten tendenziell mehr Wert darauf, die Übersicht über ihre Ausgaben zu behalten, so Seliger. Daher habe man eine Kreditkarte im Angebot, die jeden einzelnen Umsatz kurz nach dem Karteneinsatz dem Girokonto belastet – Kredit hat man bei ihr faktisch keinen.

„Schwarze“ Kreditkarten gibt es nur auf Einladung

Das Werben um neue Kreditkartenkunden geht jedoch weiter. Einige Lizenznehmer von Visa, Master Card & Co bieten daher inkludierte Versicherungsdienstleistungen an. Beim Bezahlen per Karte lassen sich Punkte für Sachprämien oder für eine Beitragsrückvergütung sammeln. Die Volks- und Raiffeisenbanken bieten mehrere Portale mit speziellen Reise- und Entertainmentangeboten an. „Zusatzleistungen bei Kreditkarten sind aus unserer Sicht wichtige Aspekte, zum Beispiel bezüglich des Vorteilsempfindens der Kunden“, sagt Seliger. Anders sieht das Stefan Marotzke. Das Sammeln von Punkten oder Shoppingvorteile hätten eine eher geringe Bedeutung.

Mittlerweile bekommt in Deutschland nahezu jeder mit einer einwandfreien Bonität eine normale Kreditkarte. Teilweise sind sie aber immer noch Statussymbole. „Platin“-Varianten kosten den Eigentümer bis zu 700 Euro pro Jahr – dafür bekommt er Rabatte in Hotels, bei Mietwagen, teils Zugang zu VIP-Lounges an Flughäfen oder in Golfclubs. Doch es geht noch eine Stufe höher: „Schwarze“ Kreditkarten werden nur auf Einladung des Instituts, das die Kreditkarte herausgibt, vergeben. Die sind dann eine Rarität – so wie zu Beginn die Diners-Club-Karte.

Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, sieht die Entwicklung zu Kreditkarten mit klassischer Kreditfunktion („Credit Cards“) skeptisch. Nach seinen Worten schieben einige Händler Verbrauchern mit vermeintlichen Null-Prozent-Finanzierungen „gezielt Kreditkartenverträge unter, weil sie dafür von den Banken Provisionen erhalten“. Eine Aufklärung über die Fallstricke und finanziellen Belastungen derartiger Finanzierungen finde nicht statt, „schließlich geht es darum, den Fernseher oder was auch immer zur verkaufen“. Nauhauser weiter: „Die Banken wissen sehr genau, dass so gewonnene Kunden den Ratenkreditvertrag, den Kreditkartenvertrag und die inkludierten Versicherungsverträge nicht aufmerksam lesen. Wer nicht aufpasst, zahlt schon bald 15 Prozent Zinsen und zusätzlich noch wucherische Gebühren für aufgedrängte Ratenschutzversicherungen.“
Für Menschen mit regelmäßig gutem Einkommen sei die Nutzung einer Kreditkarte eine Möglichkeit, ein paar Euro einzusparen, da zum Teil erst nach mehreren Wochen abgebucht wird, sagt Antje Viedt, Teamleiterin der Sozialberatung für Schuldner beim Caritasverband Karlsruhe. Oft könnten auch nur per Kreditkarte Flugreisen oder Konzertkarten gebucht werden. „Für Menschen mit geringem oder unsicherem Einkommen beziehungsweise in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen entpuppt sich die Kreditkarte aber schnell als Schuldenfalle“, so Viedt.
Weil die Beträge zeitverzögert abgebucht werden, erschwere sie den Überblick über die Haushaltssituation, so dass häufig am Ende des Monats bestehende Verpflichtungen nicht mehr erfüllt werden könnten. Viedt: „Menschen, die sich bereits in einer Schuldensituation befinden und nur über ein geringes eigenes Einkommen verfügen oder auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind, raten wir daher von einer weiteren Nutzung der Kreditkarte ab.“