Die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie trägt dafür Sorge, dass die jungen Patienten zurück in den Schulalltag finden und thematisch nicht den Anschluss verlieren. | Foto: Jodo

„Wir vermitteln Normalität“

Die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule unterrichtet junge Langzeit-Patienten in zwei Kliniken

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Pause in der Marie-Luise-Kaschnitz-Schule: Jugendliche haben sich im Flur aufs Sofa gequetscht oder sitzen am Boden, sie unterhalten sich oder sind sichtlich in sich gekehrt. Ein paar Meter weiter stehen die etwas Jüngeren um einen Tischkicker: Wie der Ball zwischen den Banden springen auch die Kommentare zwischen den Spielern und Zuschauern hin und her.

Noch mehr Bewegung ist am anderen Ende des Ganges: Ein Grundschüler tobt sich auf einem Trampolin aus, zwei andere werfen sich mit sichtlichem Vergnügen gegenseitig mit einem Softball ab. Zwei Mitschüler sind im Klassenzimmer geblieben und haben die Köpfe über ein Brettspiel gebeugt.
Ganz normaler Schulalltag also – der für viele der Schüler lange nicht normal war. Sie sind Patienten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und viele von ihnen haben einen längeren Leidensweg hinter sich. Weil sie beispielsweise depressiv sind, eine Störung haben oder an einer psychotischen Erkrankung leiden. Und deshalb oft nicht in der Lage waren, in ihrer Schule am Unterricht teilzunehmen.

Lernpläne

So individuell die Probleme jedes einzelnen sind, so individuell ist das Unterrichtsprogramm: Nach der Pause finden sich im Klassenzimmer bei Corinna Mutter und Gabriele Möhler vier Jugendliche ein, um höchst unterschiedliche Aufgaben zu erledigen. Die Lehrerinnen springen zwischen quadratischen Funktionen und quadratischen Gleichungen hin und her, geben Tipps zum Lernen englischer Vokabeln, gehen mit einem Schüler seinen individuellen Lernplan durch. Ein sichtlich motivierter Jugendlicher fragt nach einem zusätzlichen Arbeitsblatt, damit sich der Stoff festigt, ein Mädchen widmet sich ausschließlich dem Kolorieren einer Malvorlage. Und hat doch schon einen wichtigen Schritt zurück in die Normalität bewältigt.

Viele kleine Schritte

„Morgens aufzustehen, sich fertig zu machen und pünktlich in der Schule zu sein, haben manche der Jugendlichen lange Zeit nicht geschafft“, gibt Schulleiterin Steffi Tebbert zu bedenken. Den Anschluss nicht verlieren oder eine bald anstehende Prüfung zu bestehen, ist bei anderen die Motivation, sich richtig reinzuknien. Wobei in der Klinikschule aber nur Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch sowie für einzelne Schüler Latein oder Spanisch unterrichtet werden, erklärt Tebbert.

Bis zu 26 Wochenstunden

Unterrichtsbeginn ist um 8.15 Uhr. Bis zu 26 Wochenstunden stehen auf den individuellen Lernplänen, die auch in Absprache mit den Stammschulen der Kinder und Jugendlichen erstellt werden. Die Patienten gehen zur Schule, so bald es ihr Gesundheitszustand zulässt. „Unsere Aufgabe ist es, den Schulalltag wieder herzustellen“, sagt Steffi Tebbert. Was freilich auch ein wichtiger Baustein bei der Genesung der Patienten ist. „Wir vermitteln Normalität und geben damit auch Hoffnung“, sagt sie.

Absprache mit Klinikpersonal

Eng verzahnt ist die Arbeit der Sonderpädagogen mit der der Ärzte und Therapeuten sowie der Pfleger und Erzieher auf der jeweiligen Station, schildert Konrektorin Claudia Bönning. In der wöchentlichen Schulstationsbesprechung geht es dann zum Beispiel darum, wie es um die Konzentrationsfähigkeit oder die Frusttoleranz der Schüler bestellt ist. Auch zeitlich sind Schule, Therapie und Arzttermine verzahnt. Zwar lernen die Schüler in ihren Lerngruppen mit sechs oder sieben Mitgliedern, wegen des therapeutischen oder medizinischen Programms sind aber selten alle gleichzeitig da.

Zwei Standorte

Alle Schularten von der ersten bis zur zwölften Klasse werden bedient, und zwar an zwei Standorten. Die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule unterrichtet auch in der Kinderklinik junge Langzeit-Patienten. „Dort gehen wir zu den Kindern, manches bekommt Unterricht am Krankenbett, schildert Steffi Tebbert. Wobei auch dort die Kooperation mit Ärzten und Pflegepersonal wichtig sei. Schon, um einschätzen zu können, ob ein „Mir geht es ganz schlecht“ medizinische Ursachen hat oder darauf basiert, dass ein Kind keine Lust auf Mathematik hat, erklärt sie schmunzelnd.

Ab auf den Mond

Für die Trampolinspringer und Ballspieler geht es in der anschließenden Schulstunde bei Christine Strehlau und Susanne Siegel ins Weltall – ein Thema, zu dem die fünf Jungs alle etwas beitragen können. Anlässlich der Mondlandung vor 50 Jahren diskutieren sie, wie lange der Flug dauerte, wie es mit der Sauerstoffversorgung und der fehlenden Schwerkraft funktionierte. Während der eine vor Begeisterung schon mal vergisst, sich zu Wort zu melden, müssen die Lehrerinnen beim nächsten gezielt nachfragen. Soziales und inhaltliches Lernen halten sich die Waage. „Beim Sachkundeunterricht sind wir nicht an den Lehrplan gebunden, sondern können das Thema frei wählen“, erklärt Strehlau. Nicht jeder ihrer Schützlinge ist begeistert, als im Anschluss eine Mal- und Ausschneidearbeit ansteht: Kleine Astronauten sollen das schon sehr vielfältig und anregend gestaltete Klassenzimmer demnächst zieren. Hier mitzumachen, ist wieder ein kleiner Schritt.

Kunst bereichert

Die Bilder im Flur der Schule sind in der Kunsthalle entstanden. Mittwochnachmittags gehen die jüngeren und älteren Schüler abwechselnd in die Kunsthalle. Der Lions Club Karlsruhe ermöglicht die Teilnahme an den Projekten mit den Museumspädagogen, die für die Schüler enorm bereichernd seien, berichtet Direktorin Tebbert. Sehr dankbar ist sie auch der Riemschneider-Stiftung, die die Teilnahme am Projekt „Live Music Now“ ermöglicht, das Musiker in Kontakt mit den Schülern bringt. „Wir sind eine sehr kleine Schule mit einem geringen Etat und daher sehr auf Sponsoren angewiesen“, bekennt die Schulleiterin.

Rückkehr oder Neustart

46 Schüler sind es in der Psychiatrischen Klinik, die im Schnitt zwölf Wochen bleiben. Nicht immer führt der Weg dann zurück in die alte Schule und ins alte Umfeld. Weil manche Patienten mit einem Neustart besser zurecht kommen, sei manchmal ein Schulwechsel ratsam. Wenn das häusliche Umfeld der Genesung nicht förderlich ist, könne eine therapeutische Wohngruppe eine Lösung sein. Und freilich gibt es auch Erkrankungen, die eine vollstationäre Unterbringung erforderlich machen. Sind die Perspektiven ausgelotet und die Empfehlungen für den bestmöglichen weiteren Weg gegeben, machen allerdings häufig die Gegebenheiten Probleme, bedauern Tebbert und Bönning: Viele Einrichtungen haben lange Wartezeiten, da es nicht genug Plätze gibt.

Die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum. Es fördert und begleitet Schüler in längerer Krankenhausbehandlung gemäß ihres aktuellen Gesundheitszustandes und ihres individuellen Entwicklungs- und Leistungsstandes. Unterstützung erhalten die Schüler zudem bei erforderlichen Übergängen sowie bei schulischer Wiedereingliederung. Die Pädagogen kooperieren eng mit den Klinikmitarbeitern, die prozessorientierte Diagnostik der Schule ergänzt die Klinische Diagnostik und Therapie. Zuständig ist die Schule für den Stadt- und Landkreis Karlsruhe. Das Einzugsgebiet reicht bis Rastatt, in den Enzkreis und die Pfalz. Die Marie-Luise-Kaschnitz-Schule hat zwei Abteilungen: In der Kinderklinik kümmern sich vier Lehrkräfte um 12 bis 18 Kinder und Jugendliche aus sechs Abteilungen (Onkologie, Innere, Neurologie, Kinderchirurgie, Intensivstation uns Infektstation). In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gibt es sieben Schulgruppen für die 46 Patienten der vier Stationen. Die neun Lehrkräfte werden von vier teilabgeordneten Gymnasiallehrern unterstützt. Bedient werden alle Schularten von Klasse 1 bis 12 mit bis zu 26 Wochenstunden in Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen. Für die Grundschüler gibt es zusätzlich Sachkundeunterricht. Neben dem Unterrichtsauftrag hat die Schule auch einen Beratungsauftrag. Die Lehrkräfte sind Ansprechpartner bei Fragen zur Pädagogik bei Krankheit und beraten Eltern, Lehrer und Betreuer etwa zu Diabetes, Rheuma, MS und Epilepsie sowie bei psychischen Krankheitsbildern wie Depressionen, Essstörungen oder Tourettesyndrom. Zunehmend bietet die Klinikschule Fortbildungen für Lehrkräfte zu diesen Themen – und macht sie damit handlungsfähiger bei dieser Thematik. Weitere Informationen zur Klinikschule gibt es unter www.marie-luise-kaschnitz.schule.de.