Viel Freiheit auf kleinem Raum: Regina Draschl und Reinhard Singer wollen das mit ihrem Entwurf möglich machen. Das „Shelfy“ ist ein Modulbausystem, das vonder Grundform eines Würfels ausgeht.
Viel Freiheit auf kleinem Raum: Regina Draschl und Reinhard Singer wollen das mit ihrem Entwurf möglich machen. Das „Shelfy“ ist ein Modulbausystem, das vonder Grundform eines Würfels ausgeht. | Foto: Jörg Donecker

Günstig wohnen

Die Quadratur des kleinen Hauses

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Ein Würfel mit drei Metern Seitenlänge als Lösung für die Wohnraumknappheit? Der Deutsche Mieterbund fordert die Festschreibung eines Grundrechts auf bezahlbares Wohnen im Grundgesetz – Regina Draschl und Reinhard Singer denken pragmatischer. Die Künstlerin und der Architekt haben sich Gedanken gemacht, wie günstiger Wohnraum aussehen kann, der den Bewohnern dennoch genügend Raum zum Leben lässt.

Der würfelförmige Stahlrahmen ist dabei nur der Ausgangspunkt eines Modulsystems, das in seiner kleinsten Form mit vier aneinander gereihten Elementen ein 27 Quadratmeter kleines Loft bildet. Alle Außenwände sind komplett verglast, wodurch ein sehr transparenter Raum entsteht.

Nur der erste Würfel ist in seiner Einrichtung festgelegt: Er beherbergt ein zuklappbares Küchen- und Badmodul sowie einen eiförmigen Toilettenraum, der die weite, freie Sicht auf die Umgebung so wenig wie möglich stören soll.

Ein einziger, schöner Raum soll zum Leben reichen

Die Idee, ein Projekt rund um naturnahes Wohnen mit viel Licht zu starten, kam Draschl im Zuge der Flüchtlingskrise. „Ich habe mich gefragt, warum man sie nicht anleitet, kleine, aber feine Häuser selbst zu bauen“, sagt sie. Ein erschwingliches Eigenheim schwebte ihr vor – „so schick, dass jeder darin wohnen möchte.“

Die Erfahrung aus zahlreichen Reisen um die ganze Welt habe ihr gezeigt, dass es zum Leben nur einen einzigen Raum brauche, solange dieser lebensnah und schön gestaltet sei. Gemeinsam mit dem Architekten Reinhard Singer entwickelte sie aus dieser Idee das Modulhaus „Shelfy“, das durch so genannte Add-Ons wie Terrasse, Fensterläden (Shutter) und weitere würfelförmige Raumelemente beliebig ergänzt werden kann.

Etwa, wenn man nicht ganz so minimalistisch wohnen kann oder will, dass im freien, verglasten Raum keinerlei Stauraum benötigt wird. Um einen Raum zu schaffen, der trotz der menschlichen Habseligkeiten „genießbar“ bleibt, kann ein so genanntes Storage-Modul angebaut werden.

Unterschiede zur Tiny-House-Bewegung

Anders als bei der Tiny-House-Bewegung, die möglichst jeden kleinen Winkel als Stauraum zu nutzen versucht, was den verbleibenden Raum zum Leben einschränkt, geht „Shelfy“ in die entgegengesetzte Richtung. „Eine Küche muss da sein, aber nicht die ganze Zeit. Deshalb kann man sie zuklappen“, erklärt Draschl.

Die kleinste mögliche Einheit des Entwurfs soll nicht mehr als 60 000 bis 65 000 Euro kosten, erklärt Architekt Singer. „Man soll das Haus in zehn Jahren abbezahlen können.“

Das modulare System ähnele der traditionellen japanischen Bauweise, auch wenn das anfangs gar nicht beabsichtigt gewesen sei. „Aber es lief automatisch darauf hinaus.“ In Japan spiele man sehr sensibel mit Innen- und Außenwelt und kreiere einen fließenden Raum. „Es ist eigentlich die perfekte Wohnkultur.“

Nicht nur ein Haus, sondern ein Kulturprojekt

Zum Konzept gehört aber nicht nur der architektonische Entwurf. Es geht Singer um die Frage: „Wie kann ich die moderne Gesellschaft zusammenbringen mit den Gesetzen des Lebendigen?“ In der Architektur sehe er die Zukunft daher nicht in Individualbauten, sondern in einer offenen Struktur, innerhalb derer sich jeder selbst Gedanken macht, wie er leben will. „Es geht um Selbstermächtigung und darum, die ökologische und psychologische Verelendung aufzubrechen, in der wir uns befinden“, sagt Singer. „Für uns ist es viel mehr als ein Haus. Es ist ein Kulturprojekt.“

Die bauliche Umsetzung solle daher auch in einer Art Genossenschaft organisiert sein, auf einem städtischen Pachtgrundstück. Doch die sind bekanntlich äußerst rar. „Da frage ich mich doch als Laie, warum das so ist“, meint Draschl. „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine bodenlose Frechheit, dass die Stadt nicht genügend Grund für ihre Bürger zurückhält und stattdessen ,Filetstücke‘ an Investoren verkauft.“

Draschl und Singer sind – frei nach Jean-Jacques Rousseau – der Ansicht, dass Grund und Boden ein Grundrecht für alle sein müsse. Diese Ansicht setze sich langsam auch in der Gesellschaft durch, das sehe man etwa an der Diskussion um den Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert und die „Enteignung“ großer Firmen oder die Jugendbewegung Fridays for Future. „Es geht um die Selbstverständlichkeit, selber zu denken“, betont Draschl.

Filmtipp
Wer sich für die globalen Zusammenhänge der Wohnraumknappheit interessiert, dem empfiehlt Draschl die Dokumentation „Push“. Kinostart ist am Donnerstag, 6. Juni. In Karlsruhe ist der Film etwa am Freitag, 7. Juni, um 17 Uhr in der Schauburg zu sehen. Information unter www.pushthefilm.com