Freude über den ersten Platz: Die Karlsruher Compagnie "Jazzaret" von Sarah Kiesecker (mittlere Reihe links) hat sich den Züblin Kulturpreis ertanzt. | Foto: Traut

Die Tänzerin Sarah Kiesecker

Erfolg mit ehrlichen Emotionen

Anzeige

„Ich bin eine Sklaventreiberin im positiven Sinn“, lacht Sarah Kiesecker. Damit meint die Karlsruher Tänzerin und Choreografin die Unnachgiebigkeit, die sie in den Proben ihrer Compagnie „Jazzaret“ an den Tag legt. Ihre Begründung: „Ich will, dass meine Leute perfekt vorbereitet auf die Bühne gehen, damit sie dort dann Spaß haben können.“ Wobei neben dem Spaß auch Anerkennung geerntet wird – und mitunter auch eine Auszeichnung. So wie jüngst der Züblin-Kulturpreis, den sich das Ensemble in Stuttgart bei einem Live-Wettstreit vor Ort ertanzt hat.

Sieg als „Ambitionierte Amateure“

Insgesamt sechs Ensembles traten in zwei Kategorien an. „Jazzaret“ holte mit Kieseckers Choreografie „Weibliche Materie“ den mit 2 000 Euro dotierten ersten Platz in der Kategorie „Ambitionierte Amateure“ und setzten sich damit gegen eine Flamenco-Formation und ein lateinamerikanisches Duo aus Stuttgart durch.

Preisgekrönter Auftritt: Mit dem Stück „Weibliche Materie“ überzeugte „Jazzaret“ das Publikum. | Foto: Traut

Das ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil die Entscheidung über ein Publikumsvotum fiel und „Jazzaret“ auf zeitgenössischen Tanz setzt, dessen Umsetzung großes Können verlangt, ohne sportiv aufzutrumpfen. „Ich hatte tatsächlich vor der Bewerbung lange überlegt, ob ich die Gruppe dieser Situation aussetzen soll“, räumt Kiesecker ein. „Denn auch wenn man sich vorher klar macht, dass es im Tanz kein ,richtig‘ oder ,falsch‘ gibt, kann einem der Druck schon zu schaffen machen.“

Gruppe war in Stück eingebunden

Angesichts der Konkurrenz sei ihr zudem klar gewesen, „dass wir das Publikum nicht nur über die Choreografie, sondern auch über die Emotionalität des Ensembles erreichen müssen.“ Das sei auch dadurch gelungen, dass die Gruppe von Anfang an in die Stückentwicklung eingebunden war. „Die Grundidee war, das Selbstbild der Frau unter dem Einfluss der sozialen Medien zu hinterfragen“, erklärt Kiesecker. „Im Internet stellt sich jeder nur mit seinen tollsten Momenten dar – dadurch verschwindet das Bewusstsein dafür, dass jeder Mensch auch eine schwache Seite hat.“

Druck durch soziale Medien

Gerade Tänzerinnen, deren Arbeit untrennbar mit ihrem Körper zusammenhängt, stünden dadurch unter besonderem Druck. „Früher hat man sich vielleicht mit Mädchen von anderen Tanzschulen in der gleichen Stadt verglichen – heute kann man sich mit der ganzen Welt vergleichen“, erklärt Janina Keller, die bereits seit Kieseckers allererster Choreografie (2008 in der Tanzschule) zu ihrem Team gehört.

Ziel: Verletzlichkeit zeigen

In den seither vergangenen zehn Jahren hat Sarah Kiesecker an der „Iwanson International School of Contemporary Dance“ in München studiert (Abschluss 2012) und ihren Blick auf Tanz stark weiterentwickelt. Für das 2016 entstandene Stück „Weibliche Materie“ habe sie angestrebt, „die Verletzlichkeit der Tänzerinnen zu zeigen.“ Hierfür sollten diese beispielsweise dem Publikum gezielt eine Körperpartie präsentieren, die sie selbst an sich nicht mögen. „Und zwar nicht die, von der man glaubt: ,Ja, das ist nicht so toll, aber es geht noch.‘ Sondern wirklich die, die man am liebsten verstecken würde“, betont Kiesecker, die erklärtermaßen darauf zielt, die Scheinwelt des Tanzes mit ehrlichen Emotionen zu füllen.

Videodrehs als Jobs, eigene Choreografien als künstlerische Erfüllung: Sarah Kiesecker arbeitet auf verschiedenen Ebenen. | Foto: Lehmann

Das Vertrauensverhältnis, das hierfür unabdingbar sei, sieht Kiesecker bei ihrer Compagnie gegeben: „Da sind viele dabei, die das professionell machen könnten, es aber lieber aus Begeisterung betreiben, ohne damit Geld verdienen zu müssen.“ Sie selbst finanziert sich durch „Jobs“, wie sie es nennt – TV-Produktionen, Werbung oder Videodrehs, etwa für Helene Fischers Hit „Achterbahn“.

Freude an Leidenschaft

Außerdem unterrichtet sie an der Karlsruher Tanzschule X-Tra Dance. Auf die Arbeit mit „Jazzaret“ will sie trotzdem nicht verzichten: „Meine Mädels sind mit einer Leidenschaft und Energie bei der Sache, die man dort nicht findet, wo es um Geld geht.“ Schließlich gehöre viel Engagement dazu, nach einem normalen Arbeitstag noch zu proben – vor Auftritten viermal pro Woche mit einem äußerst kräftezehrenden Pensum.

2019 wieder in Stuttgart

Die derzeitige Hitze ist hier zum Glück kein Problem: Noch ist Sommerpause. Aber im Herbst, vor der „Langen Nacht der kurzen Stücke“ beim Tanzfestival im Kulturzentrum Tempel, wird es wieder ernst mit der Premiere einer neuen Choreografie. Und ein besonderer Termin ist für Juni 2019 schon vorgemerkt: Dann tanzt „Jazzaret“ wieder in Stuttgart, auf Einladung des Starchoreografen Eric Gauthier, der als Schirmherr des Züblin-Wettbewerbs von der Truppe begeistert war.

Hier geht’s zum Homepage von Sarah Kiesecker.