Kinderpornografie
Pädophile Neigungen sind nicht heilbar. Durch frühzeitige Therapien potenzieller Täter soll jedoch verhindert werden, dass es zu Übergriffen auf Kinder und Jugendliche kommt. | Foto: Uwe Zucchi

Prävention gegen Pädophilie

Missbrauch vorbeugen: „Die Wurzel der Straftat liegt beim Täter“

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Eingreifen, bevor es zur Straftat kommt: Unter diesem Motto steht das Projekt „Stopp – bevor was passiert!“ der Karlsruher Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW). Oder wie der Vorsitzende Klaus Michael Böhm es formuliert: „Wo kein Täter, da kein Opfer!“

Opferschutz hat viele Seiten

Die Behandlung von Gewalt- und Sexualstraftätern wird nicht selten kontrovers diskutiert. Ein wiederholter Vorwurf ist, dass Opfer lange auf einen Therapieplatz warten müssen, während Täter schneller therapiert werden. „Opferschutz ist zweiseitig“, erklärt Böhm, der selbst Richter am Oberlandesgericht in Karlsruhe ist. Die Versorgung des Opfers sei genauso wichtig wie die Therapie des Täters – oder des Tatgeneigten, um im Idealfall Straftaten zu verhindern.

Für eine solche Prävention setzt sich BIOS-BW mit dem Programm „Stopp – bevor was passiert!“ ein. Es richtet sich an potenzielle Täter und soll Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verhindern. „Alles, was wir machen, ist auf den präventiven Opferschutz ausgerichtet. Wir sehen immer auf das Opfer, nie auf den Täter. Aber die Wurzel einer Straftat liegt beim Täter. Wenn der behandelt wird, verhindert man, dass es neue Opfer gibt“, so Lisa Bux. Sie ist Pressesprecherin und Justiziarin bei BIOS-BW und überzeugt, dass das Projekt helfen wird, Straftaten zu verhindern. „Das Projekt ist einmalig und für uns eine große Errungenschaft.“

Förderung durch Krankenkassen

Die Errungenschaft liegt vor allem auch darin, dass der Spitzenverband der deutschen Krankenkassen (GKV) das Projekt seit diesem Jahr fördert. 50 neue Therapieplätze konnten so geschaffen werden. Sie richten sich an Menschen, die bislang lediglich pädophile Fantasien hatten, aber befürchten, diese in die Tat umzusetzen. Die zweite Zielgruppe sind Täter, die bereits übergriffig wurden, bei denen aber noch kein Ermittlungsverfahren eröffnet wurde, etwa weil keine Anzeige gestellt wurde. Auch bereits verurteilte Straftäter mit Wiederholungsgefahr gehören dazu.

Bislang war das Projekt „Kein Täter werden“ der Berliner Charité bundesweit das einzige Projekt dieser Art, das von den Krankenkassen gefördert wurde. „Wir sind sehr stolz, dass wir als zweites deutschlandweites Projekt aufgenommen wurden“, so Böhm. BIOS-BW bietet ausschließlich Einzeltherapien an, die Therapie ist kostenlos. Wer die Bedingungen nicht erfüllt (weil zum Beispiel bereits gegen ihn ermittelt wird), wird in das weiter gefasste Präventionsprojekt „Keine Gewalt- und Sexualstraftat begehen“ aufgenommen. Seit 2014 wurden dort 554 Personen therapiert.

Tätertherapie ist reiner präventiver Opferschutz.

Lisa Bux, Pressesprecherin und Justiziarin BIOS-BW

Der Wille zur Therapie muss vorhanden sein

Neben der Diagnose Pädophilie und dem nicht eröffneten Ermittlungsverfahren ist die Kontaktaufnahme durch den Tatgeneigten eine weitere Voraussetzung. Der potenzielle Täter soll nicht zur Therapie geschickt oder gezwungen werden, wie es im Falle einer Verurteilung vorkommen kann, sondern muss selbst die Entscheidung zur Therapie fällen. „Wir sehen darin eine Chance. Dass Menschen freiwillig kommen, um sich helfen zu lassen, ist die wichtigste und beste Voraussetzung“, sagt Sarah Allard, Therapeutische Leiterin der Forensischen Ambulanz, die Angebote zur Behandlung und Nachsorge von Gewalt- und Sexualstraftätern bietet.

Angehörige, Behörden oder Vereine können sich bei BIOS-BW informieren, insbesondere, wenn noch keine Strafanzeige gestellt wurde. Der Impuls zur Therapie muss aber vom Tatgeneigten selbst kommen. Aus diesem Grund bietet das Projekt eine besonders niedrigschwellige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Tatgeneigte können sich anonym telefonisch oder per E-Mail melden, abgesehen von Kontaktdaten werden keine weiteren Daten erfasst. Es findet auch keine Abrechnung über die Krankenkassen statt, sodass die Betroffenen während der Therapie komplett anonym bleiben können.

Keine Alternative zur Strafanzeige

Böhm ist es dabei wichtig zu betonen, dass BIOS-BW keine Alternative zur Strafanzeige sein will. „Aus unserer Sicht müssen Straftaten verfolgt werden“, so der Richter. Die Entscheidung zur Strafanzeige sei jedoch Sache der Betroffenen, die man nicht erzwingen könne.

In Deutschland sollen ein bis zwei Prozent der Bevölkerung pädophile Neigungen haben. Die Betroffenen sind zu 80 Prozent Männer.