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Sonntagslektüre

Die Zähringer und Co: Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein

Den Karlsruher Schlosslichtspielen wendet er den Rücken zu. Dafür begrüßt er von seinem Denkmalsockel aus die Besucher, die vom Marktplatz her zum sommerlichen Abend-Event strömen. Gestatten: Karl Friedrich, Großherzog von Baden und Herzog von Zähringen. Der alte Herr im langen Herrschermantel trug beide Titel seit 1806. Den „Großherzog von Baden“ sowie ein enorm vergrößertes Territorium verdankte er Napoleon, den „Herzog von Zähringen“ seiner Verwandtschaft mit einem mittelalterlichen Herrschergeschlecht. Seit ihrer Rangerhöhung zu Großherzögen pflegten die Markgrafen von Baden die Erinnerung an die bereits 1218 ausgestorbenen Zähringer intensiv. Dahinter steckte politisches Kalkül. Im „neubadischen“ Freiburg etwa trauerten damals viele Bürger der früheren Habsburger Herrschaft nach. Sie mochten die Nase über den in Karlsruhe residierenden Großherzog von Napoleons Gnaden rümpfen. Der „Herzog von Zähringen“ aber klang vertraut in ihren Ohren. Schließlich hatte ein Angehöriger dieser Dynastie die Breisgaumetropole im frühen 12. Jahrhunderts gegründet. Freiburg, die Zähringerstadt.

Denkmal auf dem Karlsruher Schlossplatz: Karl Friedrich wurde 1806 erster Großherzog von Baden – und legte sich außerdem den Titel „Herzog von Zähringen“ zu. | Foto: abw

Gezielt eingesetzte Erinnerung

„Erinnerung lässt sich manipulieren, sie lässt sich zu bestimmten Zeiten gezielt einsetzen“, sagt Thomas Zotz. Von dem Geschichtsprofessor stammt ein Beitrag über „Die Zähringer“ in dem Buch „Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein“. Eine Dynastie als „Erinnerungsort“? Das verwundert, wenn man das Wort im geografischen Sinne interpretiert. Doch in den 1980er Jahren hat der französische Historiker Pierre Nora eine neue Art der Geschichtsschreibung etabliert. Dabei werden „Erinnerungsorte“ in einem übertragenen Sinne verstanden: Wissenschaftler befassen sich etwa mit Gebäuden und Denkmalen, aber auch mit historischen Ereignissen oder Personen, die im kollektiven Gedächtnis Bedeutung haben. Sie erforschen, wie „Erinnerungsorte“ in Vergessenheit gerieten, erneut an Bedeutung gewannen, wie sie „wiederverwertet“ oder gar missbraucht wurden und bis in die Gegenwart hinein wirken.

Die Zähringer – mächtige Adelsfamilie des Mittelalters

Die Adelsfamilie der Zähringer stieg im 11. Jahrhundert zu einem der drei großen Fürstenhäuser im Südwesten des Reiches auf. Sie stand auf Augenhöhe mit den Staufern und den Welfen. Erster Herzog dieser Familie – und zwar als Herzog von Kärnten – wurde 1061 Berthold I. Sein Sohn Berthold II. ließ dann die namengebende Burg Zähringen (bei Freiburg) erbauen. Ein anderer Sohn, Hermann I., wurde Stammvater der markgräflichen Linie „von Baden“ – so genannt nach der Burg hoch über Baden-Baden.

Grenzüberschreitende Erinnerungskultur

Die Zähringer bauten vom Breisgau aus einen einzigartigen Herrschaftsbereich aus. In der Ortenau, auf der Baar, im Schwarzwald, am Hochrhein und am Rand des Hegaus waren sie zugange. Zudem zwischen Jura und Genfer See, in der heutigen Westschweiz. Sie ließen Burgen errichten und gründeten Klöster sowie Städte, darunter Bern, heute Hauptstadt der Schweiz. „Insofern bilden die Zähringer, mit Blick auf die Neuzeit, ein willkommenes Beispiel grenzüberschreitender Erinnerungskultur“, schreibt Thomas Zotz.

Zu Badenern mutierte Vorderösterreicher

Als die Zähringer 1218 im Mannesstamm ausstarben, konnten die badischen Markgrafen kaum davon profitieren. Vielleicht verblasste deshalb ihre Erinnerung an die einst so mächtige Verwandtschaft. Sie wurde erst im 18. Jahrhundert wiederentdeckt – und gewann große Bedeutung, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Großherzogtum geschmiedet wurde. Schließlich konnte man den unfreiwillig zu Badenern mutierten Vorderösterreichern – etwa in den Zähringerstädten Freiburg, Bräunlingen, Neuenburg am Rhein, St. Peter im Schwarzwald und Villingen – suggerieren, dass ihr neuer Landesherr einen historisch begründeten Anspruch auf die Herrschaft habe.

Badisch-Helvetien: kühne Pläne

Den badischen Minister Sigismund von Reitzenstein inspirierte die Zähringer Vergangenheit des Fürstenhauses zudem zu einem verwegenen Plan. Er regte 1806 an, auch noch die Schweiz an Baden anzubinden und ein „helvetisches“ beziehungsweise „zähringisches Königreich“ zu schaffen. Daraus wurde bekanntlich nichts. Karlsruhe, wo es seit 1809 eine Zähringerstraße gibt, blieb Hauptstadt eines Großherzogtums.

Badisch-württembergisches Bühnen-Gerangel

Thomas Zotz zeigt in „Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein“ auf, dass die vor rund 800 Jahren ausgestorbenen Zähringer in vielen Bereichen Anstöße zur Erinnerung gegeben haben – hierzulande, aber auch in der Schweiz. Und dass diese Erinnerung bisweilen seltsame Blüten trieb. Etwa wenn es in der Oper „Berthold der Zähringer“ um die Fehde Konrads von Schwaben gegen Berthold V. im Jahr 1196 geht. Der Zähringer wird dabei als Verteidiger der (badischen) Heimat gegen den staufischen (württembergischen) Angreifer inszeniert. Veröffentlicht wurde das Libretto des Freiburgers Joseph von Auffenberg 1819 in Karlsruhe. Sein Inhalt ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil der gemeinsame Vorfahr von Zähringern und Badenern seinen Sitz noch auf der (schwäbischen) Limburg bei Weilheim an der Teck hatte. So gehört diese württembergische Kommune auch zu den zwölf Zähringerstädten, die ihre Zusammenarbeit im frühen 21. Jahrhundert institutionalisiert haben. Ihre Vertreter treffen sich jährlich – abwechselnd in Deutschland und der Schweiz.

Das Buch „Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein“ | Foto: Rombach-Verlag

Das Buch „Erinnerungsorte am Oberrhein“

Das Buch „Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein“ geht auf Vorträge der Reihe „Samstags-Uni“ der Freiburger Universität zurück, die sich im vergangenen Jahr diesem Themenschwerpunkt widmete. Die Vorträge von Historikern und Historikerinnen waren auf großes Interesse gestoßen. Sie widmeten sich „Erinnerungsorten“, die nicht nur für die deutsche Geschichtskultur Bedeutung haben, sondern auch für Frankreich und/oder die Schweiz – die nationalen Grenzen, die sich in der frühen Neuzeit am Oberrhein herausbildeten, kannte das Mittelalter ja nicht. Umso spannender sind die unterschiedlichen Akzente, mit denen man sich die jeweiligen Geschichten in Baden, dem Elsass und der Schweiz vor allem seit dem 19. Jahrhundert erzählt. Da findet sich viel Verbindendes – aber eben auch Trennendes.

Behandelt werden in dem Buch Monumente, Menschen, Kunstwerke und Phänomene, die vorwiegend im Raum zwischen Straßburg und Basel, am Vogesenrand und im Schwarzwald angesiedelt sind: das Straßburger Münster und die Hohkönigsburg, die Heilige Ottilie, die Adelsgeschlechter der Zähringer und der Habsburger, der Codex Manesse (eine Handschrift, die für den mittelalterlichen Minnesang steht) sowie der elsässische Städtebund der Dekapolis und die geistige Bewegung des Humanismus, die mit der Bibliothek in Schlettstadt einen beeindruckenden Erinnerungsort hat.

Jürgen Dendorfer (Hg.): Erinnerungsorte des Mittelalters am Oberrhein. Schlaglichter regionaler Geschichte, Band 4, herausgegeben vom Landesverein Badische Heimat, Rombach Verlag, 24 Euro.

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