Auf „Grün“ startet der Stromzähler in der App „Mein ElektroAuto“ der Stadtwerke Karlsruhe. Die App zeichnet Fahrten und Entfernungen auf und gibt nach einiger Zeit Empfehlungen, welche Elektrofahrzeuge zum persönlichen Lebensstil passen könnten
Auf „Grün“ startet der Stromzähler in der App „Mein ElektroAuto“ der Stadtwerke Karlsruhe. Die App zeichnet Fahrten und Entfernungen auf und gibt nach einiger Zeit Empfehlungen, welche Elektrofahrzeuge zum persönlichen Lebensstil passen könnten. | Foto: Peter Sandbiller

App der Stadtwerke Karlsruhe

Dieses Elektro-Auto passt ins Handy

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Welches Elektroauto passt zu mir, und wenn ja, wie viele…Kilometer weit komme ich damit? Die Stadtwerke Karlsruhe haben eine App entwickelt, mit der man diesen Fragen auf den Grund gehen kann. „Mein ElektroAuto“ zeichnet die Wege auf, die man täglich zurücklegt. Sobald eine gewisse Anzahl von Fahrten beziehungsweise Kilometern aufgezeichnet ist, also ausreichend Daten für eine Einschätzung der Situation gesammelt worden sind, bekommt der App-Nutzer eine Mail mit den Ergebnissen. So weit die Theorie.

Welches Auto darf’s sein?

Ich öffne die App, und darf als Erstes ein E-Fahrzeug auswählen: Vom Roller über Kleinwagen, SUVs und Limousinen bis hin zum großräumigen Transportfahrzeug reicht das Angebot. Preise sehe ich keine, dafür Reichweite, PS und die Art des Antriebs (elektrisch, Hybrid oder PlugIn-Hybrid).

Da mein eigener motorisierter Wagen von der Größe her irgendwo zwischen VW Golf und Polo steht, entscheide ich mich für die Kategorie Kleinwagen. Ich hätte ja gerne auch mal einen Tesla getestet, doch die Parkplatzsituation in Karlsruhe macht es doch eher unpraktisch, ohne Not eine Limousine zu fahren. Und aus demselben Grund kommt auch ein SUV, ob Benziner oder Stromer, für mich nicht infrage.

Aber wenn schon Kleinwagen, dann wenigstens mit möglichst hoher Reichweite. Denn wo die insgesamt 46 öffentlichen E-Ladestationen in Karlsruhe sind, das muss ich erst noch herausfinden. Ich steige also virtuell ein in einen BMW i3s, 345 Kilometer elektrische Reichweite, 184 PS, mit reinem Elektroantrieb.

App (und Kopf) einschalten!

So weit, so gut. Ich will also in meinem echten Auto losfahren. Und vergesse fast, die App zu starten. Grüner Button bedeutet: „Fahrt beginnen“. Am Ende der Fahrt den roten Button: „Fahrt beenden“. Die App fragt: kann man hier das Auto laden? Ich muss verneinen, und nehme mir als nächstes vor, mich über die Ladeinfrastruktur in der Stadt zu informieren. Denn was nützt ein Strom-Auto, wenn man den nötigen Rohstoff nicht tanken kann?

Welche Art Strom?

Was ich bisher überhaupt nicht bedacht hatte: Ich sollte wissen, welche Kilowatt-Zahl für mein Auto die Richtige ist, um den „richtigen“ Strom zu tanken. Und wie lange ist die Ladezeit? Das Internet hilft: Ich erfahre, dass öffentliche Ladestationen sowohl mit Wechselstrom als auch mit Gleichstrom betrieben werden können. Der alte Konflikt zwischen den Strompionieren Thomas Alva Edison (Gleichstrom) und Nikola Tesla (Wechselstrom) kommt mir in den Sinn.

Jedenfalls lese ich weiter, dass mein BMW i3s unter anderem an Ladesäulen mit einem so genannten Typ-2-Stecker Strom tanken kann. Der wurde sogar von der EU als Standard definiert. Hört sich schon mal ganz praktikabel an. Je nach Ladesäule soll das zwischen gut drei und knapp zehn Stunden dauern. An einer Schnellladesäule würden 45 Minuten reichen. Noch ein Tipp von www.goingelectric.de: Das mitgelieferte, fünf Meter lange Kabel reiche nicht immer. „Da Ladeplätze leider oft zugeparkt werden, empfiehlt sich ein längeres Kabel.“ Haha. Wäre ja langweilig, wenn alles einfach wäre, nicht?

Lade-Hemmnisse

Doch zumindest bin ich jetzt erst mal ausreichend informiert, um nach Feierabend den Rückweg antreten zu können. Ich wohne zur Miete in einer hübschen, aber weitgehend unsanierten Altbauwohnung. Die nicht unbedingt neuen Stromleitungen packen mit Mühe und Not die üblichen Haushaltsgeräte und Computer – eine Ladestation fürs E-Auto ist völlig unrealistisch. Ich muss mich also vollkommen auf die elektrische Ladeinfrastruktur in der Fächerstadt verlassen. Ohne sie ist der Umstieg auf Elektromobilität in meinem Alltag nicht praktikabel.

Die Website goingelectric.de zeigt mir tatsächlich mehrere Ladestationen in meinem Viertel an. Aber alle relativ weit weg, der kürzeste Fußweg nach Hause wäre immer noch etwa 20 Minuten lang. Immerhin, es gibt ein paar Möglichkeiten. In Neureut dagegen: nichts. Während ich in der Redaktion sitze, kann ich also mein E-Auto erst mal nicht laden. In der Nordstadt bei der Berufsakademie gäbe es was. Allerdings zum Laufen dann ganz schön weit. Bei Aldi Süd gäbe es laut der Website immerhin noch ’ne E-Bike-Ladestation…

Ladestationen gibt es vor allem in der Karlsruher Innenstadt

Besser sieht es in der Innenstadt aus. Am Zirkel kann ich gleich mehrmals andocken: Der Typ-2-Stecker funktioniert an der EnBW-Ladesäule bei der Kunsthalle, an vier Säulen in der Parkgarage Schlossplatz und an sechs Säulen in der Parkgarage Waldhornstraße. Die Community auf goingelectric.de meldet da allerdings ein paar Probleme, mal funktioniert die Parkkarte nicht, außerdem ist offenbar kurzfristiges Laden nicht möglich – Reservierungen über www.parken-laden.de sollen aber möglich sein.

Nun ja, da ich noch nicht viel Strom verfahren habe, mache ich mir erst mal noch keine Gedanken. Ich zeichne meine Fahrten auf, klicke „Nein“ in Neureut oder zu Hause und „Ja“, wenn ich tagsüber mal einen Termin in der Stadt habe und in der Schlossgarage parke. Geht halt immer nur per Schnellladefunktion. Das geht die meiste Zeit gut. Nur einmal meldet die App, dass die Fahrt abgebrochen werden musste, weil ich vergessen habe zu laden.

Zum Glück nur virtuell.

Das Fahrtenbuch ist da

Nach ein paar Wochen bekomme ich das Ergebnis per E-Mail. Naja, tief im Inneren hab’ ich’s gewusst: Ich fahre, abgesehen von beruflichen Wegen, sehr wenig mit dem Auto. Die App ist der gleichen Ansicht: Im Schnitt viereinhalb Kilometer waren die insgesamt 29 aufgezeichneten Fahrten lang. Selbst mit der nicht ganz so bequemen Stromtank-Situation wären 28 von 29 Fahrten erfolgreich verlaufen, hätte ich tatsächlich ein Elektroauto gesteuert. Reichweite wäre also nicht mein Hauptkriterium beim Kauf.

Dann schon eher der Preis und die Überlegung: Wie groß muss das Auto überhaupt sein, wenn ich die meiste Zeit kurze Strecken fahre, und das alleine? In der App ploppt ein Fenster auf: „Übrigens… Überrascht?! Sie können 100% Ihrer Fahrten mit einem E-Auto absolvieren“. Es folgt eine Liste mit Vorschlägen: 15 Autos unterschiedlicher Hersteller, Preisspanne von 7 650 bis zu 37 600 Euro.

Meinen Anforderungen am nächsten kommt wohl der e-Up von VW: 29 von 29 Fahrten erfolgreich, Maximalgeschwindigkeit 130 Stundenkilometer, 160 Kilometer Reichweite. Durchschnittliche Ladezeit: sechseinhalb Stunden. Die App zeigt jetzt auch den Anschaffungspreis an: 18 975 Euro.

Neue Elektroautos sind relativ teuer

Im Vergleich zum Kraftstoff-Modell ein teures Vergnügen: Laut mobile.de sind die „normalen“ VW Ups neu schon ab etwa 13 000 Euro zu haben. Aber immer noch günstiger als ein Renault Zoe (Z.E.40): Dieser Elektro-Kleinwagen kostet laut Stadtwerke-App 30 100 Euro.

Die E-Mail enthält außerdem einen Link zum Elektromobilitäts-Portal der Stadtwerke, und da wird unter anderem über einen Elektroroller informiert. Der hat 70 Kilometer Reichweite, der Akku kann zum Laden mit in die Wohnung genommen werden. Das Gefährt kostet in der Zweisitzer-Ausführung knapp 3 000 Euro. Schätzungsweise 90 Prozent meiner Fahrten könnte ich damit wohl ohne große Lebensstil-Veränderungen machen – und für besondere Transport-Bedürfnisse gäbe es ja noch Carsharing…

Der App-Effekt

Rund 20 000 Euro für einen Kleinwagen: Das muss man sich schon leisten können und wollen. Genauso wie die Suche nach einer – hoffentlich gerade freien – Stromtankstelle. Denn damit das mit dem Elektroantrieb im Alltag wirklich praktikabel ist, braucht es ausreichend Infrastruktur. Zudem muss man sich intensiv mit dem Thema Elektromobilität beschäftigen, um für sich die passende Lösung zu finden.

Eines hat der App-Test auf jeden Fall bewirkt: Ich denke über meine Fahrgewohnheiten und die Einsparmöglichkeiten nach – für den Geldbeutel, für weniger Park-Stress, für meine Ökobilanz…

Die App „Mein ElektroAuto“ der Stadtwerke Karlsruhe richtet sich an Menschen, die sich für das Thema Elektromobilität interessieren, erklärt Sascha Rabenort von den Stadtwerken. „Die Kunden haben die unterschiedlichsten Mobilitätsanforderungen. Deshalb wollten wir eine Art Fahrsimulation anbieten, um dann qualifizierte Aussagen darüber machen zu können, welcher Weg im konkreten Fall richtig ist.“ Derzeit ist die App nur für Apple-Nutzer verfügbar, eine Version für Android-Geräte soll noch im Jahr 2019 bereitgestellt werden. Danach sollen weitere Entwicklungsschritte folgen, etwa die Implementierung von Informationen über Ladestationen in der Nähe. Über diesen Weg wolle man auch ins Community-Geschäft einsteigen: So soll es etwa möglich werden, dass private Ladestationen von anderen genutzt werden. „Klar ist: die 46 öffentlichen Ladestationen in Karlsruhe werden immer nur kurz genutzt, während man einkaufen, beim Friseur oder Steuerberater ist“, so Rabenort. Die Ladeinfrastruktur sei entscheidend für Elektromobilität, betont Tobias Bullinger vom Projekt E-Mobilität der Stadtwerke. Ein Problem sei etwa die allgemein angespannte Parksituation.
Weitere Infos auf dem Elektromobilitätsportal der Stadtwerke Karlsruhe