Bessere Aussichten für die Pflege verspricht der Berliner Koalitionsvertrag. | Foto: Wodicka

Große Konferenz zu „Pflege“

Digitalisierung als Existenzfrage

Über 200 Teilnehmer bei der Konferenz des Pflegebündnisses der Technologieregion Karlsruhe zeigen die Dringlichkeit des Themas. Der gesamte Bereich hat ein fast schon paradoxes Problem: Auf der einen Seite scheint die Bundesregierung die finanzielle und strukturelle Verbesserung der „Pflege“ auf den Weg bringen zu wollen, auf der anderen Seite fehlt es jetzt an qualifiziertem Personal.

Stärkere Verzahnung

Josef Hug, Pflegedirektor am Städtischen Krankenhaus Karlsruhe und Vorsitzender des Pflegebündnisses, macht deutlich, dass „Pflege“ ein vielschichtiger Begriff sei. Er umfasse Pflege in Klinik, Altenpflege und ambulante Pflege. Clarissa Simon, Geschäftsbereichsleiterin bei der Arbeiterwohlfahrt Karlsruhe, betont, dass diese Bereiche sehr viel stärker miteinander verzahnt werden müssten. Martin Michel, Vorstandschef des Evangelischen Vereins für Stadtmission, fordert ein Pflegeinfrastrukturprogramm des Landes und warb wie Simon für „Überwindung der Sektoren“.

Pflegeberufegesetz

Das wird zumindest in dem neuen „Pflegeberufegesetz“ erfolgen, auch wenn dessen Ausgestaltung die Konferenzleitung nicht restlos überzeugt. Die 2020 startende Ausbildung dauert drei Jahre und verknüpft zunächst alle „Sektoren“. Im dritten Jahr erfolgt eine Spezialisierung.

Personaluntergrenze

Ein weiteres Thema, das insbesondere Josef Hug ansprach, sind die geplanten Personaluntergrenzen in den Krankenhäusern. Auch hier ist die Meinung zweigeteilt. Einerseits gebe eine „rote Linie“, also eine Größenordnung beim Pflegepersonal, die nicht unterschritten werden darf, Sicherheit. Andererseits, so Hug, „deckt diese Untergrenze nicht den tatsächlichen Bedarf“.

Personal fehlt

Positiv wertet er die Absicht der Berliner Koalitionäre, die bisher üblichen Fallpauschalen im Krankenhaus zu „bereinigen“, indem die Pflegepersonalkostenvergütung herausgerechnet wird. Sein Fazit: „In der Pflege haben wir bald Geld und vielleicht auch Stellen, aber kein Personal“. Zu den Forderungen nach verbesserten Rahmenbedingungen zählt auch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, worauf Martin Michel hinwies. Er bescheinigte überdies dem Landkreis Karlsruhe eine „herausragend gute sozialpolitische Planung“.

Bei der Digitalisierung hinterher

Noch ausbaufähig ist im Pflegebereich die Digitalisierung. Nach Ansicht von Josef Hug ist der Digitalisierungsgrad in der medizinischen Welt Deutschlands unterentwickelt. Kliniken, die es in den nächsten zehn Jahren nicht schafften, sich komplett zu digitalisieren, bekämen Existenzprobleme. Auch auf der Ebene der ambulanten Pflege ist das Thema noch nicht richtig angekommen, wie Clarissa Simon verdeutlichte. Die digitale Dokumentation der Arbeit am Patienten etwa via Tablet werde nicht anerkannt, es müsse alles nochmals auf Papier und doppelt erledigt werden. Sie will die Anerkennung der digitalen Signatur zur Leistungsabzeichnung.