Volkshochschule
Die VHS in Karlsruhe bietet eigenen Angaben zufolge pro Jahr etwa 5 000 Kurse an. 2018 kamen insgesamt 42 000 Teilnehmer. | Foto: Jens Wolf/Archivbild

Senioren träfe es besonders

Digitalisierung und Co: Wenn Weiterbildung nötig, aber unbezahlbar ist

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Der technologische und gesellschaftliche Wandel erfordert lebenslanges Lernen. Doch Weiterbildung soll jetzt teurer werden. Ganze 19 Prozent.

Was das für Kurse der Volkshochschule (VHS) Karlsruhe bedeutet, rechnet Beatrice Winkler anhand einer Windows-Einsteigerschulung vor: „Aktuell kostet der Kurs 242 Euro“, erklärt die VHS-Sprecherin im Gespräch mit dieser Zeitung. Wird das Vorhaben der Großen Koalition umgesetzt, wären es künftig rund 288 Euro. Macht ein Plus von knapp 46 Euro.

Rentner müssen drauflegen

Das ärgert Winkler. Denn: Gerade Rentner benötigten häufig Hilfestellungen in Sachen Computer. Etwa, um eine Online-Überweisung tätigen zu können. „Was von vielen Banken mittlerweile ja auch vorausgesetzt wird.“ Da die meisten Kursteilnehmer aber bereits Rentner seien, greife bei ihnen die geplante Sonderregelung zur Befreiung der Umsatzsteuer nicht. Sie müssten also drauflegen.

Das Vorhaben der Koalition von Union und SPD ist im „Gesetzesentwurf zur weiteren steuerlichen Förderung der Elektromobilität und zur Änderung weiterer steuerlicher Vorschriften“ versteckt. Es wird mit der Anpassung an EU-rechtliche Vorgaben begründet. Nach dem Entwurf soll nur noch direkt beruflich verwendbare Weiterbildung von der Umsatzsteuerpflicht befreit werden.

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GEW-Landesvorsitzende: „Wir brauchen mehr statt weniger Angebote“

Der Bundesgesetzgeber schieße damit weit über das Ziel hinaus, kritisiert Städtetagspräsident Peter Kurz (SPD): „Einen Gegensatz zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung aufzubauen, passt nicht mehr in die Zeit ganzheitlicher Bildungsansätze.“ Ähnlich sieht es auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg. Lebenslanges Lernen bedeute nicht nur eine Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gehe zudem um eine allgemeine, kulturelle und politische Weiterbildung. „Wer Gebühren für Bildungsangebote erhöht statt sie zu senken, will eine arme Gesellschaft. Wir brauchen mehr statt weniger Angebote“, teilt die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz mit.

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„Schlag gegen die Allgemeinbildung“

Die Städte sind die Haupt-Weiterbildungsträger in Deutschland. Allein bei den 169 auch kommunal finanzierten Volkshochschulen im Südwesten müssten über zwei Millionen Menschen 19 Prozent mehr für die Kurse bezahlen, schätzt VHS-Verbandsdirektor Hermann Huba. „Der Verzicht auf die Umsatzsteuerbefreiung ist ein Schlag gegen die Allgemeinbildung, aber auch gegen die Bildung der Allgemeinheit“, kritisiert er. Jede Verteuerung müssten die VHS eins zu eins an die Nutzer weitergeben. Zuallererst drohten laut Kurz alle Kurse für Senioren und andere Menschen, die gerade nicht im Berufsleben stehen und sich etwa um Kinder oder Angehörige kümmern, unter die Umsatzsteuerpflicht zu fallen.

Gleiches gelte auch für Vorbereitungskurse für ehrenamtliche Tätigkeiten wie Nachhilfe oder Flüchtlingsarbeit. „Da geht es nicht um Hobby oder Freizeit“, betont der Mannheimer Oberbürgermeister. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sieht allerdings sehr gute Chancen dafür, im Bundesrat die Pläne zu stoppen und eine Mehrheit für die Umsatzsteuerbefreiung zu erreichen.

5 000 VHS-Kurse pro Jahr in Karlsruhe

Zurück nach Karlsruhe: Die VHS bietet dort eigenen Angaben zufolge pro Jahr etwa 5 000 Kurse an. 2018 kamen insgesamt 42 000 Teilnehmer. Auf dem Programm stehen Themen wie Sprachen, Gesundheit, Politik und Allgemeinbildung. VHS-Sprecherin Winkler liegen vor allem die Digitalisierung und die politische Bildung am Herzen. „Alle Politiker jammern immer, dass der Ton in der Gesellschaft rauer wird und Fake-News für Unruhe sorgen“, poltert sie. Bei der VHS biete man Aufklärung. „Werden die Kurse aber teurer, wird es künftig noch schwerer, Menschen zu begeistern.“ Bekenntnisse, bei der Digitalisierung alle mitnehmen zu wollen, dürften zudem nicht bei der Finanzierung entsprechender Fortbildung enden.