Häusliche Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten und in verschiedenen Formen - nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, sozial und finanziell. | Foto: dpa/Gambarini

Standort eigentlich geheim

Frauenhaus Karlsruhe: Internetdienste machen Einrichtung angreifbar

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Um ihren Bewohnerinnen Schutz vor gewalttätigen Ehemännern oder Expartnern zu gewähren, halten viele Frauenhäuser ihre Adresse geheim. Handyortungsdienste und soziale Netzwerke erschweren diese Arbeit jedoch. Ein Frauenhaus in Stuttgart plant inzwischen den Schritt aus der Anonymität – ein Konzept, das für Karlsruhe noch nicht denkbar sei. Aber auch die anhaltende Wohnungsnot beeinflusst die Arbeit der Frauenhäuser in Karlsruhe.

Die Digitalisierung verändert unser Leben. Dank GPS und Smartphone ist unser Standpunkt beinahe rund um die Uhr abrufbar. Diese „Überwachung“ stellt auch Frauenhäuser vor neue Herausforderungen. Um Opfern häuslicher Gewalt effektiven Schutz bieten zu können, halten die meisten Einrichtungen ihre Adressen geheim. In Zeiten von Handyortung und Internet ist das nicht immer einfach, weiß Katja Schümer. Die Sozialarbeiterin leitet das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Karlsruhe. 40 Personen kann sie in 21 Zimmern Schutz bieten. Meistens ist ihr Haus voll besetzt.

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Häusliche Gewalt gibt es in verschiedenen Formen

Häusliche Gewalt beinhaltet nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch psychische, soziale oder finanzielle, etwa wenn Frauen von ihrem Partner isoliert werden oder ihnen Geld vorenthalten wird. „Das zieht sich durch alle Schichten“, erklärt Schümer. Dennoch kämen eher Frauen aus prekären Lebensverhältnissen zu ihr ins Frauenhaus. „Gut situierte Frauen haben meist andere Möglichkeiten.“

Insgesamt sei das Thema aber immer noch schambesetzt. Viele Frauen machten sich Vorwürfe, durch die Wahl des Partners selbst verantwortlich zu sein.

In Karlsruhe ist kein offenes Konzept geplant

Ein offenes Konzept, wie es beispielsweise das Autonome Frauenhaus in Stuttgart plant, lehnt Schümer für ihre Einrichtung in Karlsruhe ab. Die Stuttgarter planen eine Zweiteilung – einerseits ein nicht mehr anonymes Frauenhaus an neuem Standpunkt, andererseits sichere geheime Wohnungen für Frauen, die akut verfolgt werden.

Nicht einmal mein Mann weiß, wo ich genau arbeite.

Schümer ist jedoch überzeugt, dass Anonymität für die Arbeit in ihrem Frauenhaus weiterhin wichtig ist. „Nicht einmal mein Mann weiß, wo ich genau arbeite.“ Frauen, die bei ihr Schutz suchen, müssen schriftlich versichern, dass sie die Adresse des Frauenhauses nicht weitergeben. Auch die eigenen Eltern oder Geschwister sind von dieser Regelung nicht ausgenommen.

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Doch selbst so ist es schwierig, die Adresse geheimzuhalten. „Auch Facebook teilt den Standort mit“, erklärt Schümer. Sie rät den Frauen, am besten schon vor dem Einzug ins Frauenhaus die SIM-Karte ihres Handys zu wechseln und alle Ortungsfunktionen auszustellen. Das Handy wegnehmen will sie aber niemandem. „Wir sind kein Heim“, betont Schümer.

Investitionen in Sicherheit müssten auch bekannt werden

Ob das Frauenhaus des SkF ein offenes Konzept einführen wird, steht noch nicht fest. Ein solches Konzept verlange jedoch massive technische und personelle Investitionen in die Sicherheit, ist Schümer überzeugt – und die müssten auch öffentlich gemacht werden, um für gewalttätige Expartner eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Aktuell wird lediglich der Eingangsbereich des Frauenhauses durch eine Klingel mit Videofunktion überwacht. Das Sicherheitskonzept des Frauenhauses werde aber regelmäßig überarbeitet, so Schümer. Sie kann sich Absprachen mit anderen Einrichtungen vorstellen, sodass es sowohl anonyme als auch öffentliche bekannte Frauenhäuser in Karlsruhe geben könnte.

Zuhören und Helfen: Katja Schümer arbeitet seit 17 Jahren im Frauenhaus des Sozialdiensts katholischer Frauen Stand und Landkreis Karlsruhe. | Foto: Sandbiller

Umgangsrecht des Vaters als zusätzliches Risiko

Auch der Kontakt der Kinder mit dem Vater bietet zusätzliches Risikopotenzial. Väter könnten den Umgang mit ihren Kindern mittlerweile recht schnell erwirken, so Schümer, bekämen rasch Gerichtstermine und oft umfangreiches Umgangsrecht. Ein Vorgehen, das die Sozialarbeiterin nicht ganz nachvollziehen kann, insbesondere wenn auch Kinder von physischer Gewalt betroffen waren. „Dort kollidiert das Umgangsrecht des Vaters mit dem Gewaltschutzgesetz“, erklärt sie. Über die Kinder hätten Männer weiterhin Zugang zu ihren Expartnerinnen, würden teilweise versuchen, Informationen aus den Kleinen herauszupressen.

Auch Übergabetreffen können für Frauen gefährlich werden. „Wir raten den Frauen, sich immer nur in der belebten Innenstadt zu treffen“, erklärt Schümer. „Manchmal kann es auch nötig sein, auf dem Rückweg erst einmal mit der Straßenbahn in die falsche Richtung zu fahren, um nicht verfolgt zu werden.“

Wohnungsnot treibt Frauen teilweise zurück in die Beziehung

Aber auch die prekäre Lage auf dem Wohnungsmarkt hat Schümers Arbeit nicht leichter gemacht. „95 Prozent der Frauen, die zu uns kommen, sind auf Unterstützung von der Arbeitsagentur angewiesen“, so Schümer. Viele waren in der Beziehung nicht berufstätig, wurden so isoliert und abhängig. Nicht selten werde das vom Mann bewusst gefördert. Dieser Umstand mache die Wohnungssuche jedoch schwer. „Es gibt Frauen, die von der erfolglosen Wohnungssuche so frustriert sind, dass sie wieder zu ihren gewalttätigen Männern zurückgehen“, so Schümer.

Sie sind Opfer häuslicher Gewalt geworden? Hier finden Sie Hilfe:
Frauenhaus des Sozialdiensts katholischer Frauen Stadt und Landkreis Karlsruhe
Frauenhaus und Frauenberatungsstelle Karlsruhe