Mediterranes Lebensgefühl bringt Jutta Heinzler mit ihrer klassischen Vespa in die Fächerstadt. Wie sie sind viele Menschen aufgrund der angespannten Verkehrssituation vom Auto auf den Roller umgestiegen.
Mediterranes Lebensgefühl bringt Jutta Heinzler mit ihrer klassischen Vespa in die Fächerstadt. Wie sie sind viele Menschen aufgrund der angespannten Verkehrssituation vom Auto auf den Roller umgestiegen. | Foto: Jörg Donecker

Verkehr

Trend zur Vespa: Dolce Vita auf Karlsruher Straßen

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Jutta Heinzler ist umgestiegen: Seit vergangenem Jahr fährt sie Roller. Eine schwarze Vespa mit dunkelroten Lederpolstern. „Die hab’ ich mir extra so ausgesucht“, erzählt die zierliche Frau, nachdem sie ihr Schätzchen auf dem Zweirad-Parkplatz am Zirkel abgestellt hat.

Sie liebt ihren Retro-Roller im klassischen Design: „Er hat das Flair von Italien. Und so fühlt man sich auch, wenn man durch die Stadt fährt.“ Und nicht nur ihr hat es der italienische Zweirad-Klassiker angetan: Am Zirkel und an vielen anderen Stadt-Ecken kann man die Fahrzeuge stehen sehen.

„Ich komme von der Pfalz drüben, über die Rheinbrücke“, sagt Heinzler. „Die Baustellen ziehen sich schon wieder das ganze Jahr. Früher habe ich mich mit dem Auto da durchgequält, bin immer extra ganz früh losgefahren und kam abends erst spät nach Hause. Ich war richtig gestresst.“

Ein Roller spart viel Zeit

Also musste eine alternative Transportlösung her. „Mein Mann nimmt öfters die Bahn, ärgert sich aber auch über die Ausfälle. Da hab’ ich gesagt: Nee, ich möchte ’nen Roller. Das spart mir viel Zeit.“ Denn mit dem Zweirad kann sie sich zwischen wartenden Autos im Stau hindurchschlängeln und findet alternative Routen zu den Vierräder-Strecken. In 40 Minuten ist sie so von zu Hause bei ihrem Arbeitsplatz im Finanzamt.

Bis in den Herbst und ins kalte Wetter hinein sei sie im vergangenen Jahr gefahren. „Ich möchte es nicht mehr missen. Das ist so ein Stück Freiheit, wenn man über den Rhein fährt, die Landschaft … toll. Einfach traumhaft!“

Im Sommer trägt sie für die Fahrt auch mal Röcke oder kurze Hosen, dazu – stilecht – eine Bikerjacke aus schwarzem Leder zum Schutz vor dem Fahrtwind. Mit dem Roller kann sie zudem alles mitnehmen, was sie braucht. „Der Helm passt unter den Sitz: eine feine Sache.“

Roller-Parkplätze werden bisweilen knapp

Es fahren viele Leute mit dem Roller, ist Heinzlers Eindruck. „Der Markt ist sehr groß, es wird unglaublich viel gefahren. Von jung bis alt, Frauen und Männer, da ist alles dabei.“ Viele ihrer Kollegen überlegten inzwischen ebenfalls, auf den Roller umzusteigen. So viele sind es, dass langsam die Roller-Parkplätze am Zirkel, Ecke Lammstraße, direkt bei der BNN-Lokalredaktion, knapp werden.

„Meine Frau hat mir vom Roller abgeraten“, sagt Hans Ulrich, der sich zum Gespräch dazugesellt. Die Räder seien einfach etwas klein, und er fahre gerne ins Elsass, also weitere Strecken. „Ich werde mir deshalb jetzt ein Cabrio zulegen. Da hat man auch schon ein ganz anderes Naturerlebnis als im normalen Auto.“

Das einzig Wahre in der Innenstadt

„Fahrrad oder Roller – das ist das einzig Wahre in der Innenstadt. Alles andere macht keinen Spaß“, findet dagegen Ibrahim Toy, der seine dunkelblaue Aprilia Leonardo vor der „Kaffeebasis“ in der Erbprinzenstraße geparkt hat. Bei einem Tässchen Kaffee mit Blick auf das Einkaufscenter Ettlinger Tor genießt er so jeden Tag ein Stückchen deutsche Dolce Vita.

Das mit dem Roller habe sich so ergeben, sagt der Eventmanager. Er habe das Zweirad einem Kumpel abgekauft. Da er selten mehr als fünf Kilometer am Stück zu fahren habe, sei der Roller als Verkehrsmittel einfach praktisch.

„Der Rollertrend ist im Moment stetig wachsend“, sagt auch Christian Regner vom Roller-Center Durlach. Seit mehr als 25 Jahren verkaufe man jetzt schon die kultigen Zweiräder. „Wir können einen Aufwärtstrend klar erkennen“, so Regner. „Wir verkaufen mehr, und wir reparieren mehr.“

Baustellen befeuern den Roller-Trend

Ein Grund seien die vielen Baustellen in und rund um Karlsruhe. „Das bekommen wir von den Kunden so zu hören“, sagt er. Viele kauften die Fahrzeuge sogar explizit wegen der Rheinbrücken-Sperrung.

24 verschiedene Roller-Marken hat Regner in seinem Sortiment, doch die Verkaufsschlager lassen sich an einer Hand abzählen. „Vor allem Retro, zu 98 Prozent“, sagt Regner. Allen voran die Vespa von Piaggio, aber auch die Luxxon Emily, die Zündapp Bella oder die Kymco Like gingen besonders gut.

Nachgefragt würden Elektro- und Benzinroller, doch die Benziner seien nach wie vor am beliebtesten bei seinen Kunden. Das Alter der Käufer und Käuferinnen variiere, vor allem zwischen 20 und 55 Jahren. Auch was Hubraum und Pferdestärken angeht, würden alle Varianten nachgefragt.

Zweiräder sind dauerhaft beliebt

Nicht nur die Liebhaber-, sogar die Billigsparte ist offenbar ein lukratives Geschäft: Roller im Retrodesign gibt es mittlerweile schon bei großen Supermarkt-Discountern zu kaufen – mit Elektroantrieb. Den findet auch Philipp Marty gut – mit seinem Elektro-Motorrad ist er 80 Stundenkilometer schnell in Karlsruhe unterwegs. „Weil ich damit besser durch den Verkehr komme, und weil es umweltfreundlicher ist“, so seine Begründung.

Beim Karlsruher TÜV schlagen nur Zweiräder auf, die schneller als 50 Stundenkilometer fahren. „Das Zweirad an sich wird beliebter“, sagt Prüfstellenleiter Marco Oehler. „Aber nicht unbedingt der Roller.“ Da die „kleineren“ Roller ja zulassungsfrei seien, könne er aus Sicht des TÜV aber auch nur eine Teileinschätzung geben.

Kleinkrafträder wie Roller und Mopeds benötigen keine Zulassung und fallen nicht unter die Kfz-Steuer. Sie benötigen nur eine gültige Versicherung, um auf den Straßen fahren zu dürfen – diese ist am kleineren, grünen Versicherungskennzeichen zu erkennen.

So eins trägt auch die rot-schwarze Vespa von Jutta Heinzler, die am späten Nachmittag wieder auf ihr motorisiertes Zweirad steigt und gen Westen braust – nach Hause in die Pfalz, der Sonne entgegen.