Im Notfall zählt jede Sekunde: Umso wichtiger sei es, der Leitstelle die Situation so genau wie möglich zu schildern, sagt Jörg Biermann, Kreisgeschäftsführer des DRK Kreisverband Karlsruhe.
Im Notfall zählt jede Sekunde: Umso wichtiger sei es, der Leitstelle die Situation so genau wie möglich zu schildern, sagt Jörg Biermann, Kreisgeschäftsführer des DRK Kreisverband Karlsruhe. | Foto: Nicolas Armer/dpa

Schnellere Hilfe

DRK Kreisverband Karlsruhe will, dass Ampeln für den Rettungswagen per Funk auf Grün geschaltet werden können

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Der jungen Frau geht es offensichtlich schlecht. Sie liegt am Boden einer Bruchsaler Bahnstation als ein Mann, der sich später als Leser bei den BNN meldet, vorbeikommt. Er erkennt die Notlage der Frau und wählt augenblicklich die 112. Es vergehen 30 Minuten, bis die Einsatzkräfte an Ort und Stelle sind. Hat der Rettungsdienst dort versagt?

Jörg Biermann, Kreisgeschäftsführer des DRK Kreisverbands Karlsruhe, widerspricht. „Der Fall in Bruchsal wurde nicht als Notfall gemeldet“, sagt er.

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Lediglich von Magenschmerzen sei in dem aufgezeichneten Telefongespräch die Rede gewesen. Erst nachdem die Situation der jungen Frau in einem zweiten Anruf um 9.23 Uhr eindeutig als Notfall beschrieben worden sei, habe der ausgerückte Rettungswagen das Blaulicht in Betrieb genommen.

Die Dramatik muss deutlich gemacht werden

Der Kreisgeschäftsführer betont wie wichtig es ist, der Leitstelle den Sachverhalt in aller Deutlichkeit zu schildern. „Dort sitzen Rettungsassistenten mit langjähriger Berufserfahrung“, sagt er. „Sie fragen ab, ob die Indikation für einen Notfall gegeben ist.“

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Einige Anrufer hätten jedoch Hemmungen und sorgten sich, was beispielsweise die Nachbarn beim Eintreffen eines Notarztwagens denken könnten. Werde die Dringlichkeit nicht deutlich gemacht, rücke ein Rettungswagen mit Notfallsanitäter und Rettungsassistenten aus – ohne Notarzt.

Voraussetzung sei zudem, dass ausreichend viele Fahrzeuge zur Verfügung stünden. „Im geschilderten Fall waren zum Zeitpunkt des Anrufs bereits alle im Einsatz“, sagt Biermann. Darum musste ein Rettungswagen aus Blankenloch anrücken. 17 Minuten nach Eingang des Anrufs sei er eingetroffen – zwei Minuten später als die gesetzliche Hilfsfrist vorsieht.

In etwa 87 Prozent der Fälle wird die Hilfsfrist eingehalten

Das Versorgungsgebiet der Rettungsleitstelle Karlsruhe ist mit rund 1.250 Quadratkilometern der größte Rettungsdienstbereich in Baden-Württemberg. Wie das Landratsamt Karlsruhe auf Nachfrage informiert, wurde die Hilfsfristquote 2016 zu etwa 90 Prozent eingehalten, im Jahr 2017 nur noch zu etwa 80 Prozent.

Mangelndes Fachpersonal bei den Rettungsorganisationen sei damals als wesentliche Ursache dafür ausgemacht worden.

Nach einer Ausbildungskampagne habe das DRK seitdem neue Notfallsanitäter einstellen können. Zudem werden bei Engpässen mittlerweile private Dienstleister herangezogen. Dadurch seien die Zahlen im laufenden Jahr auf etwa 87 Prozent gestiegen, teilt das Landratsamt weiter mit. Sie liegen damit jedoch nach wie vor deutlich unter der gesetzgeberischen Vorgabe von 95 Prozent.

Wir benötigen mehr Rettungsmittel

Während der Rettungsdienst 2013 noch knapp 115.000 Mal ausrückte, zählt die integrierte Leitstelle Karlsruhe im laufenden Jahr bereits 170.000 Einsätze – knapp 10.000 mehr als im Vorjahr. Das geht aus einer aktuellen Statistik des Landratsamts hervor.

„Wenn ein Krankenhaus wie die Paracelsus-Klinik in Durlach, schließt, fällt eine Anlaufstelle für die Bevölkerung weg“, nennt Biermann einen Grund für den wachsenden Bedarf.

Baustellen behindern die Rettungskräfte

Auch die Bedingungen auf den Straßen erschwerten die Einhaltung der Hilfsfrist. „Die Verkehrssituation in der Region ändert sich tagtäglich“, sagt Biermann. Zudem gebe es im Raum Karlsruhe zahlreiche Baustellen.

Das Blaulicht gewähre den Rettungsdiensten zwar Wegerecht. „Wenn sich der Wagen jedoch am Ettlinger Tor steht und die Ampel auf Rot ist – da können die Autos weder nach links noch nach recht ausweichen“, sagt er.

Der DRK Kreisverband Karlsruhe möchte sich daher für ein Modell wie in Bayern stark machen. „Dort gibt es eine Vorrangschaltung für Rettungsfahrzeuge.“ Steckt ein Rettungswagen in Bayern zwischen mehreren Fahrzeugen an einer Ampel fest, kann diese per Funk auf Grün geschaltet werden und der Verkehr nach vorne abfließen.

„Wir müssen überlegen, inwieweit durch eine geschickte Steuerung des Verkehrsflusses die Hilfsfrist unterschritten werden kann“, plädiert Biermann.

In Abstimmung mit den Kollegen der Berufsfeuerwehr möchte der DRK Kreisverband sein Anliegen baldmöglichst an die Stadt Karlsruhe herantragen. Biermann ist überzeugt: „Das wäre ein weiterer Mosaikstein, um die Einhaltung der Hilfsfrist zu verbessern.“