Der Basler-Tor-Turm in Karlsruhe-Durlach: In den Jahren 1968/69 sorgte er als Roter Turm für Aufregung.
Als Roter Turm firmierte der Basler-Tor-Turm in Durlach in den Jahren 1968/69. | Foto: abw

Jugendprotest 1968/69

Durlachs Roter Turm im Clinch mit der „reaktionären Provinz“

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Durlachs Roter Turm, Jugendprotest und „freie Liebe“: Am Basler Tor schieden sich vor 50 Jahren die Geister.  Der Zoff zwischen einer autonomen Jugendgruppe und Bürgern, die auf Recht und Ordnung hielten, eskalierte. Am Ende räumte die Polizei das Gebäude.  Jetzt sind die „skandalösen“ Durlacher Ereignisse von 1968/69 auch Thema im Haus der Geschichte in Stuttgart. Denn die Zeiten ändern sich…

Die Polizei rückt vor: Am 28. Mai 1969 wurde der Rote Turm geräumt.
Am Ende räumte die Polizei den Roten Turm. | Foto: Schlesiger © Stadtarchiv Karlsruhe

Ein Turm der Entrüstung

Haben sie es miteinander getrieben? Oder ist es bei Schmusereien geblieben? Vor 50 Jahren waren solche Fragen bei Paaren ohne Trauschein durchaus relevant – schließlich gab es noch den Kuppelei-Paragrafen. Und die jungen Leute im Basler-Tor-Turm waren bei vielen braven Bürgern Durlachs ohnehin nicht gut gelitten. Zu unkonventionell, zu links, zu rebellisch.

13-Jährige auf ihre Jungfräulichkeit untersucht

Dass im Turm angeblich reichlich Alkohol floss und dort jugendliche Ausreißer und unverheiratete Pärchen übernachteten, setzte dem Ganzen die Krone auf. Die Stadt wollte die Störenfriede loswerden. Und war wohl auch deshalb daran interessiert, konkrete Fälle unzüchtigen Verhaltens nachzuweisen. Eine 13-Jährige, die mit ihrem 17-jährigen Freund eine Nacht im Turm verbracht hatte, soll sogar polizeilich auf ihre Jungfräulichkeit untersucht worden sein.

Durlachs Roter Turm und der Geist der 1968er

„… denn die Zeiten ändern sich“ – so heißt eine Sonderausstellung über die 60er Jahre in Baden-Württemberg, die bis 24. Juni im Haus der Geschichte in Stuttgart zu sehen ist. Die Schau wartet mit erfreulich vielen Exponaten aus dem badischen Landesteil auf.

Auch Karlsruhe ist gut vertreten, obwohl die von technischen Hochschulen geprägte Stadt nicht eben eine Hochburg der Studentenbewegung war. Doch vom Geist der 1968er blieb auch sie nicht unberührt. Und der Rote Turm in Durlach ist nicht nur ein treffliches Beispiel für den Wandel der Sexualmoral. Er steht auch für die Politisierung damaliger Schüler. Und für die wachsende Bereitschaft, den eigenen Überzeugungen Taten folgen zu lassen.

Pfadfinder im Basler-Tor-Turm

Angefangen hatte Ende der 1950er Jahre alles ganz harmlos, als eine Gruppe der Bündischen Jugend den Basler-Tor-Turm in Karlsruhe-Durlach bezog. Schüler und Studenten spielten dort Theater, beschäftigten sich mit Gedichten von Freiheitskämpfern – etwa von Georg Herwegh, der sich 1848 an der Revolution in Baden beteiligte – und hörten in den Westen geschmuggelte Lieder von Wolf Biermann.

Tendenz nach links

Bald engagierten sie sich auch politisch – mit zunehmender Tendenz nach links – und verteilten Flugblätter an Schulen. Womit sie sich viel Ärger einhandelten. Proteste gegen den Karlsruher NPD-Parteitag von 1966 folgten, dann Demonstrationen für eine Bildungsreform und gegen die Notstandsgesetze. Die inzwischen für unorganisierte Jugendliche geöffnete Gruppe fühlte sich der APO, der außerparlamentarischen Opposition, zugehörig.

Blick ins Büro im obersten Turmstübchen. Mit einem Vervielfältigungsapparat stellten die Mitglieder des autonomen Jugendheims Flugblätter her.
Roter Turm: Blick ins Büro im obersten Stübchen mit Parolen an dem Wänden und einem Vervielfältigungsapparat für die Flugblätter. | Foto: Schlesiger © Stadtarchiv Karlsruhe

1968 kam die Kündigung

Schließlich kam es zu Konflikten mit der Stadtverwaltung. Im Oktober 1968 flatterte dem Gruppenleiter Eckard Holler die Kündigung ins Haus. Doch die jungen Leute weigerten sich, den Basler-Tor-Turm zu verlassen, sie gründeten ein „autonomes Jugendheim“.

„Rote“ und „Gammler“

Der Basler-Tor-Turm besetzt – von „Langhaarigen“ und „Roten“! In der Bevölkerung wurden Stimmen laut, wonach man den Turm ausräuchern und „die Gammler“ rüberschicken sollte in die DDR. Oder besser gleich in ein KZ stecken. Die Stadtverwaltung setzte auf juristische Mittel.

Von der Qualität des Geschlechtsverkehrs

Im Februar 1969 übernachteten zwei französische Pärchen im Turm. Die Stadt sorgte dafür, dass die 20-jährigen Männer anschließend befragt wurden, ob es dabei zum „GV“, zum Geschlechtsverkehr, gekommen sei.

Durlachs Roter Turm berichtete in seiner Zeitung „Turmgespräche“ über die Verhöre. Wie man in der Stuttgarter Ausstellung nachlesen kann, hatten die Redakteure eine klare Meinung zum Vorgehen der Behörden: „Die beiden Franzosen haben sich den faschistischen Praktiken der Karlsruher Justiz gebeugt, der RT (= der Rote Turm) wird dies nicht kampflos tun. Denn: der GV im Roten Turm steht auf einer qualitativ unermesslich höheren Stufe als der GV in der reaktionären Provinz um ihn herum. Dieser Fortschritt in der Freiheit ist verteidigungswert.“

Angriffe auf den Roten Turm

Der Rote Turm wurde zum Ziel von Attacken. Unter anderem schoss ein Durlacher mit einem Kleinkalibergewehr auf das Gebäude. Im April 1969 drangen mehrere NPD-Mitglieder, darunter Landtagsabgeordnete, in den Turm ein und rissen die rote Fahne weg, die aus dem Fenster hing. Die Jugendgruppe ihrerseits sprengte einen Tanzabend im benachbarten Gemeindezentrum, störte eine Sitzung des Jugendamtes und mischte eine NPD-Veranstaltung auf.

"Festung" Roter Turm: Die "Verteidiger" hatten den Zugang teilweise zugemauert.
iner Festung glich der Basler-Tor-Turm in Karlsruhe-Durlach im Mai 1969: Die „Verteidiger“ des Roten Turms hatten den Zugang teilweise zugemauert. | Foto: Schlesiger © Stadtarchiv Karlsruhe

Sturm aufs Rathaus

Zu Krawallen kam es, als im Mai 1969 das Amtsgericht Durlach einer Räumungsklage der Stadt statt gab: Frustrierte Turm-Aktivisten „stürmten“ das Gericht und das Durlacher Rathaus – Akten flogen aus den Fenstern. Die NPD schürte die „Bürgerkriegsstimmung“ weiter: Sie warf der Stadt Karlsruhe vor, nichts gegen „Sexual-Orgien“ im Turm und „pornografische“ Schmierereien zu unternehmen und die Rechtsbrüche der „anarchistischen Gammler“ zu dulden.

Viele Schaulustige und heftige Diskussionen gab es sich am 28. Mai 1969 vor dem Basler Tor in Durlach. Es war der Tag, als die Polizei den Roten Turm räumte.
Heftige Diskussionen und viele Schaulustige vor dem Basler Tor in Durlach: Am 28. Mai 1969 räumte Polizei den Roten Turm. | Foto: Schlesiger © Stadtarchiv Karlsruhe

Die Polizei räumt die „Festung“

Angesichts der aufgeheizten Atomsphäre ließ Karlsruhes Oberbürgermeister Günther Klotz den Turm am 28. Mai von der Polizei räumen – obwohl das Gericht der Jugendgruppe eine Frist bis Ende Juli eingeräumt hatte. Mancher befürchtete, dass Blut fließen würde, doch die letzten „Verteidiger“ der Festung entwichen durch einen Hintereingang. Im Turm trafen die Polizisten nur einen verschlafenen 16-Jährigen an.

Was blieb?

Und heute? Am Basler-Tor-Turm erinnert nichts an die Ereignisse von 1968/69. Ein Schild im Torbogen erwähnt nur, dass das einzig erhaltene Tor der Durlacher Stadtbefestigung erstmals im 15. Jahrhundert erwähnt wurde, dass es beim Stadtbrand 1689 ausbrannte und 1760/61 wieder aufgebaut wurde.

Hinweis-Tafel zur Vergangenheit des Basler Tores.
Tafel zur Vergangenheit des Basler Tores. Die Jahre als Roter Turm finden keine Erwähnung. | Foto: abw

„Die Parolen wurden alle übertüncht“

Und im Inneren? Der Historische Verein Durlach bietet Altstadtführungen an, bei denen auch der Basler-Tor-Turm bestiegen werden kann. Doch: „Die Parolen wurden leider alle übertüncht“, sagt der Vereinsvorsitzende Günther Malisius. Der Rote Turm von einst beherbergt inzwischen mit der „Jörg von Nördlingen-Ritterschaft Durlach“ eine gänzlich andere Klientel als vor 50 Jahren. Die Zeiten ändern sich eben …

Bei der Karlsruher 68er-Ausstellung  nicht im Mittelpunkt

Immerhin, vor sieben Jahren hat das Markgrafen-Gymnasium Durlach mit einer Schülerausstellung an die „Skandalöse Protestbewegung um den Basler-Tor-Turm Durlach 1968/1969“ erinnert. Ein Thema wird der Rote Turm auch sein, wenn ab 27. April im Karlsruher Prinz-Max-Palais die Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ gezeigt wird. „Aber er wird nicht im Mittelpunkt stehen“, beugt Alexandra Kaiser, die das Ausstellungsteam leitet, falschen Erwartungen vor. Denn bei der Schau im Stadtmuseum solle ein besonderer Fokus auf die Bewegungen gelegt werden, die 1968 angestoßen wurden und bis heute weiterwirken.

Zum Scheitern verurteilt

Wozu Durlachs Roter Turm eher nicht zählt. „Die Radikalität des Turmkreises verurteilte sein Jugendheim-Projekt letztlich zum Scheitern“, heißt es auch im Begleitband, den das Haus der Geschichte Baden-Württemberg zu seiner 60er-Jahre-Schau herausgegeben hat.

Hier gibt es weitere Infos über die 60er-Jahre-Schau in Stuttgart.