Sven Bagger ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Karlsruhe
Sven Bagger hat 2015 in der Zeitung von dem besonderen Ehrenamt gelesen und sich dann als ehrenamtlicher Richter beworben. | Foto: Hora

Richter ohne Robe

Ehrenamtliche Richter haben das gleiche Stimmrecht wie die hauptamtlichen Kollegen

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Der 63-jährige Karlsruher Sven Bagger hatte im April 2015 in den Badischen Neuesten Nachrichten gelesen, dass in Karlsruhe ehrenamtliche Richter gesucht werden. Prompt hat er sich dafür beworben und es hat geklappt. Seither übt er das Amt am Karlsruher Verwaltungsgericht aus.

„Es ist meine persönliche Überzeugung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben“, sagt Bagger, der es nach eigenen Angaben gut im Leben gehabt hat und tolle Dinge erleben durfte.

Er sieht es als seine Verantwortung, seine eigenen Erfahrungen in das Ehrenamt einfließen zu lassen. Seit seinem 23. Lebensjahr hat Bagger Menschen geführt, zum Teil bis zu 500 Mitarbeiter. „Das war damals bei der US Army“, erklärt der Karlsruher im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten.

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Interesse an zweiter Amtsperiode

Sein Ehrenamt macht ihm so viel Freude, dass er für eine weitere Amtsperiode antreten möchte. Im Mai dieses Jahr stehen die Wahlen an.

Zuletzt arbeitete Bagger bei L’Oréal in Karlsruhe als Logistikleiter und war dort für Deutschland und Österreich zuständig. Sein Arbeitgeber unterstützte ihn stets in seinem Ehrenamt und verstand die Bedeutung dieser gesellschaftlichen Verpflichtung.

Etwa vier Termine pro Jahr

Zu Beginn musste Bagger als ehrenamtlicher Richter einen Eid leisten. Etwa vier Termine hat er pro Jahr vor Gericht. Sechs Wochen zuvor erhält er die Einladung zu einer Verhandlung. Dann hat Bagger drei bis vier Tage Zeit, um den Termin zu bestätigen. Vier Wochen zuvor folgen die Unterlagen zu dem Fall, damit er sich mit diesem vertraut machen kann. Vor dem Termin gibt es Zeit für Rückfragen. Die Stimme des ehrenamtlichen Richters zählt ebenso wie die eines hauptamtlichen Richters. Bei etwa 95 Prozent der Fälle folgt das Urteil in schriftlicher Form, beim Rest gibt es einen Gütevorschlag, der angenommen werden kann oder nicht.

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Zwei ganz besondere Fälle

Zwei seiner Fälle sind dem ehemaligen Logistikleiter besonders in Erinnerung geblieben: Ein Fall bei dem der Vize-Präsident der Hells Angels aus Heilbronn beteiligt war und ein Fall mit einem Energieanlagenbetreiber in Buchen. „Der Hells-Angels-Fall ging allein acht Stunden“, sagt Bagger. Dabei sei auch Lutz Schellhorn, Fotograf und Präsident der Stuttgarter Hells Angels, als Leumundszeuge geladen gewesen. Zu Beginn seiner Tätigkeit arbeitete Bagger für die neunte Kammer. Damals hatte er vor allem über Asylfälle mit Aufenthaltsgenehmigungen zu entscheiden. „Das waren schon viele Geschichten, die ans Herz gingen“, blickt er zurück.

Sven Bagger ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Karlsruhe
Etwa eine Woche vor der jeweiligen Verhandlung erhält Sven Bagger die Infos zu dem Fall. | Foto: Hora

Estnische Wurzeln

Ehrenamtliche Tätigkeit kennt Bagger schon von der Deutsch-Estnischen Gesellschaft in Karlsruhe, wo er acht Jahre lang Vorsitzender war. Bagger wurde in Karlsruhe als „heimatloser Ausländer“ geboren. 1969 hatte sein Vater für die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft gekauft.

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Engagierter Opa

Nach einem Herzinfarkt trat der Witwer etwas kürzer und entschied sich für Altersteilzeit. Nun bleibt mehr Zeit für seine beiden Kinder, seine neue Partnerin und sein Enkelkind in München. Oder fürs Posaunespielen im Knielinger Blasorchester oder Tollhaus-Besuche. Im Sommer trifft man den Jazz-Fan bei den Schlosslichtspielen vor dem Karlsruher Schloss.

Fakten über das Ehrenamt
Ehrenamtliche Richter oder auch Laienrichter am Verwaltungsgericht werden neben den Berufsrichtern eingesetzt – mit gleichem Stimmrecht. Sie repräsentieren die Bürger, sind ein demokratisches Element und sollen eine gesellschaftliche Kontrollinstanz sein. Es gibt sie bereits seit dem Mittelalter – vor allem bei Strafprozessen. Sie tragen im Gegensatz zu Berufsrichtern keine Robe.
Eine Amtsperiode dauert fünf Jahre. Maximal zwölf Sitzungstage pro Jahr kommen auf die ehrenamtlichen Richter zu. Sach- und Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Voraussetzung sind die Vollendung des 25. Lebensjahres und ein Wohnsitz innerhalb des Gerichtsbezirks.
Der ehrenamtliche Richter ist grundsätzlich zur Übernahme des Amtes verpflichtet. Vor Beginn seiner Tätigkeit wird er in einer öffentlichen Sitzung des Gerichts durch den Vorsitzenden vereidigt. Für seine Tätigkeit erhält er keine Vergütung, sondern eine Entschädigung – beispielsweise für Fahrtkosten oder den Verdienstausfall.