DIE STIMME DER LEOPOLDINA: Gerald Haug wurde in Karlsruhe geboren und hat auch hier studiert. Seit März 2020 ist er Präsident der Gelehrtengesellschaft. | Foto: Carsten Costard

Die Leopoldina berät zu Corona

Ein Karlsruher ist das Gesicht und die Stimme der nationalen Wissenschaftsakademie

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Gerald Haug aus Karlsruhe ist seit März Präsident der Leopoldina. Der bald 400 Jahre alten Wissenschaftsakademie gehörten schon so illustre Menschen wie Goethe, Humoldt, Darwin und Albert Einstein an. Bis heute berät die Leopoldina die Politik in wissenschaftlichen Fragen. In der Corona-Krise spielt sie dieser Tage eine besondere Rolle.

Wahrscheinlich ist es eines dieser Ämter, das man sich nie wirklich wünscht, doch wenn man eines Tages gefragt wird, kann man schlecht Nein sagen. „Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“ – das klingt ein bisschen wie „Hüter des Heiligen Grals“. Groß und ehrerbietend und so, dass jeder, der das Amt ausfüllt, sich dabei fast schon selbst wie ein lebendes Denkmal vorkommen muss.

Leopoldina: Die „Stimme der Wissenschaft“

Seit dem 1. März dieses Jahres steht der Karlsruher Gerald Haug an der Spitze der Leopoldina. Die „Stimme der Wissenschaft“, wie Bundeskanzlerin Merkel die Einrichtung einmal nannte, hat ihren Sitz in Halle an der Saale. Haugs Wechsel auf den Präsidentenstuhl ging weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit vonstatten. Denn obwohl die Leopoldina eine der ältesten naturforschenden Akademien der Welt ist, machte sie in den vergangenen 368 Jahren ihres Bestehens nicht gerade täglich von sich reden.

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Goethe und Einstein waren Mitglieder

Seit Corona ist das anders. Das Virus rückte die altehrwürdige Gelehrtengesellschaft, zu deren illustren Mitglieder Menschen wie Johann Wolfgang von Goethe, Alexander von Humboldt, Charles Darwin oder auch Albert Einstein zählten, ganz plötzlich ins Licht der Fernsehkameras.

Haug ist dabei Gesicht und Stimme der unabhängigen Wissenschaftsakademie, die die Politik derzeit rund um die Pandemie berät. In ihrer jüngsten Ad-Hoc-Stellungnahme geben die Gelehrten ihre Einschätzungen zur schrittweisen Lockerung des Lockdowns. Diese Erkenntnisse dürften beim gestrigen Treffen der Kanzlerin mit den Länderchefs eine wichtige Rolle gespielt haben.

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Wichtige Ratgeber in der Corona-Zeit

Auch in Corona-Zeiten tut die Leopoldina das, was sie eigentlich schon immer tut. Wissenschaftler aus 27 verschiedenen Disziplinen, vom Mathematiker bis hin zum Kulturwissenschaftler, sind in der Gelehrtengesellschaft vereint. Interdisziplinär und möglichst umfassend besprechen sie Themen, die für Politik und Gesellschaft wichtig sind. Ob Klimawandel, Präimplantationsdiagnostik oder künstliche Intelligenz – die Publikationen helfen Politikern bei ihren Entscheidungen.

Sammelbecken für kluge Ideen

Vier Ärzte gründeten 1652 die „Akademie der Naturforscher“. 35 Jahre später sicherte Kaiser Leopold I. den Wissenschaftlern dann die „völlige Zensurfreiheit“ zu. Zum Dank wurde die Akademie nach ihm benannt.

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Die Leopoldina ist das, was man amerikanisch als „Thinktank“ bezeichnet. Ein Sammelbecken für Ideen, und Gedanken rund um wissenschaftliche Erkenntnisse. 1.600 Wissenschaftler aus über 30 Ländern tauschen sich permanent untereinander aus. Aktuell sind 30 Nobelpreisträger darunter. In der Geschichte der Leopoldina waren es bislang 179.

Es kommen dort die Klügsten der Klugen zusammen

Frank Schilling, Dekan der KIT-Fakultät für Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften 

„Es kommen dort die Klügsten der Klugen zusammen“, beschreibt Frank Schilling die Einrichtung. Der Dekan der KIT-Fakultät für Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften kennt den neuen Präsidenten Haug gut. Am Geoforschungszentrum in Potsdam waren die beiden Wissenschaftler jahrelang Kollegen.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Gerald Haug studierte in seiner Heimatstadt Karlsruhe Geologie, zur Promotion ging er nach Kiel. Danach folgten Stationen in Amerika und der Schweiz, wo Haug sich auf dem Gebiet der Klimaforschung spezialisierte. Zu seinen spektakulärsten Forschungsarbeiten gehören Sedimentsbohrungen vor der Küste Südamerikas. Durch die Untersuchung der Erdschichten vom Meeresboden fand Haug heraus, dass die Hochkultur der Maya höchstwahrscheinlich an drei aufeinanderfolgenden Dürreperioden zugrunde ging. Seit 2015 ist Gerald Haug Direktor der Abteilung Klimageochemie am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.

Meeresarchäologe berät die Kanzlerin

Im Dezember wählte ihn die Leopoldina an die Spitze, im März folgte seine offizielle Amtseinführung. Keine drei Wochen später musste der Meeresarchäologe dann schon die Kanzlerin in Sachen Corona beraten. Wegbegleiter Schilling sieht darin überhaupt keinen Widerspruch. „Haug stellt sich. Er geht gern aus seinem Elfenbeinturm hinaus. Komplizierte Sachverhalte nachvollziehbar zu präsentieren, das ist genau sein Ding.“