Historisches Tor in der Schmiede
ZUR RESTAURIERUNG steht das Karlsruher Salve-Tor in der Schmiede von Martin Wilperath. Der Metallgestalter hat dazu ein Konzept erarbeitet. Inzwischen ist er der Experte für diese badische Schmiedekunst. | Foto: ruh

Teile des Kunstwerks gesucht

Ein Tor grüßt die Welt

Es ist nicht Karlsruhes Tor zur Welt. Aber dieses Kunstwerk lenkte bei einer Weltausstellung die globale Aufmerksamkeit auf die Fächerstadt – exakt vor 125 Jahren in Chicago. 1893 ging die Schmiedekunst aus Baden mit dem Schiff über den großen Teich und gewann in Übersee die Goldmedaille. Das Offenburger Schmiedegenie Franz Karl Bühler hat das Wunderwerk des Neorokoko 1888 geformt. Große Kunst für die Ewigkeit, das meinen Denkmalschützer und Kunstverständige.

Salve-Tor in der Pfalz

Doch die Zeit hat am filigranen Freiluft-Kunstwerk genagt. Zu seiner langwierigen Sanierung ist das Salve-Tor deshalb vorübergehend aus Karlsruhe verschwunden. Vielleicht im Juni 2020 empfängt das kostbare Tor mit seinem eisernen „Sei gegrüßt“ wieder kunstsinnige Betrachter aus aller Welt in einem üppig blühenden Stadtgarten.

Schöpfer Bühler

Bühlers Auftraggeber war der Badische Kunstgewerbeverein in der Residenzstadt Karlsruhe. Das Salve-Tor kehrte, nachdem es als badisches Exponat die ganze Welt begrüßt hatte, aus Amerika heim und wurde um das Jahr 1900 als Augenschmaus im Stadtgarten aufgestellt – zunächst nahe des Nordeingangs, später westlich des See an der Wolff-Anlage. Dort fiel es von Hecken überwuchert fast in einen Dornröschenschlaf. Seit fast zwei Jahren fehlt es: Das Gartenbauamt der Stadt, der heutige Torhüter, ließ es im Verbund mit dem Landesdenkmalamt demontieren und zum Restaurieren in die Pfalz verfrachten.

Sanierungsplan kommt

Das filigrane Eisen ist alt geworden und bedarf einer grundlegenden Sanierung. Metallgestalter Martin Wilperath hat es in seine Schmiede geholt. Sein Vorschlag für das Sanierungskonzept steht. Akribisch hat sich der Eisenkunst-Enthusiast zwei Jahre lang in die Materie eingearbeitet und sich zum vom Denkmalamt hochgeschätzten Experten für das Salve-Tor entwickelt. Im Hochsommer wollen Denkmalamt und Gartenbauamt mit dem Metallgestalter Wilperath den konkreten Sanierungsplan beschließen.

Comeback für Rosen und Schild?

Dann könnten Wilperath und seine sieben Mitarbeiter in der Altriper Schmiede das Sanierungsfeuer entfachen. Die Zukunft des Schmiedeschatzes wird auf drei Ebenen angestrebt: Zunächst geht es um die Sicherung der Substanz, also um das Entfernen des Rosts und das Beseitigen der Schäden. Stufe zwei bringt die Rekonstruktion fehlender Teile des 3,8 Meter hohen Tores: Vor allem in den vergangenen 30 Jahren hat das Salve-Tor herbe Verluste erlitten: „Die Bekrönung fehlt“, erklärt Wilperath. Auch würde er gerne an der floralen Schmiedearbeit etwa zwei Rosen, deren Stile einander umranken, wieder in Eisen erblühen lassen. Dies gilt auch für das namengebende Salve-Schild unter dem Toraufsatz. Irgendwann nach 1988 ist der Schriftzug dem Kunsttor an der Wolff-Anlage im Stadtgarten verloren gegangen.

Gibt es die Seitentore noch?

Wilperath treibt zudem der Wunsch um, Bühlers Salve-Tor wieder komplett zu machen. Zwar steht das Tor über 100 Jahre allein im Stadtgarten. Eigentlich aber fehlen dem überragenden Mittelteil die beiden Seitenflügel, mit denen es in Chicago Furore machte. Die Seitenteile kamen auch zurück aus Amerika und landeten ebenfalls in Karlsruhe. Aber sie wurden nicht mehr mit dem Salve-Bogen aufgestellt. Es scheint sicher, dass sie vor 100 Jahren im Keller der Kunstgewerbeschule, heute Kunstakademie, lagen. „Wo sind sie geblieben“, fragt Martin Wilperath. Er glaubt, dass die Torteile nicht im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden.

 

Salve-Tor im Stadtgarten
DAS SALVE-TOR ziert über 100 Jahre den Stadtgarten. Mehrfach zog es dort um. Seit zwei Jahren ist es in Karlsruhe nicht mehr zu sehen. | Foto: Stadtarchiv/Schlesiger

„Das Tor soll nicht mehr so zugewachsen in der Wolff-Anlage, sondern an anderer Stelle frei im Stadtgarten stehen, damit es seine Wirkung entfalten kann“, erklärt der Metallrestaurator. Einfache Sandsteinsäulen sollten es halten – und auf jeder Seite solle nach einem Freiraum noch eine Säule stehen. Auf diese Weise könne der Betrachter sehen, was dem Tor fehlt. Am liebsten aber würde Wilperath die historischen Teile wiederfinden und an den vorgesehenen Stellen neben dem erhaltenen Haupttor einhängen.

Maximum rausgeholt

„Bühler hat aus dem Material das Maximum rausgeholt, er hat die Schmiedekunst auf die Spitze getrieben“, meint der angehende Restaurator im Metallhandwerk. Für Wilperath ist das komplette Salve-Tor von großem künstlerischen und kunstgeschichtlichen Wert. „Es wurde seit Chicago immer mehr zurückgestuft, ich möchte, dass es wieder am passenden Ort den richtigen Stellenwert bekommt“, erklärt er.

Maler in der Psychiatrie

Zudem gelte es, die Erinnerung an Bühler, den Schmied, wachzuhalten. Der Offenburger Künstler litt an Seelenqualen. Vier Jahre nach dem Triumph mit dem Salve-Tor in Chicago kommt er 1897 in eine psychiatrische Klinik. Bühler lebte dann über 40 Jahre in Heimen. Seine geniale Gestaltungskraft loderte auch in der langen Krankheit auf. Er malte. Bühlers Bilder fanden Einzug in die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung der Werke von Psychiatrie-Patienten.

Von den Nazis ermordet

Die Nazis haben den damals 76-jährigen Bühler 1940 wie tausende Behinderte und psychisch Kranke bei der „Euthanasie-Aktion“ T 4 ermordet – allein im württembergischen Schloss Grafeneck 11.000 Menschen. Der schizophrene Künstler wurde als im Nazijargon „unwertes Leben“ mit Kohlenmonoxid vergast.

In alten Dokumenten hat Wilperath Belege für die Existenz der Seitenteile des Tors bis 1935 gefunden. Dann verlieren sich die Spuren. „Es ist schmerzlich, dass die Teile fehlen. Ich kann nicht begreifen, dass so etwas Tolles einfach wegkommt“, meint Wilperath.

Nun hofft Experte Wilperath auf das Unwahrscheinliche: Durch diesen BNN-Artikel aufmerksam gemacht, erinnert sich ein Leser – in Karlsruhe, Offenburg oder einem anderen Ort der Region – an die kostbaren Kunstschmiedearbeiten. Vielleicht liegen die Vermissten doch noch bei jemandem unbeachtet in Garten, Keller oder Schuppen. Oder Erinnerungen an Erzählungen der Eltern oder Großeltern werden wach.

Vermisste Kunstwerke

Wer mit Informationen helfen kann, wendet sich an das Gartenbauamt unter der Telefonnummer 0 7 21 1 33 67 00 (E-Mail: gba@karlsruhe.de). Für Informationen sind auch die BNN (E-Mail: ka-stadt@bnn.de) offen.