Der heilige Benedikt und seine Schwester Scholastika: Die wunderschöne Buchmalerei findet sich in einem Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert. Die Handschrift wurde im Zisterzienserkloster Herrenalb vermutlich speziell für das nahe gelegene Frauenkloster Lichtenthal angefertigt. | Foto: Badische Landesbibliothek Karlsruhe Cod. Lichtenthal 20 (Ausschnitt)

Die Affäre Mone

Ein wahrer Krimi: Wie Buchschätze aus Kloster Lichtenthal nach Karlsruhe kamen

Anzeige

War der große Bücher-Klau die Rache eines bitter enttäuschten Wissenschaftlers? Die „Affäre Mone“ kostete den badischen Staat im ausgehenden 19. Jahrhundert jedenfalls eine Menge Geld. Und sie  sorgte dafür, dass mehr als 50 wertvolle Bände aus der Bibliothek der Cistercienserinnen-Abtei Lichtenthal in Baden-Baden bis heute verschollen sind. Die Badische Landesbibliothek (BLB) in Karlsruhe berichtet über diesen wahren Krimi in der Ausstellung „Lucida vallis – Das Kloster Lichtenthal als Zentrum kultureller Überlieferung“.

Kloster Lichtenthal überdauerte alle Krisen

Irmengard von Baden gründete die Abtei Lichtenthal – lateinisch: Lucida vallis – 1245 als markgräfliche Grablege. Es ist das einzige Kloster in Baden, in dem seit dem Mittelalter die Choräle zum Lob Gottes nie verstummt sind. Das Frauenkloster überdauerte alle Kriege, die Reformationswirren sowie die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und es hatte eine Bibliothek, die – vor der Affäre Mone – nie geplündert wurde.

Flüchtlinge in Lichtenthal

Die Bibliothek der Zisterzienserinnen profitierte letztlich sogar von den Krisen. Denn viele Nonnen und Mönche aus zerstörten oder aufgehobenen Klöstern fanden in Lichtenthal Zuflucht. Zisterzienser aus Maulbronn und Herrenalb ebenso wie Benediktinerinnen aus Frauenalb. Und etliche der Flüchtlinge brachten Handschriften und Frühdrucke aus ihren Heimatkonventen mit nach Lichtenthal. Das Kloster wurde so zum Zentrum kultureller Überlieferung für das Land am Oberrhein. Entsprechend interessant war (und ist) dieser einzigartige Buchbestand für Historiker.

Der Krimi beginnt mit wissenschaftlicher Arbeit

Rund 200 Handschriften und Drucke aus Kloster Lichtenthal zog Franz Josef Mone (1796–1871), der Direktor des Badischen Generallandesarchivs in Karlsruhe, heran, als er sich an die Herausgabe einer „Quellensammlung zur badischen Geschichte“ machte. Unterstützt wurde er bei dieser Arbeit durch seinen Sohn Friedegar (1829 –1900), der am Lyzeum in Rastatt unterrichtete. So weit, so gut – hätte sich Sohn Mone nach dem Tod des Vaters im Jahr 1871 nicht als legitimer Herausgeber des großen wissenschaftlichen Werkes gesehen. „Das badische Innenministerium stellte jedoch die Drucklegung ein“, berichtet Karen Evers von der Landesbibliothek.

Psalterium aus dem Oberrheingebiet, 2. Hälfte 13. Jahrhundert, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Lichtenthal 25 | Foto: BLB

Der große Bücher-Klau

Nun war Friedegar Mone psychisch offenbar alles andere als stabil. Deshalb war er auch bald nach dem Hinscheiden seines Vaters aus dem Schuldienst entlassen worden. Der um seine Aufgabe gebrachte Frühpensionär unterschlug die wertvollen Bände aus Lichtenthal. Sorgsam tilgte er die Besitzvermerke aus den Büchern und behauptete, sie selbst käuflich erworben zu haben. In den 1880er Jahren machte er sich daran, die Handschriften und Drucke zu verscherbeln.

Vater Staat greift ein

Der Schaden war enorm. Als Friedegar Mones illegales Treiben aufflog, setzte der badische Staat alles daran, die Kulturgüter aus der Klosterbibliothek Lichtenthal zu retten. Doch mehr als 50 Bände waren nicht mehr aufzutreiben. Die übrigen kaufte Vater Staat aus Antiquariaten und Buchhandlungen zurück. Allerdings nicht, um sie wieder zu den Zisterzienserinnen in Baden-Baden übergeben.

Die Schätze kommen in die Hofbibliothek

Vielmehr brachte man die Bücher 1889 in die Großherzogliche Hofbibliothek, die heutige Badische Landesbibliothek. Dort, so Karen Evers, kommt dem Bestand aufgrund seines Status als seit dem Mittelalter gewachsene Klosterbibliothek eine Sonderstellung zu. Rund weitere 100 Codices werden bis heute im Kloster Lichtenthal bewahrt.

Extratipp: „Die Affäre Mone – Handschriften und Drucke aus der Lichtenthaler Klosterbibliothek“.  Am 14. Februar 2019  kann man um 18 Uhr in der Badischen Landesbibliothek einige der herausragenden Bände, die Friedegar Mone unterschlagen hatte, aus der Nähe bewundern.  Die  Veranstaltung mit Ausstellungskuratorin Annika Stello findet im der Lounge im Wissenstor in der Karlsruher Erbprinzenstraße statt. Der Eintritt kostet drei Euro.

Auf gute Zusammenarbeit

Den Aderlass von damals tragen die Zisterzienserinnen der Landesbibliothek nicht nach. „Die Bücher sind bestens aufgehoben“, sagt Maria Bernadette Hein. Sie ist die Äbtissin des Klosters, in dem heute noch 22 Nonnen leben.  Julia Freifrau Hiller von Gaertingen, die Direktorin der Landesbibliothek, spricht sogar von einer „ganz besonderen Beziehung“, die sich durch die Verteilung des mittelalterlichen Lichtenthaler Buchbesitzes auf die Institutionen in Baden-Baden und Karlsruhe ergebe. „Sichtbar zu machen, welche für die Landesgeschichte bedeutungsvollen Lichtenthaler Schätze in unseren Häusern die Jahrhunderte überdauern konnten, ist das erklärte Ziel unserer Zusammenarbeit“, so die BLB-Chefin.

Unter anderem ist in der Ausstellung „Lucida vallis“ auch der Lichtenthaler „Bambino“ zu sehen. Das aus Wachs geformte und in Seide und Tüll gewickelte Lichtenthaler Jesuskind entstand im 18. Jahrhundert wohl im Kloster Tennenbach. Es gehört zum Typus des in Süddeutschland und Österreich verbreiteten Fatschenkindes, wie man es in der Weihnachtszeit noch heute in manchen Krippen der Region findet.
Nicht nur Bücher sind in der Ausstellung „Lucida vallis“ ausgestellt: Unter anderem ist auch der Lichtenthaler „Bambino“ zu sehen. Das aus Wachs geformte und in Seide und Tüll gewickelte Lichtenthaler Jesuskind entstand im 18. Jahrhundert wohl im Kloster Tennenbach. Es gehört zum Typus des in Süddeutschland und Österreich verbreiteten Fatschenkindes, wie man es in der Weihnachtszeit noch heute in manchen Krippen der Region findet. | Foto: abw

Ausstellungsstücke aus Lichtenthal und Karlsruhe

Dies ist mit „Lucida vallis“ wohl gelungen. Die von Karen Evers und Annika Stello kuratierte Schau im Ausstellungssaal der Landesbibliothek wartet mit erlesenen Exponaten aus beiden Institutionen auf.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Präsentation von Handschriften, die das Spektrum vom Mittelalter bis hin zum 18. Jahrhundert abdecken. Zisterziensische Verfassungstexte aus der Gründungszeit des Klosters finden sich darunter ebenso wie bebilderte und mit Gold verzierte Psalterien. Das „Buch von den heiligen Mägden und Frauen“ hat die  Lichtenthaler Schreib- und Lesemeisterin Regula um 1460 zusammengestellt. Es sollte der Erziehung und Erbauung ihrer Mitschwestern dienen.

Pracht und Frömmigkeit

Daneben vermitteln Urkunden aus dem Generallandesarchiv, eindrucksvolle Porträts und ein reich geschmückter Äbtissinnenstab die herausragende Rolle, die Kloster Lichtenthal einst am Oberrhein spielte. Eher rührend mutet hingegen ein liebevoll in Spitzen gewickeltes „Fatschenkind“ aus dem 18. Jahrhundert an. Es kündet ebenso wie ein kleiner, um 1520 entstandenes Hausaltar oder ein Püppchen im Zisterzienserinnenhabit von der Frömmigkeit, die seit dem 13. Jahrhundert das Leben in Kloster Lichtenthal bestimmt.

 

Die Ausstellung „Lucida vallis – Das Kloster Lichtenthal als Zentrum kultureller Überlieferung“ ist zu sehen bis 16. Februar 2019 in der Badischen Landesbibliothek, Erbprinzenstraße 15, in Karlsruhe. Geöffnet montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr. Mehr Infos gibt es hier.